Rücktritt von Benedikt XVI. – Paukenschlag mit Folgen

11. Februar 2013, 11 Uhr 41. Papst Benedikt XVI. hatte die in Rom lebenden Kardinäle zu einem Konsistorium zusammengerufen. Eigentlich soll es um neue Selige und Heilige gehen. Als die Veranstaltung eigentlich schon zu Ende war, holt Papst Ratzinger einen Zettel hervor und sagt auf Latein: „declaro me ministerio Episcopi Romae renuntiare“. Ein Papst tritt zurück – ein Schritt mit ungeahnten Folgen, historisch und, obwohl Ratzinger einen Rücktritt nie ausgeschlossen hatte, zu diesem Zeitpunkt doch überraschend. Knapp drei Wochen bleibt er noch im Amt. Am 28. Februar um 20 Uhr ist der Stuhl Petri vakant. Ein neuer Papst muss gewählt werden.

Rücktrittsankündigung zu Karneval

Rosenmontag in Deutschland. Viele glauben daher zunächst an einen Karnevalsscherz, als sich die Meldung wie ein Lauffeuer ausbreitet: Papst Benedikt XVI. tritt zurück. Die Entscheidung des Papstes war schon viel früher gefallen. Bereits im Verlauf des Jahres 2012 hatte Joseph Ratzinger den Entschluss gefasst, sein Amt aufzugeben. Unklar war aber noch der Zeitpunkt, so sein langjähriger Privatsekretär Erzbischof Georg Gänswein vor wenigen Tagen bei Dreharbeiten für unsere ZDF-Dokumentation „Tango im Vatikan“, die wir am Jahrestag der Wahl von Papst Franziskus am 13. März ausstrahlen.

Benedikt XVI. hatte zunächst die Weihnachtsansprache der römischen Kurie am 21. Dezember 2012 im Blick als Zeitpunkt für die Bekanntgabe. Doch Vertraute rieten ihm davon ab. Schließlich fiel die Wahl auf den 11. Februar. Für Benedikt XVI. hatte das Ganze symbolischen Charakter. Die Sedisvakanz fiel damit in die Fastenzeit – kirchlich-theologisch eine Zeit der Umkehr und Buße, des Nachdenkens über das eigene Leben. Jetzt war es an den Kardinälen, über die Kirche nachzudenken. Zwei Tage nach der Rücktrittsankündigung sagte Benedikt XVI. bei seinem letzten öffentlichen Gottesdienst im Petersdom als amtierender Papst: „Ich denke besonders an die Vergehen gegen die Einheit der Kirche, an die Spaltungen im Leib der Kirche. Die Fastenzeit in einer intensiveren und sichtbareren Gemeinschaft mit der Kirche zu leben, indem man Individualismen und Rivalitäten überwindet, ist ein demütiges und kostbares Zeichen für diejenigen, die dem Glauben fern sind oder ihm gegenüber gleichgültig sind.“

Amtsverzicht als Befreiungsschlag

Das Wirken Benedikts XVI. wurde hier ja schon ausführlich und kontrovers diskutiert. Welche Auswirkungen sein Rücktritt auf das Verständnis des Papstamtes hat, werden wohl erst die Historiker in einigen Jahren ermessen können. Joseph Ratzinger hat mit seiner Entscheidung aber den Weg frei gemacht für das, was wir heute erleben. Der Druck im Kessel war groß geworden. Benedikt XVI. hatte zwar theologisch die katholische Kirche gefestigt und auf ein solides Fundament gestellt. Doch neben der Orthodoxie kam die Orthopraxie zu kurz. Unmut machte sich breit, nicht nur bei den Gläubigen, sondern auch zunehmend unter den Hierarchen über die Amtsführung im Vatikan. Dabei wird es auch noch zur Aufgabe der Historiker gehören zu klären, wer die Verantwortung für diese Entwicklungen trägt: Benedikt XVI. selbst oder sein Umfeld. Klar, der Papst ist für die Auswahl seines Personals verantwortlich; doch wenn ein Apparat sich verselbständigt, wird es für einen Mann, dessen Stärke es noch nie war, einen Apparat zu führen, schwierig.

Letzte Generalaudienz von Papst Benedikt XVI. am 27.2.2013 (dpa)

Benedikt XVI. bei seiner letzten Generalaudienz am 27. Februar 2013. (dpa)

In diesem Sinn war der Amtsverzicht ein Befreiungsschlag, der neue Perspektiven eröffnete. Die Motive für den Rücktritt liegen wohl in einer Gemengelage aus schwindenden physischen Kräften und der Erkenntnis, dass die anstehenden Aufgaben etwa der Reform und Säuberung der Kurie ein hartes Durchgreifen erfordern. Während diejenigen, die die Notwendigkeit von Reformen ebenfalls sehen, die Entscheidung Benedikts XVI. nach wie vor begrüßen, hadern auch ein Jahr danach noch eine ganze Reihe von Hierarchen und Gläubige mit dem Rücktritt. Sie sehen das Papstamt beschädigt, entsakralisiert. Der ganz andere Stil des Nachfolgers scheint sie in ihrer Auffassung noch zu bestätigen.

Benedikt XVI. schreibt, betet und studiert.

Doch Benedikt XVI. hat diesen Schritt nun einmal getan. Und er selbst ist mit sich im Reinen, so Erzbischof Gänswein gegenüber dem ZDF. Dem emeritierten Papst gehe es dem Alter entsprechend gut. Sein neuer Alltag im Kloster „Mater Ecclesiae“ sei eine Mischung aus Gebet, Studium und Besuchen von alten Freunden und Weggefährten. Benedikt XVI. schreibt viele Briefe. Zuletzt verkündete gestern der Theologe Hans Küng, dass er Post von ihm bekommen habe. Nach wie vor geht Benedikt regelmäßig in den vatikanischen Gärten spazieren – vor den neugierigen Blicken der Besucher der Kuppel des Petersdoms geschützt im kleinen Wäldchen hinter dem Kloster. Zweimal gab es auch schon ein kleines Konzert für den emeritierten Papst. Dazu wird der Sendesaal von Radio Vatikan genutzt, der sich nur wenige Meter vom Kloster entfernt in einem alten Wehrturm befindet. Zuletzt spielte Mitte Januar ein Quartett aus Anlass des 90. Geburtstags von Papstbruder Georg Ratzinger.

Zwei Päpste im Vatikan (ap)

Franziskus und Benedikt XVI. halten engen Kontakt. Der neue holt sich Rat beim alten Papst; Entscheidungen fällt Franziskus aber alleine. (ap)

Der Kontakt zwischen Benedikt XVI. und Papst Franziskus ist eng. Regelmäßig telefonieren die beiden miteinander oder schreiben sich kurze Notizen. So bat etwa Papst Franziskus nach seinem großen Interview für die Jesuitenzeitschriften im vergangenen August seinen Vorgänger um eine Rückmeldung. Er schickte ihm sein Belegexemplar mit der Bitte, auf einer freien Seite vorne seine Kritik aufzuschreiben. Wenige Tage später, so berichtet Erzbischof Gänswein, hatte Benedikt XVI. vier Seiten ausgearbeitet mit Anmerkungen zum Interview und Hinweisen, wo an anderer Stelle vielleicht noch etwas ergänzend gesagt werden müsste. Franziskus hat kein Problem damit, dass es einen emeritierten Papst im Vatikan gibt. Er hätte auch nichts dagegen, wenn sich Benedikt XVI. zu bestimmten Anlässen in der Öffentlichkeit zeigen würde. Doch der bleibt seiner Entscheidung treu, die er zusammen mit dem Amtsverzicht getroffen hat: unsichtbar, aber nicht aus der Welt. Bisher gab es nur einen öffentlichen Auftritt der beiden Päpste bei der Einweihung einer Statue in den Vatikanischen Gärten im Sommer letzten Jahres. Eine nächste Gelegenheit könnte die Heiligsprechung der beiden Päpste Johannes XXIII. und Johannes Paul II. am 27. April sein, die das ZDF live übertragen wird.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.