Erzbischof Müller vorerst nicht Kardinal

Es ist eine doppelte Überraschung: Benedikt XVI. hat für den 24. November ein Konsistorium einberufen – doch Erzbischof Gerhard-Ludwig Müller, der Chef der Vatikanischen Glaubenskongregation und damit dritte Mann in der katholischen Kirche, ist nicht dabei. Eine ungewöhnliche Entscheidung; galt es doch gleichsam als ungeschriebenes Gesetz, dass Müller, ein enger Vertrauter des Papstes, bei der nächsten Kardinalskreierung mit dabei sein würde. Gut, der ehemalige Regensburger Bischof ist mit seinen 64 Jahren noch jung und kann daher auch noch etwas warten; doch kann ein so wichtiger Posten im Vatikan längere Zeit ohne den Kardinalspurpur bleiben? Haben sich etwa im Vatikan die Kräfte durchgesetzt, denen Müller nicht zuletzt wegen seiner guten Beziehungen zum Befreiungstheologen Gustavo Gutiérrez zu liberal ist, und die eigentlich schon seine Ernennung zum Chef der Glaubenskongregation verhindern wollten?

Sechs neue Kardinäle gibt es Ende November. Dazu gehören die Erzbischöfe von Abuja in Nigeria, John Olorunfemi Onaiyekan, Bogota, Rubén Salazar Gómez, und Manila, Luis Antonio Tagle, sowie der maronitische Patriarch Béchara Boutros Raï (Libanon) und der syro-malankarische Großerzbischof Baselios Cleemis Thottunkal (Indien). Mit dem kleinen Konsistorium schafft der Papst einen kleinen Ausgleich zur letzten Kardinalskreierung im Februar dieses Jahres. Damals kamen 10 der 22 neuen Kardinäle aus der römischen Kurie; viele von ihnen Italiener. Das hatte zu Unmut geführt. Mit dem Konsistorium am 24. November wären genau 120 Kardinäle wahlberechtigt (d.h. unter 80 Jahren) in einem Konklave. Paul VI. hatte festgelegt, dass diese Grenze nicht überschritten werden soll. Allerdings hatte Benedikt XVI. sie bei früheren Konsistorien auch schon überschritten.

Interessant ist der sechste neue Kardinal: Erzbischof James Michael Harvey. Der 63-Jährige US-Amerikaner ist seit 1998 Präfekt des Päpstlichen Hauses; d.h. er koordiniert die Termine des Papstes. Harvey gehört zu den engsten Mitarbeitern des Pontifex und begleitet ihn zu allen öffentlichen Auftritten im Vatikan und Italien. Harvey soll Erzpriester der Basilika Sankt Paul vor den Mauern werden, kündigte der Papst an. D.h. sein Posten als Präfekt des Päpstlichen Hauses muss neu besetzt werden. Diese Aufgabe könnte Georg Gänswein übernehmen, der bisherige Privatsekretär des Papstes. Damit wäre ihm das Bischofsamt sicher. Seit Wochen wird in Rom über eine entsprechende „Beförderung“ Gänsweins spekuliert. Diese Ernennung zum Bischof könnte schon in Kürze  erfolgen. Sie wäre auch ein Vertrauensbeweis Benedikts XVI. gegenüber seinem Privatsekretär, der im Rahmen der Vatileaks-Affäre in den vergangenen Monaten immer wieder auch in der Kritik stand. Eine Bischofsernennung Gänsweins wäre allerdings auch ohne die gleichzeitige Berufung zum Präfekten des Päpstlichen Hauses möglich – analog zum letzten Pontifikat. Da hatte Papst Johannes Paul II. seinen langjährigen Sekretär Stanislaw Dziwisz 1998 unter Beibehaltung seiner bisherigen Aufgabe zum Bischof und  „Beigeordneten Präfekten des Päpstlichen Hauses“ ernannt.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.