Papst will Pfarrer sein.

In diesen Tagen gibt es zwei interessante Interviews. Das eine ist aktuell von heute. In einer italienischen Zeitung steht Papst Franziskus Rede und Antwort. Dabei geht es um Themen wie Missbrauch, wiederverheiratete Geschiedene, die Rolle der Frauen in der Kirche und die Enzyklika Humanae Vitae von Papst Paul VI. Das zweite Interview ist von Kardinal Pell, dem neuen vatikanischen Finanzminister, der sich in einer US-Zeitung zum Thema Vatikanfinanzen äußert. Dabei sagt erstmals ein enger Vertrauter des Papstes, dass die Schließung der Vatikanbank IOR vom Tisch sei. Gleichzeitig verspricht er aussagekräftigere Jahresbilanzen des Vatikans für die Öffentlichkeit.

Noch mehr emeritierte Päpste?

Bilanz seines ersten Jahres möchte Papst Franziskus keine ziehen. „Bilanzen“ mache er nur alle zwei Wochen gegenüber seinem Beichtvater, so der Pontifex zu Beginn des  Interviews mit der italienischen Tageszeitung „Corriere della Sera“. Und er macht mit dem Beispiel einer 80-Jährigen Witwe, die ihren Sohn verloren hat und die er jeden Monat anruft, gleich deutlich: „Ich mache den Priester. Das gefällt mir.“

Franziskus macht klar, dass er sich einen aktiven emeritierten Papst wünscht, der Leute trifft und an öffentlichen Ereignissen teilnimmt. „Der emeritierte Papst ist keine Statue in einem Museum.“ So wie es seit dem II. Vatikanischen Konzil emeritierte Bischöfe gebe, sollte das auch mit emeritierten Päpsten sein. „Benedikt ist der erste, und vielleicht wird es noch andere geben.“ Franziskus unterstreicht, dass er in seiner Arbeit von vielen begleitet und beraten werde. Aber es gebe dann einen Punkt, wenn es ums Entscheiden gehe, in dem er alleine sei mit seiner Verantwortung. Also ganz jesuitisch!

Er habe vor einem Jahr nicht mit einem bestimmten Reformprogramm für die Kirche sein Amt angetreten. Vielmehr versuche er das umzusetzen, was die Kardinäle im Vorkonklave diskutiert hätten. Scharf weist der Papst jede Form der Idealisierung oder gar Mystifizierung seiner Person scharf zurück. „Den Papst als eine Art Supermann, eine Art Star, zu malen, scheint mir beleidigend.“ Sigmund Freud habe einmal gesagt, dass in jeder Ideologisierung auch eine Aggression stecke. „Der Papst ist ein Mensch, der lacht, weint, ruhig schläft und Freunde hat, wie alle. Ein normaler Mensch.“ Franziskus stellt übrigens klar, dass er nachts nicht den Vatikan verlässt, um Obdachlosen Essen zu bringen.

Der Papst als Superstar. Dieses Bild gefällt Franziskus nicht.

Dieses Graffito dürfte Papst Franziskus also nicht gefallen haben. Es war Ende Januar für wenige Tage im Borgo Pio zu sehen.

Verteidigung beim Thema Missbrauch

Seine Äußerungen zum Thema Missbrauch werden sicherlich noch einige Diskussionen nach sich ziehen. Denn ob diese für die gesamte katholische Kirche gelten, also nicht nur einzelne Bischofskonferenzen, mag man doch bezweifeln. Der Abschnitt hier in der Übersetzung von Radio Vatikan:  „Ich will dazu zwei Dinge sagen. Die Missbrauchsfälle sind furchtbar, weil sie tiefe Wunden hinterlassen. Benedikt XVI. war sehr mutig und hat einen Weg geöffnet. Die Kirche hat auf diesem Weg viel getan. Vielleicht mehr als alle anderen. Die Statistiken zum Phänomen der Gewalt gegen Kinder sind beeindruckend, aber sie zeigen auch klar, dass die große Mehrheit der Missbräuche im Familien- und Nachbarschaftsumfeld geschehen. Die katholische Kirche ist vielleicht die einzige öffentliche Institution, die sich mit Transparenz und Verantwortung bewegt hat. Kein anderer hat mehr getan. Und doch ist die Kirche die einzige, die angegriffen wird.“

Ehe und Familie

Ausführlich nimmt Franziskus zum Thema Ehe und Familie Stellung. Dabei lobt er noch einmal den Vortrag von Kardinal Walter Kasper zu Beginn des Kardinalstreffens am 20. Februar. Positiv sieht er auch, dass die Kardinäle im Anschluss daran sehr kontrovers gesprochen haben. „Der brüderliche und offene Austausch lässt das theologische und pastorale Denken wachsen. Davor habe ich keine Angst, im Gegenteil: Das suche ich.“ Franziskus unterstreicht noch einmal, dass bei den Problemen in Ehe und Familie eine reine Kasuistik nicht weiterhilft. „Die Versuchung, jedes Problem mit der Kasuistik lösen zu wollen, ist ein Fehler, eine Vereinfachung von tiefgründigen Dingen, wie es die Pharisäer gemacht hätten, eine sehr oberflächliche Theologie.

Klar bekennt sich Franziskus dazu, dass für ihn die Ehe eine Verbindung von Mann und Frau ist. Was zivile Ehen anbetrifft, gibt Franziskus kein Urteil ab. Da müsse man den Einzelfall sehen. Franziskus verteidigt die umstrittene Enzyklika „Humanae Vitae“ von Papst Paul VI. Dieser habe den Mut gehabt, sich gegen die Mehrheit zu stellen, die „moralische Disziplin“ zu verteidigen. Allerdings, so Franziskus, komme es immer darauf an, wie man die Enzyklika interpretiere. Paul VI. selbst habe am Schluss den Beichtvätern geraten, „viel Erbarmen und Aufmerksamkeit für die konkreten Lebenslagen walten zu lassen“. Hier liegt wohl auch der Schlüssel für die „Reformen“, die Franziskus im Bereich von Moral und Familie anpacken will, wenn Franziskus sagt: „Die Frage ist nicht, ob man die Lehre ändert, sondern, ob man in die Tiefe geht und dafür sorgt, dass die Pastoral die einzelnen Lebenslagen und das, wozu die Menschen jeweils imstande sind, berücksichtigt.“

Was das Thema Frauen in der Kirche anbetrifft, wiederholt er seine Forderung, dass allein Frauen in mehr Leitungsfunktionen nicht ausreichten. Das marianische Prinzip leite die Kirche zusammen mit dem Petrusprinzip. Hier müsse die Theologie ran; was allerdings schon geschehe – etwa durch Studien im Päpstlichen Laienrat.

Nachdem ‚La Repubblica‘, wenn auch gefaked, und ‚LaStampa‘ ihre Interviews hatten, ist jetzt der ‚Corriere‘ dran. Man darf gespannt sein, ob Franziskus auch einmal an die internationalen Medien denkt. Bisher ist das Ganze etwas sehr provinziell. Hier hat er den Vatikan noch nicht aufgebrochen. Dort denkt man in erster Linie an Italien. Wenn dort einer der zahlreichen Vatikanisten einen Pieps tut, denkt man im Vatikan, die ganze Welt piepst in diese Richtung. Aber vielleicht lernt man das ja noch.

Kardinal Pell zu Finanzen

So soll es zumindest im Finanzbereich sein. Dort will der neue Finanzminister, Kardinal George Pell, im Auftrag des Papstes eine Internationalisierung vorantreiben. Das erklärte er am Sonntag gegenüber dem Boston Globe. Darin äußerte sich mit Pell erstmals ein hochrangiger Vertreter und enger Vertrauter des Papstes zur Zukunft der Vatikanbank IOR. Eine Schließung des IOR ist demnach vom Tisch. Pell bescheinigte dem deutschen IOR-Chef, Ernst von Freyberg, einen exzellenten Job, ebenso dem obersten Finanzaufseher Rene Brülhart. Das IOR mache gute Fortschritte, so der Kardinal. Er erhofft sich von seiner Arbeit Einsparungen in Millionenhöhe. Diese Mittel sollen durch eine effizientere Bürokratie erwirtschaftet werden und für soziale und pastorale Zwecke genutzt werden.

Zugleich versuchte Pell Ängste einzelner Vatikaninstitutionen zu zerstreuen, indem er betonte, dass keiner Institution etwas genommen werde. „Was ihres ist, bleibt ihrs. Niemand wird Geld von einer Kongregation wegnehmen.“ Aber seine Behörde müsse wissen,  wieviel Vermögen es in den einzelnen Institutionen gebe, ob es sinnvoll investiert und eingesetzt werde. Er will bis Ende März seine Mannschaft zusammen haben. Dem Vernehmen nach soll das neue Sekretariat für die Wirtschaft im Johannes-Turm in den Vatikanischen Gärten seine Büros haben. Wenn dem wirklich so wäre, würde das neue Dikasterium auch äußerlich über dem gesamten Vatikan thronen und das Treiben im kleinen Staat des Papstes beobachten.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.