Mit dem Papst auf Reisen – die Pressekonferenz

Missbrauch, Zölibat, wiederverheiratete Geschiedene und das geplante Nahost-Friedenstreffen im Vatikan. Die Themenpalette bei der zweiten „fliegenden Pressekonferenz“ von Papst Franziskus war wieder weit. Geduldig stellte sich Franziskus den Fragen der rund 70 mitreisenden Journalisten. Mal scherzte er, mal war er ernst und nachdenklich, mal selbstironisch. Die Fragen durften frei gestellt werden, es gab keine Tabus. Lediglich innerhalb der Sprachgruppen mussten sich die Journalisten vorab darauf verständigen, was sie vom Pontifex wissen möchten. Der war geduldig und wartete am Anfang auch drei Minuten, bis alle technischen Probleme mit der Lautsprecheranlage an Bord gelöst waren.

50 Minuten bei den Journalisten

Franziskus wirkte angesichts der anstrengenden Nahost-Reise zwar an einigen Stellen etwas müde. Doch als Vatikansprecher Federico Lombardi nach knapp einer halben Stunde die Pressekonferenz beenden wollte, sagte der Papst, man könne ruhig noch weitermachen. Nach 50 Minuten beendete Vatikansprecher Lombardi die Pressekonferenz dann aber doch. Der Papst ergriff noch einmal kurz das Wort, bedankte sich bei den Journalisten und bat sie, für ihn zu beten.

Was erwartet die Leser nun hier: Ich habe angesichts der Zeit – der Katholikentag in Regensburg steht vor der Tür – nicht die Möglichkeit gehabt, das Interview komplett zu transkribieren und zu übersetzen. Die Reihenfolge spiegelt weitestgehend die originale Reihenfolge in der Pressekonferenz wieder. Die als Zitate kenntlich gemachten Sätze sind von Franziskus. Ab und an habe ich bereits eine Einordnung versucht. Sicher wird auch diese Pressekonferenz noch länger nachwirken und zu Diskussionen Anlass geben – wie übrigens auch die Nahostreise.

Seine Gesten

Angesprochen auf die Gesten erklärte Franziskus, dass diejenigen die authentischsten seien, „über die man nicht nachdenkt, die einem einfach so kommen“. Er habe ein bisschen überlegt; aber keine der Gesten habe er konkret geplant. Was das gemeinsame Gebet der beiden Präsidenten angeht, habe es im Vorfeld der Reise interne Diskussionen gegeben, es im Rahmen der Reise im Heiligen Land zu machen. „Aber es gab viele logistische Probleme, viele!“ Etwa die Frage des Ortes, das sei nicht einfach. Am Ende sei dann das herausgekommen, was er am Sonntag vorgeschlagen habe: ein Treffen im Vatikan. „Ich hoffe, es wird gut.“ „Die anderen Gesten waren nicht überlegt. Sie kommen mir so. Das ist spontan.“ Als Beispiel nannte er den Handkuss in Yad Vashem für die Überlebenden des Holocaust. Am Montagmorgen hatte er bei der Begegnung mit sechs Überlebenden zur Begrüßung die Hand jedes Einzelnen geküsst

Thema Missbrauch

„In Argentinien sagen wir zu den Privilegierten, er ist ein Sohn des Vaters. In dieser Angelegenheit wird es keine Söhne des Vaters geben.“ Gegenwärtig gebe es Untersuchungen gegen drei Bischöfe. Einer sei bereits verurteilt und man müsse jetzt die Strafe noch festlegen. „Es gibt hier keine Privilegien.“ Was den Missbrauch der Minderjährigen anbetreffe, so sei das ein brutales Vergehen. „Ein Priester, der das macht, verrät den Herrn.“ Denn seine Aufgabe sei es, das Kind zur Heiligkeit zu führen. Wenn ein Priester ein Kind missbrauche, sei das ein extrem schweres Vergehen. Franziskus verglich es mit dem Feiern einer schwarzen Messe. Dieser Vergleich verwundert auf den ersten Blick. Doch gibt es Schlimmeres als einen Pakt mit dem Teufel, der bei einer schwarzen Messe gefeiert wird? Damit drückt dieser Vergleich die besondere Schwere der Tat aus.

Franziskus kündigte an, dass er Anfang Juni in Santa Marta im Vatikan eine Messe mit sechs bis acht Missbrauchsopfern feiern werde, darunter zwei Deutschen. Danach soll es ein Gespräch geben.  Und dann ein Treffen, „ich und sie“. Kardinal Sean Patrick O‘Malley, der die neu installierte vatikanische Kinderschutzkommission leitet, werde auch dabei sein. „In dieser Angelegenheit muss man vorangehen, mit Null Toleranz.“ Nach ZDF-Informationen wird die Begegnung Anfang Juli stattfinden. Angesichts der strapaziösen Reise kann man Franziskus die Ungenauigkeit beim Datum durchaus nachsehen. Mehr Infos auch in meinem heute.de-Artikel.

Finanz-Skandale

Ein Kollege sprach Franziskus auf seine Sehnsucht nach einer „armen Kirche für die Armen“ an und fragte, ob dann Skandale wie jüngst um die angebliche 600qm-Wohnung des ehemaligen Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone diese Idee nicht konterkarierten.  Franziskus sagte: Jesus habe seinen Jüngern gesagt, dass Skandale unvermeidbar seien. „Wir sind alle Menschen und damit Sünder. Die Skandale wird es immer geben.“ Man müsse aber vermeiden, dass es immer mehr gibt. In finanziellen Dingen seien Ehrlichkeit und Transparenz grundlegend. Die beiden Kommissionen, die er zur Reform der Vatikanbank IOR (CRIOR) und für die allgemeinen Reformen bei der Finanzverwaltung (COSEA) eingesetzt habe, hätten Vorschläge gemacht, die jetzt in Zusammenarbeit mit dem Sekretariat für Wirtschaft umgesetzt würden. Die Kirche müsse sich immer reformieren, das hätten schon die Kirchenväter gesagt: ecclesia semper reformanda. Das neue Wirtschaftssekretariat habe auch die Aufgabe, künftig Skandale zu verhindern.

Was die Vatikanbank IOR anbetreffe, seien jetzt rund 1.600 Konten geschlossen worden von Personen, die kein Anrecht auf ein Konto hatten. „Das IOR ist zur Hilfe für die Kirche da.“ Es sei keine offene Bank. Es sei gut, diese Konten zu schließen. Mit Blick auf die Nachrichten der vergangenen Woche, das IOR habe auf Druck des ehemaligen Kardinalstaatssekretärs Bertone, Beteiligungen an einem römischen Filmunternehmen erworben, die dann wertlos gewesen seien und zu einer Abschreibung von 15 Millionen Euro geführt hätten, sagte er: Die Sache werde derzeit untersucht. Es sei noch nicht klar, ob eine Verfehlung vorliege oder ob doch alles mit rechten Dingen zugegangen sei.

Thema Arbeitslosigkeit

Franziskus wiederholte seine Kritik am aktuellen Wirtschaftssystem, in dem nicht der Mensch im Mittelpunkt, sondern das Geld. Er erinnerte an die hohe Arbeitslosigkeit gerade unter Jugendlichen, die etwa im Süden Spaniens in Andalusien bis zu 60 Prozent betrage. Gegenwärtig „werfe man die Jugend weg“. Es gebe heute eine „weder-noch-Generation“, die weder studiere noch arbeite. Es sei sehr schlimm, wenn man eine Generation von Jugendlichen „wegwerfe“. „Das ist ein inhumanes Wirtschaftssystem.“ Mit Blick wohl auf die Kritik, die er auf sein Schreiben Evangelii Gaudium bekam, in dem er das aktuelle Weltwirtschaftssystem scharf kritisiert, stellte Franziskus fest: „Ich hatte keine Angst im Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium zu sagen, diese Wirtschaft tötet. Ich wiederhole das.“

Thema Zölibat

Ein Kollege fragte nach dem Pflichtzölibat und erinnerte an den Brief der italienischen Frauen, die einen Priester lieben, von vor wenigen Tagen. Darauf gab Franziskus zu bedenken, dass es in der katholischen Kirche ja durchaus verheiratete Priester gebe, etwa in den katholischen Ostkirchen. Dann stellte er klar: „Der Zölibat ist kein Glaubensdogma. Es ist eine Lebensregel, die ich sehr schätze und die ich als Geschenk für die Kirche sehe. Da es kein Glaubensdogma ist, ist die Tür immer offen. Gegenwärtig haben wir nicht darüber gesprochen als Programm. Zumindest nicht gegenwärtig. Wir haben wichtigere Dinge.“

Die Begegnung mit Patriarch Bartholomaios

Mit Patriarch Bartholomaios habe er nicht über den Zölibat gesprochen, da es in dieser Beziehung sekundär sei. „Wir haben über die Einheit gesprochen, die ein Weg ist. Man macht die Einheit nicht in einem theologischen Kongress.“ Wichtig sei es, gemeinsam zu gehen und gemeinsam zu arbeiten in den Feldern, in denen man etwas gemeinsam machen könne. Als ein Beispiel nannte Franziskus den Bereich der Ökologie, der beiden Kirchenführers sehr am herzen liege. Hier soll es gemeinsame Aktionen geben. Außerdem hätten sie darüber gesprochen, beim panorthodoxen Konzil über einen Ostertermin zu diskutieren. „Es ist witzig zu fragen, wann ist dein Christus auferstanden? Nächste Woche! Ah, meiner ist schon letzte Woche auferstanden“, brachte es der Papst schmunzelnd auf den Punkt.

Thema Asien und Religionsfreiheit

Papst Franziskus kündigte eine zweite Asienreise an. Neben der Koreareise im August 2014 werde er im Januar 2015 zunächst für zwei Tage nach Sri Lanka und direkt im Anschluss für vier Tage auf die Philippinen reisen, um dort die vom Tsunami betroffenen Gebiete zu besuchen. Auf die besondere Situation der Christen in Nordkorea und China angesprochen, erklärte Franziskus, das Problem der Religionsfreiheit  gebe es nicht nur in Asien, sondern auch anderswo auf der Welt. Er unterschied dabei zwischen Situationen, in denen es „einige Kontrollen“ gebe bis hin zu richtiger Verfolgung von Christen. „Es gibt Märtyrer heute, christliche Märtyrer, Katholiken und Nichtkatholiken.“ Noch immer gebe es Länder, in denen man etwa ein Kreuz nicht offen tragen dürfe oder den Kindern keinen Katechismusunterricht geben dürfe. „Ich glaube, heute gibt es mehr Märtyrer als in der Frühen Kirche.“ Man müsse diesen unterdrückten Christen helfen und viel für sie beten. Der Vatikan arbeite diskret, um den Christen in den betroffenen Ländern zu helfen. „Aber das ist keine leichte Sache.“

Thema Papstrücktritt

Angesprochen auf einen möglichen Rücktritt antwortete Franziskus: „Ich werde das machen, was der Herr mir sagt, das zu tun ist. Beten und den Willen Gottes ergründen. Ich glaube, dass Benedikt XVI. nicht ein Einzelfall ist.“ Er habe verspürt, dass er nicht mehr die Kraft habe und so habe Benedikt als ein demütiger und tief gläubiger Mensch diese Entscheidung getroffen. „Ich glaube, dass er eine Institution ist.“ Vor 60 Jahren habe es quasi keine emeritierten Bischöfe gegeben. Heute gebe es viele. „Was wird mit den emeritierten Päpsten geschehen? Ich glaube, wir müssen Benedikt XVI. ansehen als eine Institution. Er hat eine Tür geöffnet, die Tür der emeritierten Päpste. Ob es noch andere geben wird oder nicht, das weiß Gott. Aber diese Tür ist auf. Ich glaube, dass ein Bischof von Rom, ein Papst, der spürt, dass seine Kräfte nachlassen, heute lebt man ja länger, sich die selben Fragen stellen muss, die sich Papst Benedikt gestellt hat.“

Seligsprechung von Pius XII.?

Der Seligsprechungsprozess von Pius XII. sei offen, also im Laufen. Er habe sich informiert. Doch es gebe bisher noch kein Wunder. Ohne Wunder könne der Prozess nicht weitergehen und stehe quasi still. „Wir müssen die Realität dieses Prozesses akzeptieren und dann darüber [eine mögliche Seligsprechung] nachdenken und Entscheidungen fällen.“ Es sei jetzt aber eben noch nicht an der Zeit darüber nachzudenken, weil man noch im Stadium davor sei. Zur Seligsprechung brauche es ein Wunder, insistierte Franziskus. Das verwundert auf den ersten Blick, denn gerade hatte Franziskus bei der Heiligsprechung von Papst Johannes XXIII. auf ein Wunder verzichtet. Doch dabei ging es um ein zweites Wunder nach der Seligsprechung. Denn damals wurde eine nach heutigem Stand der Wissenschaft unerklärliche Heilung als Wunder anerkannt. Das heißt, für die Seligsprechung ist auf jeden Fall nach Franziskus ein Wunder notwendig, wenn er sich nicht um einen Märtyrer handelt, bei der Heiligsprechung kann es auch einmal wegfallen.

Das Nahost-Friedensgebet

Zum Treffen der Präsidenten Abbas und Peres im Vatikan präzisierte Franziskus, dass es sich um ein Gebetstreffen handelt. „Es geht nicht darum, eine Mediation zu machen oder Lösungen zu suchen. Wir treffen uns ‚nur‘, um zu beten. Und dann kehrt jeder nach Hause zurück. Aber ich glaube, dass das Gebet wichtig ist. Zusammen zu beten, ohne zu diskutieren, hilft.“ Es werde ein Rabbiner anwesend sein und ein Islamgelehrter. Er habe den Kustos der heiligen Stätten im Heiligen Land, den Franziskanerpater Pierbattista Pizzaballa damit beauftragt, die praktischen Dinge zu organisieren. Noch immer gibt es keine offizielle Bestätigung von vatikanischer Seite, dass das Treffen am 6. Juni stattfindet.

Thema Familie

Beim Thema Familie kritisierte der Papst, dass sich die Diskussion – auch von Kirchenleuten – einseitig auf das Thema „wiederverheiratete Geschiedene“ konzentriert. Er präzisierte, dass sich die Synode im Herbst mit allen Facetten rund um das Thema „Familie“ beschäftigen wird, mit den Problemen genauso wie mit den „Reichtümern“. Die Rede von Kardinal Walter Kasper zur Familie beim Konsistorium im Februar habe fünf Kapitel gehabt. Vier davon handelten von der Familie, den schönen Seiten, der Theologie der Familie und einigen Problemen der Familie. Das fünfte Kapitel habe sich mit dem Problem der Trennung und den Nichtigkeitserklärungen von Ehen beschäftigt.

Die wiederverheirateten Geschiedenen kämen beim Thema Kommunion ins Spiel. Durch die Konzentration auf dieses Problem, habe er den Eindruck bekommen, man wolle es auf eine Kasuistik reduzieren. Das Problem sei aber viel weiter, so Franziskus. Jeder wisse, dass die Familie weltweit in der Krise sei. „Ich möchte nicht, dass wir in diese Kasuistik verfallen. Man darf oder man darf nicht [zur Kommunion]. Das Problem der Familienpastoral sei sehr weit.“ Man müsse Fall für Fall studieren. Papst Benedikt XVI. habe etwas zu wiederverheirateten Geschiedenen gesagt, das ihm sehr helfe, so Franziskus: das Studium der Nichtigkeitsverfahren von Ehen, das Studium des Glaubens, mit dem Menschen die Ehe eingehen und schließlich klarzustellen, dass die Geschiedenen nicht exkommuniziert sind. „Oft werden sie aber behandelt, als wären sie exkommuniziert.“ Die Synode werde sich des Themas annehmen, aber in einer Gesamtschau auf das Thema Familie. Damit bleibt auch nach dieser Klarstellung offen, was beim Thema „wiederverheiratete Geschiedene“ passieren wird. Doch die Formulierung „Fall für Fall“ deutet in die Richtung, die schon oft bei den Aussagen von Franziskus zu diesem Thema zu erkennen war, keine Änderungen der grundsätzlichen Prinzipien, aber eine stärkere Verantwortung für die Seelsorger, die konkreten Situationen im Gespräch mit den Betroffenen zu bewerten und zu einer Entscheidung zu kommen.

Zur Kurienreform

„Das erste Hindernis bin ich!“ Wir sind an einem guten Punkt. Der Kardinalsrat studiere die ganze Konstitution „Pastor Bonus“ und die römische Kurie. Es gehe darum, einige Dikasterien zusammenzulegen, um die Organisation etwas zu vereinfachen. Ein Schüsselpunkt seien die Finanzen gewesen. Das Wirtschaftssekretariat helfe sehr. Es müsse mit dem Staatssekretariat zusammenarbeiten, denn viele Dinge seien eng verbunden. Im Juli gebe es eine viertägige Arbeitssitzung des Kardinalsrats und dann noch einmal vier Tage Ende September. Die Gruppe arbeite, auch wenn man noch nicht viele Ergebnisse sehe. Den Finanzbereich habe man schnell angehen müssen, weil die Presse viel darüber gesprochen habe. Die Hindernisse seien die üblichen bei einem Veränderungsprozess. Wichtig sei die Überzeugungsarbeit. „Ich bin zufrieden. Die Arbeit des Kardinalsrats hilft mir sehr.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.