Zurück bei den Löwen

Wir hatten es erwartet; doch dass es am Ende so kommen wird, hatte sich wohl niemand vorher vorstellen können. Dass Papst Franziskus noch einmal zu den mitreisenden Journalisten kommen würde, war doch wahrscheinlich. Dass er sich dann aber freien Fragen stellt – und das über eineinhalb Stunden lang, war dann doch überraschend. Das Fazit: positiv – und das sicher auf beiden Seiten, beim Papst und den Journalisten. Die waren müde nach den Tagen in Rio; Franziskus auch, so sagte er es zumindest; doch man merkte es ihm nicht an. Geduldig beantwortete er rund 20 Fragen, scherzte zwischendurch, erzählte kleine Anekdoten. Alles kam zur Sprache: Vatileaks, Gay-Lobby, Frauenpriestertum, wiederverheiratete Geschiedene, Kollegialität, die Vatikanbank IOR, Reisepläne und vieles mehr. Keine Frage schien ihm Angst zu machen; doch merkte man auch, wenn er über ein Thema nicht ausführlich sprechen wollte wie etwa über Vatileaks. Hier ging er nicht ins Detail.

 

Papst Franziskus beantwortet die Fragen der Journalisten. (reuters)

Einige Themen sind bereits in einem Artikel bei der heute.de erschienen, daher gehe ich darauf hier nur noch am Rande ein. Weltweit Schlagzeilen haben natürlich die Äußerungen zur angeblichen Homosexuellen-Lobby im Vatikan ausgelöst. Franziskus hat die Existenz nicht bestätigt. Das ist auffallend. War doch in einem vor Wochen durch Indiskretionen an die Öffentlichkeit gelangten Gedächtnisprotokoll des Treffens lateinamerikanischer Ordensoberer mit dem Papst die Rede, der Papst habe die Existenz bestätigt. Soweit ging er heute Nacht nicht. Interessant ist aber seine klare Aussage gegen jede Diskriminierung und Verurteilung von Homosexuellen. Die Tatsache, dass homosexuelle Priester für ihn kein Problem sind, kommt einer Neupositionierung der katholischen Kirche in diesem Punkt quasi im wahrsten Sinne des Wortes über Nacht gleich. Wobei man auch sagen muss, dass diese Position von Franziskus nicht neu ist. Auch als Kardinal hat er sie schon vertreten. Sie ist allerdings in seinem vehementen Einsatz gegen die Homo-Ehe untergegangen. Denn eine Gleichstellung von Ehe und gleichgeschlechtlichen Partnerschaften lehnt Bergoglio entsprechend der traditionellen Lehre der Kirche strikt ab. Dagegen gab es immer wieder Hinweise, dass er sich zivilrechtliche Regelungen durchaus vorstellen kann. Eine Position, wie sie etwa auch von deutschen Bischöfen vertreten wird.

Klar seine Aussage zum Frauenpriestertum. Welche Konsequenzen es aber hat, dass er gleich mehrfach sagte, dass Frauen wichtiger seien als Bischöfe und Priester, verriet er nicht. Den Ball spielte er ins Feld der Theologen. Eine Kirche ohne Frauen sei wie das Apostelkollegium ohne Maria. Das ist eine starke Aussage; aber welche Konsequenzen hat das?

Wo es mit der Reform der Kurie hingeht, wollte oder konnte Franziskus nicht sagen. Die Idee für die 8-er Kardinalsgruppe sei aus den Diskussionen im Vorkonklave entstanden. Mit der Gruppe wolle er eine Beratung von „Outsidern“ gewährleisten. Das ginge so ein bisschen in die Richtung einer Synodalität des Primats. Viele Kardinäle hätten das Prinzip der Synodalität unterstrichen. Auch sei die Frage nach der Einbeziehung der Bischofskonferenzen diskutiert worden; ebenso eine Reform der Bischofssynoden und des Synodenrats.

Wobei Franziskus auch gleich klarstellte, dass er beim Primat keine Abstriche macht. Dass er oft vom „Bischof von Rom“ spreche, liege einfach daran, dass dies der erste der vielen Titel sei. Die anderen seien aber genauso gültig: Stellvertreter Christi, Nachfolger des Apostels Petrus usw. Man dürfe in seine Wortwahl nicht zu viel hineininterpretieren. Er sei nicht ein „primus inter pares“.

In der Kurie habe er bisher keinen Widerstand erfahren, so Franziskus. Allerdings habe er auch noch nicht viel gemacht. Er habe Hilfe erfahren und loyale Mitstreiter gefunden. „Mir gefällt es, wenn eine Person sagt, ich bin nicht einverstanden.“ Das sei ein echter Mitarbeiter und das habe er gefunden. Jasager sind nicht so sein Ding.

Zum Thema Vatileaks sagte er, Benedikt XVI. habe ihm bei ihrem Treffen im März einen großen Karton übergeben. Darin seien die Protokolle der einzelnen Zeugenaussagen und Dokumente gewesen. Der Bericht und die Zusammenfassung seien in einem eigenen Umschlag gewesen. Er habe sich nicht erschreckt, aber es sei ein großes Problem.

Benedikt XVI. bezeichnete Franziskus als einen „Mann Gottes“, der demütig sei und viel bete. „Ich war sehr glücklich, als er zum Papst gewählt wurde. Als er auf sein Amt verzichtet hat, war das für mich ein Zeichen der Größe.“ Er lebe jetzt im Vatikan. Einige hätten gesagt, wie kann man zwei Päpste im Vatikan haben. Macht er nicht eine Gegenrevolution? Für Franziskus sei es, als habe man den Großvater im Haus. „Einen weisen Großvater.“ Benedikt sei ein kluger Mann, der sich nicht einmische. „Ich habe ihm mehrfach gesagt, Heiligkeit empfangen sie Leute, führen sie ihr Leben, kommen sie zu uns.“ Einen gemeinsamen Auftritt hatte es ja vor wenigen Tagen bei einer Zeremonie in den vatikanischen Gärten gegeben. „Wenn ich ein Problem habe, rufe ich ihn an und frage nach“, so Franziskus.

Auch ein Papst muss sich mal anlehnen. (reuters)

Der Papst bestätigte, dass er die beiden seligen Päpste Johannes XXIII. und Johannes Paul II. gemeinsam heiligsprechen möchte. Als Datum stehen derzeit der Christkönigstag (24.11.2013) oder der Barmherzigkeitssonntag, (27.4.2014) zur Auswahl. Wobei die Entscheidung erst am 30. September bei einem Konsistorium, dem Treffen der Kardinäle, fallen wird und daher der Termin in 2014 wahrscheinlicher ist.

Bisher gebe es keine definitiven Entscheidungen über künftige Reisen mit Ausnahme der beiden inneritalienischen am 22. September nach Sardinien und am 4. Oktober nach Assisi. Für einen Tag würde er gerne auch seine Verwandten in Norditalien besuchen. Was außeritalienische Reisen betreffe, gebe es den Vorschlag von Patriarch Bartholomaios im Gedenken an die Begegnung von Papst Paul VI. und Patriarch Athenagoras im Januar vor 50 Jahren gemeinsam nach Jerusalem zu fahren. Es gebe entsprechende Einladungen der israelischen Regierung und der palästinensischen Autonomiebehörde. Was Lateinamerika anbetreffe, gebe es keine Möglichkeit, in nächster Zeit zurückzukehren. „Ein Papst aus Lateinamerika, der die erste Reise nach Lateinamerika macht, auf Wiedersehen“, scherzte Franziskus. „Ich glaube, da müssen wir etwas warten.“ Er habe eine Einladung aus Sri Lanka, auch von den Philippinen. Der Besuch in seinem Heimatland Argentinien müsse noch warten, die anderen Reisen hätten eine gewisse Priorität. Franziskus stellte auch klar, dass das Flugzeug bei der gegenwärtigen Reise keine Sonderausstattungen habe. „Ich bin vorne. Habe einen schönen Sessel. Aber einen ganz gewöhnlichen.“ Er habe der Fluggesellschaft mitteilen lassen, dass er keine Sonderausstattung wünsche.

Die Brasilienreise bewertete der Papst übrigens durchweg positiv. Die Liturgien und Veranstaltungen hätten ihm gut gefallen. Zur Sicherheit sagte er, dass er sich weniger Sicherheit gewünscht hatte, um näher bei den Menschen sein zu können. Sicher bestehe die Gefahr, dass ein Verrückter etwas mache. Aber da sei ja auch noch der Herr, so Franziskus und blickt nach oben.

Nach 90 Minuten verabschiedete sich Franziskus und für die Journalisten begann eine arbeitsreiche Nacht. Bei vielen Themen ist der Papst vage geblieben. Das mag daran liegen, dass er noch am Anfang seines Pontifikats steht. Die Journalisten hoffen jedenfalls, dass diese Art von Pressekonferenz zur Tradition wird. Immerhin kam Franziskus heute Morgen kurz vor der Landung noch einmal zu den Journalisten und verabschiedete sich freundlich lächelnd. In den Vatikan ist er dann übrigens nicht, wie bisher für Päpste üblich, mit dem Hubschrauber geflogen, sondern mit einem Auto gefahren. Unterwegs machte er Stopp in der Basilika S. Maria Maggiore. Dort betete er vor der Marienikone und legte ein T-Shirt und einen Fußball mit dem Weltjugendtagslogo am Altar nieder, die er in Brasilien geschenkt bekommen hatte.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.