Kinderschutz und Kurienreform

Papst Franziskus wird eine Kommission zum Schutz von Kindern vor Missbrauch einsetzen. Das gab der Vatikan heute bekannt. Der Vorschlag kam vom Kardinalsrat. Papst Franziskus hat nach einer Nacht Bedenkzeit zugestimmt. Die Kommission soll mit internationalen Experten, darunter Laien, besetzt werden. Wann die Kommission ihre Arbeit aufnimmt und wer letztendlich Mitglied sein wird, ist noch offen. Die Kinderschutzkommission ist ein erstes konkretes Ergebnis des Kardinalsrats. Auf andere wird man noch lange warten müssen; das wurde beim zweiten Treffen der K8-Gruppe diese Woche deutlich. Papst Franziskus will die Kurie so grundlegend reformieren, dass das ganze Unternehmen lange Zeit braucht.

Kardinal Maradiaga im Gespräch mit Journalisten.

Der Moderator der Gruppe, Kardinal Oscar Rodriguez Maradiaga, sprach gestern Abend vor Journalisten von einem Zeitraum von zwei Jahren. Bei ihrem dreitägigen Treffen haben die Kardinäle dieses Mal die neun Kongregationen näher unter die Lupe genommen. Eigentlich wollten sie auch über die Finanz- und Wirtschaftsbehörden sprechen; aber die von Papst Franziskus im Sommer eingesetzten Prüfkommissionen sind entgegen ihrer ursprünglichen Intention noch nicht bis Anfang Dezember mit der Arbeit soweit, dass sie erste Ergebnisse präsentieren können. Folglich wurde dieser Punkt auf das nächste Treffen der K8 im Februar verschoben. Dieses wurde dann auch um einen Tag verlängert und findet jetzt vom 17. bis 19.2.2014 im Vatikan statt.

Direkt im Anschluss kommen am 21. und 21. Februar alle Kardinäle zu einem Konsistorium zusammen. Dabei wird Franziskus ihnen noch kein neues Organigramm der Kurie präsentieren können, aber erste Vorschläge und Grundlinien werden vorliegen und diskutiert werden. Bei den zweitägigen Beratungen mit allen Purpurträgern will Franziskus aber auch schon über das Thema der Sondersynode „Ehe und Familie“ sprechen. Entsprechende Impulsreferate von Kardinälen werden vorbereitet. Es zeigt sich, dass Franziskus sowohl bei strukturellen Fragen, also der Kurienreform, als auch bei inhaltlichen Fragen, also Themen wie Familie, auf einen Beratungsprozess setzt – sprich synodale Strukturen, die dann allerdings Zeit brauchen. Auch beim Thema Familie und dem damit verbundenen „heißen Eisen“ wiederverheiratete Geschiedene wird es vor der ordentlichen Bischofssynode im Herbst 2015 keine Ergebnisse geben. Dafür wird heftig diskutiert. Aber das will Papst Franziskus auch.

Übrigens sind die wiederverheirateten Geschiedenen ja nicht das einzige „heiße Eisen“, das im Kontext der Synode besprochen werden wird. In dem hier bereits heftig diskutierten Fragebogen zur Vorbereitung geht es auch um die Rezeption der Enzyklika Humanae Vitae. Und dieses Lehrschreiben steht ja, unabhängig von der eigentlichen Fülle der dort behandelten Themen, für ein anderes schwieriges Thema: die Empfängnisregelung. D.h. beim Thema Ehe und Familie geht es ans „Eingemachte“, und daher ist es ganz gut, dass hier ein Prozess von mindestens zwei Jahren angedacht ist. Wenn man dann noch die übliche Zeit für ein nachsynodales Schreiben dazu nimmt, sind es fast drei Jahre.

Was die Kommission zum Schutz von Kindern vor Missbrauch anbetrifft, ist deren Zuschnitt noch nicht ganz klar. Die Aufgaben, die der Bostoner Kardinal Sean Patrick O’Malley, Mitglied der K8-Gruppe, heute nannte, sind deren viele: Leitlinien zum Schutz von Kindern vor Missbrauch sollen erarbeitet werden, die Zusammenarbeit mit staatlichen Behörden geregelt, die Unterstützung der Opfer und ihrer Familien sowie die wissenschaftliche Forschung gefördert werden, um nur einiges zu nennen. Auch wenn Kardinal O’Malley eine entsprechende Frage nur ausweichend beantwortete, scheinen die Kardinäle wohl zu der Einsicht gekommen zu sein, dass weltweit gesehen noch nicht überall mit der gebotenen Dringlichkeit die Aufarbeitung betrieben und die Präventionsarbeit verstärkt wird. O’Malley sieht die Kommission weniger im Bereich der rechtlichen Aufarbeitung von Altfällen angesiedelt. Dafür sei die Glaubenskongregation zuständig. Die neue Kommission solle vielmehr dazu eine pastorale Ergänzung sein.

Das Bistum Rottenburg-Stuttgart hatte vor wenigen Tagen angekündigt, dass bis Ende 2015 alle rund 1.700 hauptberuflich in der Seelsorge tätigen Priester und Laien Schulungen zum Thema sexuelle Gewalt und Prävention absolvieren müssen. Bereits seit 2011 müssen alle hauptberuflich in der Seelsorge und Bildungsarbeit Tätigen ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen. Ehrenamtliche müssen eine Selbstverpflichtungserklärung abgeben. Ähnliche Regelungen gibt es in den anderen deutschen Diözesen. In anderen Ländern gibt es solche Präventionsprogramme nicht. Hier wird es künftig auch Aufgabe der neuen päpstlichen Kommission sein, Franziskus über Versäumnisse zu informieren, so dass dann entsprechender Druck ausgeübt werden kann auf die betroffenen Bischofskonferenzen.

Und Franziskus scheint es ernst zu sein beim Thema Missbrauch. Am Montag rief er die niederländischen Bischöfe beim Ad-Limina-Besuch zur weiteren Aufarbeitung der Missbrauchsfälle auf und zur Hilfe für die Opfer. Wie erst vor wenigen Tagen bekannt wurde, hatte Franziskus bereits im Oktober an die Katholiken der Dominikanischen Republik einen Brief geschrieben. Darin bat der Papst um Vergebung für Missbrauch durch Priester und versicherte, die Kirche werde alles tun zum Schutz der Kinder. Im August hatte der Vatikan den Nuntius in Santo Domingo abgezogen, nachdem Missbrauchsvorwürfe gegen ihn erhoben wurden.

Die Zusamenarbeit mit Papst Franziskus sei gut und einfach, so Staatssekretär Erzbischof Parolin. Franziskus sei unkompliziert.

P.S. Interessant war gestern eine Begegnung mit dem neuen Staatssekretär, Erzbischof Pietro Parolin. Er war bei einer Buchvorstellung anwesend. Danach plauderte er ganz ungezwungen mit den anwesenden Journalisten. Den Rückweg vom Veranstaltungsort in der Nähe der Engelsburg über die Via Conciliazione zum Vatikan trat er nicht, wie das sein Vorgänger, Kardinal Tarcisio Bertone, zu tun pflegte, in einer schwarzen Limousine an begleitet von vatikanischen Gendarmen, sondern zu Fuß mit seinem Sekretär und einigen Journalisten im Schlepptau. Das wird auch hoffentlich so bleiben! Im Gespräch mit uns Journalisten unterstrich Parolin übrigens, dass es natürlich eine Reform der Strukturen brauche in der Kirche; dass aber ohne eine „Reform des Geistes“, also eine Änderung in der Einstellung und Haltung alle Strukturveränderungen nichts bringen. Der Kardinalsrat hatte sich am Dienstagnachmittag mit Parolin getroffen. Man versicherte sich gegenseitig der Unterstützung. Mitglied der K8 wurde Parolin allerdings nicht.

P.P.S. Was die Finanzen anbetrifft, erklärte Kardinal Maradiaga übrigens, dass man auf eine Finanzbehörde hinarbeite, die alle Fragen von Finanzen und Wirtschaft bearbeitet im Sinne eines Finanzministeriums. Bisher sind Finanz- und Wirtschaftsangelegenheiten auf mehrere Behörden verteilt, darunter die Vatikanbank IOR, die vatikanische Güterverwaltung (APSA), die Präfektur für die wirtschaftlichen Angelegenheiten, das Governatorat etc.

P.P.P.S. Erzbischof Gerhard Ludwig Müller hat die Liturgiereform gegen Kritik verteidigt. Bei einem Festakt in Würzburg zum 50. Jubiläum der Konzilskonstitution über die Liturgie „Sacrosanctum Concilium“ erklärte er, die Liturgiereform könne nicht für den Glaubensschwund und die nachlassende Kirchlichkeit in ehemals christlich geprägten Kulturen verantwortlich gemacht werden. Die erneuerte Liturgie habe vielmehr dazu beigetragen, dass die Katholiken aktiver und bewusster an den Gottesdiensten teilnehmen könnten, betonte der Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation. Gerade die in Geist und Ritus erneuerte Liturgie sei ein wirksames Mittel gegen eine Kultur ohne Gott.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.