Franziskus macht ernst!

Acht Kardinäle werden künftig Papst Franziskus bei der Regierung der Kirche beraten, darunter auch der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Reinhard Marx. Die Gruppe soll zudem eine Kurienreform vorbereiten. Damit macht Franziskus ernst mit dem, was im Vorkonklave von den Kardinälen gefordert wurde: mehr Beratung, mehr Beteiligung der Ortskirchen an den Entscheidungen der Kurie. Sieben der acht Kardinäle sind Ortsbischöfe; lediglich der Chef des Vatikanstaats, Kardinal Giuseppe Bertello, kommt aus der römischen Zentrale und ist Italiener. Damit macht Papst Franziskus auch mit der Internationalisierung in der Leitung der katholischen Kirche ernst.

Kardinal Reinhard Marx: Die Stimme des Erzbischofs von München und Freising hat künftig noch mehr Gewicht im Vatikan. (dpa)

Die Regierungsberater des Papstes kommen von allen Kontinenten. Zu ihnen gehören auch einige, die im Vorfeld des Konklaves als papabile gehandelt wurden wie der Erzbischof von Boston, Sean Patrick O’Malley, und der Erzbischof von Tegucigalpa in Honduras, Oscar Rodriguez Maradiaga. Er wird auch die Gruppe der acht Kardinäle koordinieren. Dieser gehören zudem an: aus Lateinamerika der emeritierte Erzbischof von Santiago de Chile, Francisco Javier Errázuriz Ossa, aus Asien der Erzbischof von Bombay, Oswald Gracias, aus Afrika der Erzbischof von Kinshasa, Laurent Monsengwo Pasinya, sowie für Ozeanien der Erzbischof von Sydney, George Pell. Alle acht Kardinäle sind Schwergewichte auf ihrem Kontinent.

Der Münchner Kardinal Reinhard Marx ist der jüngste im Beraterkreis. Er fiel im Vorkonklave vielen Mitbrüdern durch seine Beiträge positiv auf – wohl auch dem neuen Papst. Klar, aber sachlich war seine Kritik an den Problemen in und mit der Kurie aus Sicht eines Diözesanbischofs. Er ist seit März 2012 Präsident der Kommission der Bischofskonferenzen in der EU (COMECE). Marx wird damit in den künftigen Beraterkreis des Papstes die Stimme Europas einbringen. Franziskus hat bei der Besetzung des Gremiums darauf geachtet, dass die Mitglieder entsprechend auf ihren Kontinenten vernetzt sind. Kardinal Errázuriz Ossa war von 2003 bis 2007 Präsident der Lateinamerikanischen Bischofskonferenz (CELAM) und hat damit auf dem Kontinent gute Kontakte. Weltweite Beziehungen hat Kardinal Oscar Rodriguez Maradiaga in seiner Funktion als Präsident von Caritas Internationalis. Der indische Kardinal Oswald Gracias ist Präsident der Föderation der Bischofskonferenzen in Asien.

Mit seiner Entscheidung verschiebt der Papst die Machtverhältnisse in der katholischen Kirche. Die Ortskirchen erhalten mehr Gewicht im Vergleich zur römischen Kurie. Die ist in dem Gremium nur mit einer Stimme vertreten. Will der neue Papst damit auch signalisieren, dass er in der Kurie weniger ein Instrument der Leitung der Kirche sieht als vielmehr ein Instrument, die Beschlüsse des Papstes und seiner Berater umzusetzen. Betont der Papst damit die Dienstleistungsfunktion der Kurie künftig mehr?

Auffallend ist, dass der amtierende Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone nicht in das Gremium berufen wurde; stattdessen der Chef des Vatikanstaats, Kardinal Giuseppe Bertello. Streng genommen gehört er nicht zur römischen Kurie, denn der Vatikanstaat ist eine eigene Größe. Dies könnte ein Zeichen dafür sein, dass Bertello in Kürze zum Nachfolger von Bertone als Kardinalstaatssekretär ernannt wird. Der Name wird seit einiger Zeit immer wieder genannt, wenn es um das zweithöchste Amt in der katholischen Kirche geht. Bertello ist ein erfahrener Diplomat. Wird er nicht Kardinalstaatssekretär, müsste der Papst den Nachfolger von Bertone in das Beratergremium „nachberufen“. Eine Kurienreform zu planen, ohne den Kardinalstaatssekretär einzubeziehen, macht wenig Sinn. Dass ein anderer Kardinal aus dem Beratergremium Staatssekretär wird, ist eher unwahrscheinlich. Traditionell ist bei einem nichtitalienischen Papst der Kardinalstaatssekretär ein Italiener. Angesichts der Tatsache, dass die Kurie italienisch „denkt und arbeitet“, würde sich ein Italiener an der Spitze sicher mit der Umsetzung von Reformen leichter tun, als ein Ausländer.

Vier Wochen nach seiner Wahl setzt Papst Franziskus ein erstes wichtiges Signal: Er will Veränderungen in der katholischen Kirche. Damit meint er nicht nur den Stil, sondern auch die Strukturen. Das hatten viele bereits gehofft; seit heute ist es Gewissheit. Allerdings ist die Entscheidung nur ein erster Schritt. Eine lange Phase der Beratungen und der Umsetzung liegt noch vor Papst Franziskus. Ob Franziskus neben Stil und Strukturen auch an Inhalte geht, ist noch offen. Eigentlich vertritt er in theologischen Fragen traditionelle Positionen der katholischen Kirche. Neues bei Stil und Strukturen also „Ja“, bei den Inhalten heißt es abwarten.

P.S. Zur diplomatischen Karriere Bertellos: 1987 nahm er als Beobachter des Vatikans an einer Konferenz von Außenminister bündnisfreier Länder in Pjöngjang teil. Er war damit einer der ersten Vatikanvertreter, die nach dem Koreakrieg nordkoreanischen Boden betraten. Zwischen 1987 und 1995 war er Nuntius in verschiedenen afrikanischen Ländern, darunter Ghana, Togo, Benin und Ruanda. Dort war er zur Zeit des Völkermords der Hutu an der im Land lebenden Tutsi-Minderheit. Später hatte Bertello Posten an UN-Vertretungen des Heiligen Stuhls in Genf und Bangkok, bevor er von 2007-2011 Nuntius in Italien wurde. Seit September 2011 ist er Governator des Vatikanstaats.

P.P.S. Wenn das Gremium sich am Ende wirklich als der entscheidende Beraterkreis des Papstes etabliert, steigt der Münchner Kardinal Reinhard Marx mit seiner Ernennung zu einem der mächtigsten Kardinäle der Welt auf.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.