Großer Sprung oder kleine Schritte?

Das Bistum Trier hat heute seine Diözesansynode gestartet. Es ist das erste Mal seit 1990, dass in Deutschland ein Bistum das wagt. Zwar gab es in vielen Diözesen in den vergangenen Jahren Dialogprozesse, Versammlungen und vieles mehr, aber eine Synode, wie sie im Kirchenrecht vorgesehen ist, gab es zuletzt 1990 in Augsburg. Auf zwei Jahre ist der Prozess angelegt. Bischof Stephan Ackermann möchte mit den 279 Synodalen über den künftigen Kurs des Bistums beraten. Dabei soll kein Thema ausgeklammert werden; allerdings machte der Bischof bereits im Vorfeld klar, dass Fragen, die von gesamtkirchlicher Bedeutung sind, nicht von einer lokalen Synode entschieden werden können.

Noch sind es Stuhlkreise; bald folgen Arbeitssitzungen und Diskussionen bei der Diözesansynode in Trier.

Die Themen der Synode stehen im Konkreten noch nicht fest; denn diese sollen die Synodalen selbst bestimmen. Sie werden sich aber rund um Schwerpunkte wie „Kirche in der Welt von heute“, „Glauben leben und lernen“ sowie die Frage nach Gottesdienstformen bewegen. Letztendlich liegen die Themen angesichts von demografischem Wandel, dem Rückgang der Kirchenbindung vieler Gläubigen, einer zunehmenden Säkularisierung und der Forderung nach Reformen durch viele Gläubige auf der Hand. Bischof Ackermann selbst spricht von einem „Abenteuer“, das er mit den Synodalen mutig angehen will. Die wünschen sich einen offenen Dialog. Der Bischof will, dass „Klartext“ geredet wird. Das lässt hoffen. Zwei Jahre soll der Synodenprozess dauern. Wie schon beim Thema Ehe und Familie auf Weltebene zeigt sich auch hier, Synodalität braucht Zeit.

Aber sie hat auch etwas Gutes. Das konnte man heute im Erzbistum Köln erfahren. Dort wurden in einer Pressekonferenz die Diözesan-Ergebnisse der Umfrage zur Vorbereitung der Bischofssynode in Rom zum Thema Ehe und Familie im Oktober 2014 vorgestellt. Ein ungewöhnlicher Vorgang in doppelter Hinsicht: zum einen überrascht es, dass ein einzelnes Bistum die Ergebnisse der Umfrage veröffentlicht, zum anderen lässt es aufhorchen, wenn ausgerechnet das Erzbistum Köln einen solchen Schritt geht. Zumal die Ergebnisse nicht sehr schmeichelhaft sind für die katholische Kirche und damit auch natürlich für das Erzbistum Köln und die dort Verantwortlichen.

Die Umfrage hat keine Neuigkeiten zutage gefördert. Auch ist sie nicht repräsentativ. Dennoch gab der Leiter der Hauptabteilung Seelsorge des Erzbistums Köln, Martin Bosbach, zu bedenken, die Umfrage spiegele das Denken aktiver Katholiken wieder. Selten wurde mit der 23-seitigen Zusammenfassung der Kölner Ergebnisse so klar quasi kirchenamtlich festgestellt, dass zwischen dem Leben der Katholiken und der Lehre der Kirche in Fragen von Ehe, Familie und Sexualmoral eine breite Kluft besteht. Die kirchenamtlichen Dokumente aus Rom wie Familiaris Consortio oder Humanae Vitae sind in ihrer Gänze kaum bekannt; ebenso wenig wussten die Menschen über die pastoralen Angebote im Bereich Ehe und Familie im Erzbistum Bescheid. Ganz „scheint“ die Lehre der Kirche nur von einer Minderheit angenommen zu werden.

Nach Auswertung der Umfrage wird deutlich, dass beim Thema Ehe und Familie die Lehre der katholischen Kirche oft auf Themen wie Unauflöslichkeit der Ehe und Aussagen zur Sexualität reduziert wird. In diesen Bereich drifteten „die Lebenswelten von Kirche und Gesellschaft eklatant auseinander“. Kritisiert wird von den Antwortenden etwa der Umgang der katholischen Kirche mit wiederverheirateten Geschiedenen. “Viele wiederverheiratete Geschiedene fühlen sich diskriminiert von der Amtskirche, fühlen sich ausgegrenzt und zeigen sich hierdurch oft belastet“, heißt es in der Zusammenfassung der Umfrageergebnisse. Zum Thema Homosexualität steht dort, die Christen vor Ort und viele Seelsorger „drängen nach einer pastoralen, menschlichen Lösung, damit homosexuelle Paare mit oder ohne eingetragene Partnerschaft in den Gemeinden anerkannt werden können. (…) Viele betrachten es als eine schwer erträgliche Situation, dass im individuellen Kontakt Akzeptanz und Wohlwollen praktiziert wird, offiziell aber die Lehre der Kirche verkündet werden muss.“ Dadurch entstehe ein „Glaubwürdigkeitsproblem der Kirche“.

Interessant ist die Vielzahl der Rückmeldungen. Allein an einer Online-Umfrage des Dekanats Bonn beteiligten sich mehr als 2.500 Personen. Das Bistum Rottenburg-Stuttgart hatte gestern bekannt gegeben, dass es dort 2.000 Rückmeldungen auf die Umfrage gegeben habe. Im Erzbistum Berlin vermeldete Kardinal Rainer Maria Woelki heute 550 Antworten. Die Rückmeldungen zeigten, so Woelki, dass vielen Menschen das Thema am Herzen liege. Die Antworten zeigen meines Erachtens aber auch, dass die Menschen Veränderungen erwarten – und zwar einen großen Sprung und keine kleinen Schritte. Doch jetzt braucht es erst einmal Geduld für den synodalen Prozess in Trier und in Rom.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.