Die spinnen, die Deutschen?

Heute morgen, 10 Uhr, mitten in Durban steht mein Kollege Lars Tepel mit seiner Kamera auf einem verlassenen Fußballfeld und sucht verzweifelt eine Gruppe Schulkinder, die gegenüber dem Addington-Hospital anlässlich der UN-Klimakonferenz ein Kunstwerk zur Aufführung bringen wollen. Die Bilder wollen wir als bunten Einstieg für die heutige nano-Sendung später nach Mainz überspielen, aber außer ein paar Jungs, die einen alten Ball treten, ist weit und breit niemand zu sehen.
„Ist hier nicht das Addington-Hospital?“, fragt Lars einen Polizisten. „Oh nein“, wehrt der ab, „Sie müssen zum Addington-Beach. Das ist weit weg. Wo ist Ihr Auto?“ Lars aber ist zu Fuß unterwegs, denn der Event, so dachten wir, sollte direkt beim Konferenzzentrum stattfinden. In Deutschland würde Lars den Termin jetzt abhaken, aber wir sind in Südafrika.
„Wissen Sie was?“, reagiert spontan der Polizist und zeigt auf sein weiß-blaues Auto mit der gelben Aufschrift “Metropolitan Police”, „steigen Sie ein! Ich fahre Sie hin“. So bekommen die nano-Zuschauer doch noch die Bilder von den tausend schwarzen Kids zu sehen, die am Strand von Durban für ein Foto aus der Luft die Umrisse eines Löwen darstellen und dabei mit Löwengebrüll die Verhandler auf dem Klimagipfel zum Handeln auffordern – und wir haben ein weiteres, sehr afrikanisches Erlebnis.
Denn es macht Spaß gleich von so vielen Afrikanern umgeben zu sein. Sie verbreiten immer gute Laune, die Sicherheitsleute, die bei jedem Betreten der Verlassen des Konferenzgeländes unsere UN-Ausweise scannen, der Mann am Grill, der jeden Tag ein paar tausend Hähnchen für uns alle brutzelt ebenso wie der Delegierte, der zufällig im afrikanischen Pavillon vorbeikommt, als wir dort den künstlichen Dschungel filmen. Er ist der technische Berater des senegalesischen Ministers für „Ökodörfer, Wasser-Rückhaltebecken, künstliche Seen und Aquakulturen“. So heißt das Ministerium wirklich und daran erkennt man, dass Wasser im Senegal ein großes Thema ist.

Ach ja, am Ende der Löwen-Zeremonie japsten die Kleinen am Strand von Durban übrigens ziemlich nach Wasser. Der südafrikanische Sommer ist hier mit voller Wucht ausgebrochen. Luftlinie einen Kilometer entfernt steht am Mittag der deutsche Umweltminster Norbert Röttgen nass geschwitzt bis auf die Haut in einem schlecht klimatisierten Zelt der EU und preist die deutsche Energiewende als Modell für eine ökologisch machbare und ökonomisch sinnvolle globale Kehrtwende an. Ich bin echt beeindruckt, wie groß das Interesse an der deutschen Energiewende ist. Auch Länder, in denen noch kein Windrad und kein Solarmodul stehen, interessieren sich für diesen mutigen Weg der Deutschen. Wahrscheinlich halten uns auch Einige für total übergeschnappt. Während die ganze Welt mehr und mehr Kohle verbrennt, weil die durch den steigenden Ölpreis immer rentabler wird, machen wir Deutschen unsere AKWs dicht und wollen unsere Industrie in einem halben Jahrhundert fast nur noch mit erneuerbarer Energie befeuern.
Echt abgefahren finden das die US-Amerikaner, die Röttgen nach seiner Rede löchern. Wieviel Arbeitsplätze bringt die Energiewende? Wollen die Deutschen das wirklich? Und sind sie auch bereit dafür zu zahlen? Nachdem Röttgen im EU-Sauna-Zelt verbreitet, dass 80 Prozent von uns die Energiewende nicht nur gut finden, sondern dafür auch noch zahlen würden, schaue ich in erstaunte, aber auch ziemlich beeindruckte Minen. Die spinnen die Deutschen? Im Gegenteil!

Okay. Ich oute mich mal, denn ich bin gerade deshalb ein bisschen stolz auf uns Deutsche. Dass wir das machen. Das ist ein bisschen so wie beim Fußball. Vor einem Jahr hat die deutsche Nationalmannschaft bei der WM im neuen Stadion von Durban tollen Fußball gezeigt. Jetzt zeigen wir der Welt ein paar Meter entfernt, was wir bei der Energieversorgung der Zukunft drauf haben, finanziell, technologisch und ideell. Ich finde das klasse.
Und auch wenn die Distanz zur Politik zum journalistischen Handwerk gehört, finde ich, dass Röttgen hier in Durban eine richtig gute Figur macht. Das sehen übrigens, wenn auch manchmal nur hinter vorgehaltener Hand, auch die Umweltorganisationen so, sogar die ganz, ganz kritischen. Und die Vorsitzende des Umweltausschusse des Bundestages, eine Abgeordnete der Linken, sagt, dass auch sie auf Röttgens Seite stünde. Da werde ich mich wohl auch mal ein wenig sonnen dürfen – in der afrikanischen Sonne und im Glanz der deutschen Umweltpolitik.

Kommentieren | 07. Dezember 2011 | 18:01 Uhr | Twittern | Facebook

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