Auch Benedikt XVI. schreibt Briefe.

Nach dem Brief von Papst Franziskus an den Herausgeber der italienischen Tageszeitung „La Repubblica“ vor zwei Wochen, hat die Zeitung heute einen weiteren Papstbrief veröffentlicht. Dieses Mal ist er allerdings von Papst emeritus Benedikt XVI. Er antwortet dem italienischen Mathematiker Piergiorgio Odifreddi auf ein Buch aus dem Jahr 2011 „Caro Papa, ti scrivo“ (Lieber Papst, ich schreibe Dir). Darin setzte sich Odifreddi unter anderem mit Ratzingers Bestseller „Einführung ins Christentum“ auseinander. Benedikt antwortete ihm jetzt in einem auf den 30. August datierten elfseitigen Schreiben, aus denen die Repubblica heute einige Passagen veröffentlicht. Und die haben es durchaus in sich.

Papst Benedikt XVI. 2007 beim Besuch der Vatikanischen Bibliothek. Das Buch von Odifreddi hat er ebenfalls intensiv studiert. (ap)

Um was geht es? Benedikt XVI. weist etwa die Kritik Odifreddis zurück, dass Theologie keine Wissenschaft sondern „Science Fiction“ sei. So sei es gerade die Aufgabe der Theologie, eine Beziehung zwischen Religion und Vernunft  herzustellen. In Bezug auf Oldifreddis These, dass es keine historischen Belege für die Existenz Jesu gebe, meint Benedikt: „Was Sie zur Figur Jesu sagen, ist Ihres wissenschaftlichen Ranges nicht würdig.“ Er verweist ihn an den evangelischen Tübinger Theologen Martin Hengel (1926-2009) und dessen Forschungen über den historischen Jesus. „Vor diesem Hintergrund ist das, was Sie über Jesus sagen, unbesonnen, was Sie nicht wiederholen sollten.“

Benedikt XVI. wehrt sich auch gegen die Kritik von Odifreddi, er habe die historisch-kritische Exegese als ein Werk des Antichristen bezeichnet. Der Papst emeritus verweist auf den ersten Band seiner Jesustrilogie, in dem er von der historisch-kritischen Exegese als „notwendig für den Glauben“ gesprochen habe.

Konsterniert zeigt sich Benedikt XVI. über die Aussagen Odifreddis zum Thema sexueller Missbrauch von Minderjährigen durch Priester. „Nie habe ich versucht, diese Dinge zu vertuschen“, schreibt der emeritierte Papst. Diese Vorfälle müsse man mit Bestürzung zur Kenntnis nehmen. Es sei auch kein Trost zu wissen, dass, wie Soziologen sagten, in der Kirche Missbrauch nicht häufiger vorkomme als in anderen Teilen der Gesellschaft. Es müsse alles unternommen werden, dass sich so etwas im kirchlichen Bereich nicht wiederhole. Es sei nicht zulässig, über das Schlechte in der Kirche zu schweigen; zugleich dürfe man aber auch nicht das Gute verschweigen, so Benedikt. Dabei nennt der emeritierte Papst große Figuren des Glaubens wie Mutter Teresa, Franz und Clara von Assisi und andere.

Benedikt XVI. nimmt kein Blatt vor den Mund. Zwar würdigt er einige Passagen von Odifreddis Werk; doch andere kritisiert er offen. „Lieber Professor, meine Kritik an Ihrem Buch ist an einigen Stellen scharf. Aber die Offenheit ist Teil des Dialogs; nur so kann das Wissen wachsen. Sie waren sehr offen und so bitte ich Sie zu akzeptieren, dass auch ich sehr offen bin.“ Zusammenfassend stellt der Papst emeritus fest, dass die „mathematische Religion“ von Odifreddi drei grundlegende Themen der menschlichen Existenz außen vor lasse: die Freiheit, die Liebe und das Böse. „Eine Religion, die diese fundamentalen Fragen auslasse, bleibt letztlich leer“, so Benedikt XVI.

Leider gibt es den Brief von Papst Benedikt XVI. bisher nur in Ausschnitten. Odifreddi überlegt dem Vernehmen nach, sein Buch von 2011 neu aufzulegen und dort dann den kompletten Brief abzudrucken.

P.S. Papst Franziskus hat heute weitere Chefs in der Kurienspitze bestätigt: die Leitung des Päpstlichen Laienrats, Kardinal Stanislaw Rylko und Bischof Josef Clemens, sowie die Leitung des Päpstlichen Rats Iustitia et Pax, Kardinal Peter Turkson und Bischof Mario Toso. Zudem hat er mit Erzbischof Bernard Hebda einen Koadjutor für das US-Erzbistum Newark bestellt. Der dortige Erzbischof John Myers war wegen des Umgangs mit Missbrauchsfällen in die Kritik geraten.

P.P.S. Papst Franzikus hat zudem zum Umdenken im Umgang mit Flüchtlingen aufgerufen. Es gehe um den „Übergang einer Haltung der Verteidigung und der Angst, des Desininteresses und der Ausgrenzung zu einer Einstellung, deren Basis die ‚Kultur der Begegnung‘ ist.“ Das schreibt er in seiner Botschaft zum Welttag der Migranten und Flüchtlinge.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.