77 Jahre und kein bisschen müde

Mit Putzkräften, Köchen und Obdachlosen hat Papst Franziskus heute seinen 77. Geburtstag gefeiert. Die Mitarbeiter des Vatikanischen Gästehauses Santa Marta sowie einige Obdachlose waren beim Gottesdienst am Morgen in der Kapelle von Santa Marta anwesend. Anschließend gab es ein gemeinsames Frühstück. Wie der Vatikan mitteilte, wollte Franziskus ganz bewusst mit den Bediensteten und ihren Familien feiern. Entsprechend herzlich sei der Start in den Geburtstag des Kirchenoberhaupts dann auch gewesen.  Weitere offizielle Termine gab es dann nicht mehr. Der Dienstag ist traditionell ein Tag ohne öffentliche Audienzen, ein Schreibtischtag unter anderem zur Vorbereitung der wöchentlichen Generalaudienz am Mittwoch.  Offizielle Glückwünsche gab es natürlich auch – unter anderem vom Dekan des Kardinalskollegiums Angelo Sodano und Staatssekretär Pietro Parolin.

Obdachlose feiern mit Papst Franziskus. (dpa)

Während andere im Alter von 77 Jahren darüber nachdenken, kürzer zu treten, hat Jorge Mario Bergoglio sich noch viel vorgenommen. Vor knapp neun Monaten nahm er die Wahl zum Papst an. Seitdem arbeitet er beinahe rund um die Uhr. Früh am Morgen kurz vor 5 Uhr beginnt sein Arbeitstag; vor 22 Uhr geht das Licht im Apartment 201 nicht aus. Auf Sommerferien hatte Franziskus verzichtet. Er hat Großes vor, will die Kurie reformieren, die Finanz- und Wirtschaftsangelegenheiten im Vatikan neu regeln, das Verhältnis zwischen Orts- und Universalkirche an einigen Stellen neu ausloten und dazu auch noch an der ein oder anderen inhaltlichen „Stellschraube“ leicht drehen. Sein wichtigstes Vorhaben: das Antlitz und die Haltung der katholischen Kirche verändern, weg von einer selbstzufriedenen Kirche mit Tendenz zur Abschottung gegenüber der Welt hin zu einer dynamischen Glaubensgemeinschaft, die an der Seite der Menschen steht und sie mit ihren Problemen ernst nimmt, anstatt sie mit Regeln und Dogmen zu maßregeln.

Bereits am Samstag hatten Kinder Papst Franziskus eine Geburtstagstorte geschenkt. (reuters)

Da gibt es einiges zu tun. Deshalb wird Franziskus auch nicht müde, seine Positionen zu erklären und sich bzw. seine Ideen ins Gespräch zu bringen. Das macht er durch Gesten und Worte, zuletzt etwa wieder durch ein neues Zeitungsinterview am Wochenende in der italienischen Tageszeitung La Stampa. Franziskus nutzte die Gelegenheit, um einige Überinterpretationen seines Apostolischen Schreibens Evangelii Gaudium zurecht zu rücken. So habe er etwa mit seiner Aussage, dass Sakramente wie Taufe und Kommunion keine Belohnung seien, sondern ein Heilmittel, nichts zu einzelnen Problemen im Kontext der Sakramentenspendung aussagen wollen. Er habe ein Prinzip darstellen wollen, nicht einzelne Fragen behandeln wie etwa die nach den wiederverheirateten Geschiedenen. Zu diesem Thema verwies er auf das Kardinalskonsistorium im Februar sowie die beiden Bischofssynoden im Herbst 2014 und 2015.

In diesem Sinne passen auch die Aussagen von Erzbischof Müller zu diesem Thema in den Gesamtkontext. Müller stellt die traditionelle Lehre dar; Franziskus selbst erinnert an Prinzipien im Kontext der Sakramente, und auf dieser Basis wird dann im Licht der Tradition diskutiert. Am Ende entscheidet dann der Papst. So etwa auch bei der Vatikanbank IOR. In dem neuen Interview lässt Franziskus das Schicksal der Bank offen; deutet aber an, dass sie eventuell eine Zukunft haben könnte als Institution für religiöse Werke und für die Kirchen in ärmeren Ländern, so wie das IOR ursprünglich gedacht gewesen sei.

Bereits vor einigen Wochen war am Rande der Beratungen des Kardinalsrats bekannt geworden, dass man über eine zentrale Finanzinstitution für den Vatikan nachdenkt, eine Art „Finanzministerium“. Franziskus nennt in seinem Interview jetzt die Güterverwaltung des Apostolischen Stuhls (APSA) als mögliche „Zentralbank“ des Vatikans. Und in der Tat ist es bereits jetzt schon die APSA, die die Vermögensverwaltung des Vatikans hauptsächlich betreibt; obwohl die Augen der Öffentlichkeit sich immer auf die Vatikanbank IOR richten. Doch dort wird mehr mit „fremdem“ Geld gearbeitet. Das Vatikanvermögen verwaltet die APSA. Die hat sich vor einigen Wochen externen Expertenrat ins Haus geholt; denn wie zuletzt der Fall um den APSA-Mitarbeiter Nunzio Scarano gezeigt hat, lief auch in der APSA in der Vergangenheit nicht alles rund.

Es bleibt viel zu tun für Papst Franziskus. Bisher zeigt er keine Anzeichen von Altersmüdigkeit; auch wenn er vor zwei Wochen eine Audienz für Vertreter der Mailänder Expo2015 wegen Schwindelgefühlen kurzfristig absagen musste. Es war das zweite Mal binnen eines Monats, dass Franziskus aus gesundheitlichen Gründen kürzer treten musste. Am 15. November hatte er wegen einer Erkältung mehrere Privataudienzen für Kurienvertreter abgesagt, am Nachmittag aber dennoch eine geplante Bischofsweihe vollzogen. Also kein Grund zur Sorge.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.