Ein sorgfältig vorbereiteter Rücktritt

Die katholische Kirche brauche einen Papst, der mit Entschiedenheit und Klarheit die Grundlinien des Glaubens und des Ethos der Kirche vertrete. Dies sagt der Mainzer Kardinal Karl Lehmann in der ZDF-Sendung „sonntags – TV fürs Leben“. Das Gespräch mit Moderator Gert Scobel wird morgen um 9.02 Uhr im ZDF ausgestrahlt. Ein Papst habe die Aufgabe, ein ausgewogenes Verhältnis der Einheit in der Vielfalt herzustellen. „Ich glaube, dass an manchen Stellen der Kurie, nicht überall, wieder zentralistische Tendenzen überhand genommen haben“.

Der Rücktritt Papst Benedikt XVI. habe auch ihn überrascht. Aber: „In der Rückschau sieht man die sorgfältige Vorbereitung“ dieses Schrittes durch den Papst, meinte der Kardinal und nannte als Anzeichen dafür, dass er sein Haus bestellt habe z.B. die Ernennung seines Sekretärs Georg Gänswein zum Erzbischof und das ungewöhnliche zweite Konsistorium im vergangenen Jahr (in dem der Papst die Zahl der wahlberechtigten Kardinäle noch einmal ergänzt hatte). Vielleicht hätten auch die Enttäuschungen im Amt dazu beigetragen, sagte Lehmann in Anspielung auf die Vatileaks-Affaire. Bis heute seien die Untersuchungsergebnisse der Kardinalsgruppe nicht bekannt, „vielleicht gibt es da auch noch mehr Anlass zu Enttäuschungen“.

Der Kardinal räumte auch ein, dass der Papst eher einsam gewesen sei. Dies läge in seiner Persönlichkeit, da er immer eher zurückgezogen gewesen und an seinen Schreibtisch gegangen sei, aber auch an der Atmosphäre der Kurie. Ein Papst könne nicht beliebige Kontakte haben.

Jeder Papst bringe seine Kernkompetenz mit in das Amt, „das ist kein Beruf, den man lernt“. Er brauche aber auch gute Mitarbeiter, und ob Benedikt XVI. die immer gehabt habe, könne man bezweifeln. Ein Papst sei auch nicht nur Vertreter des eigenen Amtes, sondern müsse sich auch die Sorgen und Nöte von anderen, die mit ihm zusammen sind, zu eigen machen. Kardinal Lehmann würdigte den Papst als einen großen geistigen Führer, der schon in seinen frühen Schriften auf die Einwände seiner Kritiker geantwortet habe. „Ich glaube, es war ein Segen für die Kirche, dass er mit seinem theologisch-spirituellen Ansatz eine Vertiefung des Glaubens geboten hat. Wir brauchen eigentlich nichts dringender, als dass wir selbst besser überzeugt sind von der Wahrheit des Glaubens, dass wir die Leute motivieren können“, sagte Lehmann.

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Michaela Pilters

Ich leite seit 1985 die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben/kath“. Bevor ich zum ZDF kam, war ich bei der Katholischen Nachrichtenagentur in Bonn und beim Hessischen Rundfunk in der Kirchenredaktion - also viele Jahre Erfahrung mit kirchlichen Themen. Mein Studium der katholischen Theologie (Diplom) habe ich in München gemacht.