-
Neues Treibhausgas entdeckt!
Was kommt raus, wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel über Klimapolitik spricht? Richtig: ein warmes Gasgemisch mit einem im Vergleich zur normalen Atemluft erhöhten CO2-Gehalt. Mehr nicht.
Der Mensch verändert das Klima. Das ist wissenschaftlich unstrittig. Er tut dies, in dem er Treibhausgase in die Atmosphäre bläst, vor allem Kohlendioxid, kurz: CO2. Dabei spielt die Ausatmung keine entscheidende Rolle, viel mehr geht es um die Energieerzeugung für die Industrie durch fossile Brennstoffe wie Erdöl und Erdgas. Soweit die Fakten.
Angela Merkel, die einst den Titel „Klimakanzlerin“ trug, redet gerne über das Klima. Zuletzt tat sie dies heute morgen in Berlin beim sogenannten „Petersberger Dialog“, auf dem sich die Umweltminister der EU mit Klimapolitikern aus den USA und wichtigen Schwellenländern treffen, um auszuloten, was in ein globales Klimaabkommen hineinverhandelt werden soll, welches spätestens 2015 auf dem Weltklimagipfel in Paris verabschiedet werden soll. Ein neuer Anlauf nach dem Scheitern von Kopenhagen 2009 sozusagen.Kabinettsitzung im März 2013: Kanzlerin Merkel (rechts) und Umweltminister Altmaier (links) mit Klimakiller.
Merkel ist für ein solches Abkommen. “Nichtstun bedeutet, dass es uns insgesamt viel, viel teurer kommt”, sagte sie heute.
Emissionshandel – eine geniale Idee
Doch das nach ihren eigenen Aussagen „vorrangige Klimaschutzinstrument“ ihrer Regierungspolitik läßt sie verkommen, den EU-Emissionshandel. Dabei ist er das genialste und potentiell wirkungsvollste Instrument, um Klimaschutz im globalen Maßstab voranzutreiben.
Die Atmosphäre gehört uns allen. Wer sie außer zum Atmen für seine privaten Geschäfte nutzt, dabei ihre Zusammensetzung ändert und das Weltklima in eine gefährliche Richtung treibt, soll dafür zahlen, in dem er sogenannte CO2-Emissionszertifikate kaufen muss. Wer bei der Produktion von Waren mehr Treibhausgase ausstößt, zahlt mehr, wer seine Energieversorgung dagegen klimafreundlich umbaut, senkt gleichzeitig seine Produktionskosten und wird dadurch konkurrenzfähiger gegenüber “schmutzigen” Mitbewerbern. Ein marktwirtschaftliches Instrument, das Klimaschutz und Produktivität gleichzeitig vorantreibt. Allein, es funktioniert derzeit nicht gut und bräuchte einen stützenden Eingriff. Die EU müsste vorerst eine Milliarde Zertifikate vom Markt nehmen und dadurch den Preis für eine Tonne CO2 so hoch treiben, dass sich Investitionen in umweltfreundliche Energien wieder lohnen. Wie das funktioniert, haben wir in nano gezeigt.Klimakiller im Bundeskabinett
Doch gegen die “geballte deutsche Wirtschaft” sei eine Reform des Emissionshandels schwer durchzusetzen, sagt Merkel. Und der mächtigste Lobbyist der geballten deutschen Wirtschaft sitzt am Kabinettstisch neben ihr, ist Vizekanzler, Wirtschaftsminister, hört auf den Namen Philipp Rösler und sorgt seit Jahren dafür, dass Deutschland vom einstigen Vorreiter in Sachen Klimaschutz zur globalen Lachnummer verkommt. Dass Umweltminister Altmaier auf dem Klimagipfel in Doha nichts anzubieten hatte, lag daran, dass Rösler ihn von Berlin aus an der langen Leine hielt. Und da hat er ihn bis heute fest im Griff. Dass Merkel erst auf dem evangelischen Kirchentag und heute wieder in Berlin, eine Verknappung der CO2-Emissionszertifikate einfordert, um die Maßnahme im gleichen Atemzug auf die Zeit nach der Bundestagswahl zu vertagen, zeigt, wie Rösler die Klimakanzlerin am Nasenring durch die Manege führt.
Dazu gehört, dass sich der schwarz-gelbe Kabinettstreit um das Klima seine Nebenkriegsschauplätze sucht, wie den um die Wiederberufung des Klimaberaters der Kanzlerin, des Direktors des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) Hans Joachim Schellnhuber zum Vorsitzenden des „Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen“. Altmaier wollte Schellnhuber, Rösler erstmal nicht. Heute morgen dann zog Rösler sein Nein zu Schellnhuber zurück und bescherte Altmaier einen publzistischen Punktsieg, mit dem der seine chronische Durchsetzungsschwäche gegenüber der geballten deutschen Wirtschaft kaschieren kann.Neues Treibhausgas entdeckt
Klimaforscher Schellnhuber wird heute Abend beim Dinner zu den versammelten Umweltministern sprechern. “Der Petersberger Klimadialog ist der Versuch, richtungsweisende wissensbasierte Entscheidungen vorzubereiten. Deshalb ist es wichtig, dass die Stimme der Wissenschaft gehört wird – wer erkenntnisgeleitet handeln will, darf die Erkenntnisse nicht ignorieren”, wird er sagen. Die eigentliche Sensation wird er nicht verkünden. Nach CO2 und CH4 hat man ein weiteres, noch klimaschädlicheres Treibhausgas in der Atmosphäre entdeckt. Oberhalb von fünf Prozent richtet es schweren Schaden an. Es trägt wie viele andere Treibhausgase ein Kürzel aus drei Zeichen und heißt FDP.
2 Kommentare | Lorenz Beckhardt | 06. Mai 2013 | 15:02 Uhr |
|
-
Vietnam: Einmal Halong-Bucht und zurück
“Was mögen Sie nicht an Vietnam?” fragt der Reiseleiter, der uns zur Halong-Bucht begleitet. Während ich noch überlege, ob man auf eine solche Frage im höflichen Asien überhaupt ehrlich antworten darf, legen die ersten im Bus schon los. Die meisten Mitreisenden sind Deutsche – nirgendwo traf ich bisher auf meiner Asienreise so viele Deutsche wie in Vietnam. Und wir Deutschen sind wirklich gut darin, das Haar in der Suppe zu finden: Das Wetter in Hanoi hat man sich anders vorgestellt, irgendwie mit mehr Sonne, der Straßenverkehr müsste mal geregelt werden, jeder fährt, wie er will, dieses Durcheinander versteht keiner – genauso wenig wie man die Vietnamesen versteht, selbst, wenn sie englisch sprechen, meint die Frau hinter mir. Jeder gibt sich Mühe, die Frage zu beantworten. Schließlich will niemand den Reiseleiter enttäuschen. Der lächelt tapfer.
Vier Stunden dauert es von Hanoi bis zur Halong-Bucht. Ich habe, wie alle hier im Bus, eine zweitägige Kreuzfahrt auf einer “echten” Dschunke gebucht. Hat ein kleines Vermögen gekostet, aber wer will sich schon lumpen lassen, wenn es um DAS Highlight jeder Vietnam-Reise geht?! Die Halong-Bucht – vietnamesisch Vịnh Hạ Long, was „Bucht des untertauchenden Drachen“ bedeutet – ist seit 1994 UNESCO-Weltkulturerbe. Nach offiziellen Angaben ragen 1969 Kalkfelsen, zumeist unbewohnte Inseln und Felsen hoch aus dem Meer.
Malerische Grotten und Höhlen, traumhafte Strände und unberührter Regenwald, glasklare Seen umschlossen von Felsen – jeder, der schon einmal hier gewesen ist, schwärmt von der Schönheit dieser Bucht. Ich freu mich auf den Sonnenuntergang und auf den Morgen, wenn über dem Wasser der Nebel aufsteigt, auf unsere Kajaktour entlang der schroffen Felsen, zu den schwimmenden Dörfern, in denen die Fischer hier leben. Sogar einige der schönsten Höhlen stehen auf dem Programm. Vielleicht bleibt Zeit zum Schnorcheln: 160 Korallenarten soll es hier geben und Fische, bunt und vielfältig wie im Aquarium. Bald sind wir da…
Als wir endlich ankommen, völlig gerädert von der stundenlangen Busfahrt, überrascht uns der Reiseleiter mit einer unerwarteten Mitteilung: Wir könnten leider nur kurz aufs Schiff gehen, dort zu Mittag essen, uns die Kabine anschauen, schnell mal raus schippern und müssten dann gleich wieder zurück nach Hanoi fahren. “Winde aus China” seien unterwegs, es gäbe eventuell einen Taifun. Ich halte es für einen Scherz und freue mich insgeheim, dass er sich eine so originelle Rache hat einfallen lassen. Prompt geht auch das Gemeckere los. Sieg nach Punkten für Vietnam
Ich beziehe meine Kajüte, speise an Deck, bestaune die felsige Bucht – und halte unsere angebliche Abreise immer noch für einen Scherz. Nur die Fotos werden nichts. Irgendwie zu dunkel. Und der Himmel zieht sich immer mehr zu. Es sind auch kaum andere Schiffe unterwegs. Dabei hatte ich gehört, dass diese Bucht eigentlich wegen Überfüllung geschlossen werden müsste.
Plötzlich hat es die Crew sehr eilig. Wir werden an Land gebracht und wieder in unseren Bus verfrachtet, zurück nach Hanoi. Es war leider kein Scherz, es gibt tatsächlich Schlechtwetter. Wie schade! Wer etwas über die Halong-Bucht erfahren möchte, muss nun selbst hinfahren. Und ich weiß jetzt endlich, was ich an Vietnam nicht mag: die Winde aus China.
2 Kommentare | Jana Lemme | 07. April 2013 | 08:19 Uhr |
|
-
Laos: Luang Prabang – Mönche und Touristen
Wir lieben, was uns ähnlich ist. Das ist bei Menschen so und – wie ich hier lerne – auch bei Orten. Da reist man Tausende von Kilometern und freut sich daran, Vertrautes zu finden. Kommt dann noch etwas dazu, was meine Neugier weckt, kann ich kaum widerstehen. Und genauso ergeht es mir mit Luang Prabang. Ich bin dieser Stadt verfallen – vom ersten Tag an. Und mit jeder Stunde, die ich durch die Gassen streife, ein bißchen mehr.
Diese Stadt hat etwas Mediterranes. Das alte Indochina lässt grüßen. Die französische Kolonialzeit hat den Baustil dieser Stadt nachhaltig geprägt. Viele dieser kleinen, schicken Häuser könnten auch in Südfrankreich stehen. Es gibt schnucklige Cafés mit Tarte de Pommes und Schokoladentorte (spätestens da ist es um mich geschehen
). Doch das ist eben nur die eine Seite. Die andere, die exotische, das sind die vielen wunderschönen Klöster. Luang Prabang ist die größte, noch aktive Tempelstadt Asiens und ist seit 1995 UNESCO-Weltkulturerbe. 611 Gebäude stehen unter Schutz, darunter 168 Klöster. Die Mönche mit ihren safrangelben Gewändern gehören zum alltäglichen Bild. Ich treffe sie überall in der Stadt und muss mich zusammenreißen, nicht jedesmal sofort die Kamera raus zu holen. Es ist einfach zu schön. Ich will fotografieren und weiß doch, dass ich das nicht tun sollte. Ich versuche, dezent meine Fotos zu machen: von hinten, weiter weg.
Die Mönche fühlen sich gestört. Zu viele Touristen, zu viele Kameras. Besonders heftig erlebe ich diese Situation 6.00 Uhr morgens, wenn die Mönche einer Prozession gleich durch die Straßen gehen und Essen sammeln, was die Einheimischen spenden. Es sind mehr Touristen als Mönche auf der Straße. Luang Prabang ist schon lange kein Geheimtipp mehr.
Diese Stadt, die die UNESCO als “one of the few remaining historically authentic places in Asia” bezeichnet, hat mit den Folgen des Tourismus zu kämpfen. Das Stadtbild verändert sich. Die Häuser werden zu Hotels umfunktioniert. In den Läden wird Touristen-Kram verkauft, der wachsende Verkehr lärmt, eine neue Brücke soll gebaut werden. Die UNESCO steht vor einer großen Aufgabe: Wie kann die Authentizität und der Charme der Stadt erhalten werden, ohne ein Disneyland daraus zu machen? Wie können Klöster und Mönche den wachsenden Touristenansturm verkraften?
Nichts bleibt, wie es ist. Manchmal ist das sehr schade. Aber warum soll es nicht gelingen, für Probleme Lösungen zu finden?! Und mich beruhigt, dass viele kluge Köpfe damit beschäftigt sind, Luang Prabang als das zu erhalten, was es ist: eine liebenswerte Stadt.
Buddha, der der Legende nach hier auf seiner Reise vorbeigekommen ist, soll hier gerastet und gelächelt haben. Ich wünsche mir, es möge noch vielen Reisenden so ergehen
Das Zitat stammt aus:
IMPACT: The Effects of Tourism on Culture and the Environment in Asia and the Pacific: Tourism and Heritage Site Management in Luang Prabang, Lao PDR. UNESCO, Bangkok, 2004.2 Kommentare | Jana Lemme | 04. April 2013 | 09:14 Uhr |
|
-
Laos: Steinkrüge im Bombenhagel
“Nicht vom Weg abgehen, immer zwischen den weißen Markierungen laufen”, mahnt mich der Guide eindringlich. Denn hier liegen noch immer Blindgänger rum: Bomben, von den USA in den 1960er und 70er Jahren in einem geheimen Krieg auf Laos geworfen. Denn Laos sollte nach amerikanischer Meinung weder unabhängig noch kommunistisch werden. Und so bombte man nicht nur Vietnam in Grund und Boden, sondern das Nachbarland gleich mit.

Ich bin unterwegs im Norden von Laos, in der “Ebene der Tonkrüge”. Ich will mir diese riesigen Monolithe anschauen, die hundertfach in der Landschaft rumliegen. Die Wissenschaft stellen diese über 2000 Jahre alten Kunstwerke vor ein Rätsel: man kennt weder das mysteriöse Volk, das sie geschaffen hat, noch den Zweck der Gefäße. Archäologen haben in einigen Knochen und Grabbeigaben gefunden und vermuten deshalb, dass die Steinkrüge als Urnen dienten. Ich wusste nicht, dass es gefährlich sein könnte, diese Gegend zu besuchen. Doch als ich bei Site 1 ankomme, sehen ich zuerst große Bombentrichter und erst dahinter die Steinkrüge, viele davon bei den amerikanischen Bombenangriffen zerstört.Laos hat mehr Bomben abbekommen als ganz Europa im 2. Weltkrieg – über zwei Millionen Tonnen. Im Schnitt alle acht Minuten ein Bombenflug. 30 Prozent der Bomben sind nicht explodiert. Und das ist noch immer ein großes Problem.

Besonders berüchtigt sind die “Bombies”, tennisballgroße Submunition der berüchtigten Streubomben. Noch immer töten und verstümmeln sie. Bis zu 650 Bombies enthielt eine einzige CBU-Bombe (Cluster Bomb Units). Diese Bombenhülsen werden von der Bevölkerung kreativ recycelt: die Bombenhälften eignen sich für Zwiebelbeete, Futtertröge und als Baumaterial für die Stelzenhäuser.

78 Millionen Bombies verseuchen als Blindgänger große Teile dieses Landstrichs. Deshalb dürfen auch nur sieben der insgesamt 68 Plätze besichtigt werden, an denen die Krüge stehen. Site 1 ist mit 331 Steinkrügen einer der größten Plätze. Als er in den 1930er Jahren von der französischen Archäologin Madeleine Colani entdeckt wurde, gab es hier noch 500 Exemplare. Im Krieg wurden viele zerstört, andere fortgeschafft, geplündert.“Hoffentlich”, so sagt mein Guide, “werden wir bald Weltkulturerbe. Die Krüge müssen dringend dokumentiert werden. Wir müssen diese Plätze schützen.”
Der Antrag bei der Unesco ist gestellt. Zu hoffen bleibt auch, dass dann die Bombenräumung schneller geht. Denn obwohl seit 1994 internationale Experten helfen, wird es – geht es in diesem Tempo weiter – noch 1000 Jahre dauern, bis alle Munition gefunden ist.1 Kommentar | Jana Lemme | 20. März 2013 | 16:54 Uhr |
|
-
Laos: Vat Phou – Der Macho-Tempel
Es gibt gewiss viele Gründe, weshalb Tempel gebaut werden und wonach ihr Standort ausgewählt wird. Der Vat Phou in Laos übertrifft sie alle – die guten Gründe. Im Reiseführer heißt es dazu: “Schon bei der Anfahrt lässt sich die symbolträchtige Landschaft erahnen, weshalb die Khmer ausgerechnet am Phou Koa eine religiöse Stätte errichteten: Der Gipfel des Berges wird von einem 16 m hohen Felsen gekrönt, den die früheren Völker als lingam verehrten, das phallische Symbols Shivas.”

Das heißt im Klartext: Dieser Tempel wurde hier gebaut, weil der Berg dahinter wie ein Riesenphallus aussieht. Da hatte jemand zu viel Fantasie. Oder Hormone. Oder einfach nur schmutzige Gedanken. Aber manchmal kommt dabei ja was Schönes raus. Und in diesem Fall etwas so Prächtiges, dass es die Unesco 2001 zum Weltkulturerbe adelte.

Der Bau dieses Tempels ist sozusagen die Generalprobe von Angkor Wat. Hier, 250 Kilometer südwestlich davon gelegen, übten die Khmer schon mal – rund 400 Jahre bevor die Bauarbeiten in Angkor Wat begannen. Die ältesten Ruinen von Vat Phou stammen aus dem 6. Jahrhundert. Dazu gehört auch eine alte Siedlung, die auf Luftaufnahmen entdeckt wurde.

Die Tempelanlage ist einigermaßen erhalten. Als ich dort war, fanden gerade Restaurierungsarbeiten statt. Am Gebäude gegenüber sah ich neue Steine, die eingefügt worden waren und nun verhindern, dass noch mehr einstürzt. Indien und Frankreich leisten Aufbauarbeit. Trotzdem ist vieles bereits so kaputt, dass nur noch Steinhaufen übrig sind.

In solchen Momenten stelle ich immer wieder fest, wie deutsch ich bin. Am liebsten würde ich dort mal aufräumen. Die zerbrochenen Statuen und Säulen wieder zusammenfügen und aufstellen. Kann doch so schwer nicht sein. Haben die doch früher auch geschafft.Waren eben echte Kerle
P.S. Das Zitat stammt aus Stefan Loose Travel Handbücher LAOS, 5. Auflage 2013
2 Kommentare | Jana Lemme | 14. März 2013 | 14:55 Uhr |
|
-
Tonlé Sap – Der See, der ein Meer ist
Ich hatte von diesem riesigen See in Kambodscha gelesen, von dem größten Süßwassersee in ganz Südostasien. Doch das hier fühlt sich an wie offenes Meer. Als mein Boot den Fluss hinter sich lässt und sich dieser See vor mir auftut, ist kein Ufer auf der anderen Seite zu sehen. Ich schaue automatisch nach den Schwimmwesten. Keine da. Doch dazu später.Der Tonlé Sap ist einzigartig. Welcher See schon kann seine Fläche verfünffachen?! In der Trockenzeit ist er ungefähr 2500 bis 3000 Quadratkilometer groß, etwa fünfmal der Bodensee. In der Regenzeit wächst er auf 16.000 Quadratkilometer – eine Fläche, bei der fast ganz Rheinland-Pfalz unter Wasser stünde. Stellt euch vor, was da los wäre! Nationaler Notstand, Katastrophenalarm, Sondersendungen, Klimaexperten, die das Ende der Welt im Fernsehen verkünden, aufgeregte Reporter in Gummistiefeln live vor Ort, Minister, die Sandsäcke vor laufenden Kameras stapeln und danach in Berlin trockenen Fußes Karriere machen und viele andere schöne Sachen, die scheinbare und wirkliche Katastrophen so wertvoll fürs Fernsehen machen
.
Und hier? Gigantisch unspektakulär. Die Leute leben einfach mit der Natur. Passen sich an. So rum geht’s auch. Ihre Häuser stehen auf meterhohen Stelzen oder können schwimmen. Ganze Dörfer leben so am Rande des Sees. Mit Schule, “Supermarkt” und Kneipe auf dem Wasser. Selbst die Schweine haben von ihrem Stall aus Seeblick. 90.000 Menschen leben hier, ihr Einkommen bestreiten sie von Fischfang und Landwirtschaft. 70 Prozent des kambodschanischen Fischs kommt aus dem Tonlé Sap. In der Trockenzeit wird auf den angrenzenden Feldern Reis und Gemüse angebaut. Die jährlichen Überschwemmungen bringen fruchtbaren Schlamm mit und düngen das Land.Die überfluteten Wälder sind ideale Laichplätze und Lebensraum für seltene Vögel, Schlangen und Schildkröten. 2001 wurde dieses einzigartige Ökosystem zum Unesco-Biosphärenreservat erklärt. Doch das wird nichts helfen, denn Kambodscha will Entwicklung und dafür braucht es eine stabile Stromversorgung. Zwei Staudämme sind geplant, die den Mekong dazu nutzen wollen. Das Wasser wird dem Tonlé Sap fehlen. Wenn der Wasserspiegel des Sees in der Regenzeit um nur einen Meter sinkt, wird eine Fläche von 2000 Quadratkilometern nicht überschwemmt – das wäre für viele kambodschanische Bauern die wahre Katastrophe. Die UN hat die “Mekong River Commission” gegründet, um die Pläne für den Fluss zu überwachen. Mal sehen, ob’s was nützt.
Schwimmwesten braucht man hier übrigens wirklich nicht. Das wird mir zum ersten Mal so richtig klar, als ich weit weg vom Ufer Fischer mit ihren Netzen im Wasser stehen stehe. Und mein Reiseführer bestätigt meine grundlose Furcht: Das Wasser des Sees ist in der Trockenzeit durchschnittlich nur einen Meter fünfzig tief. Da habe ich mit meiner durchschnittlich deutschen weiblichen Körpergröße von 1,65 m gute Überlebenschancen, falls mein Boot untergeht
.2 Kommentare | Jana Lemme | 05. März 2013 | 09:37 Uhr |
|
-
Schwierige Recherche
Manchmal kriege ich das Gefühl nicht los, als Journalistin die falschen Fragen zu stellen, vor allem in Ländern, die so ganz anders sind. In die man als Journalist so reinploppt, von nix wirklich Ahnung hat, aber schnell mal einen Bericht darüber macht. Hauptsache, er weicht von der gängigen deutschen Journalistenmeinung nicht zu weit ab. Tut er es doch, bekommt man ein Problem mit dem Chef vom Dienst – oder einen Journalistenpreis
. Viel dazwischen gibt’s nicht.Um ein Beispiel zu nennen: Ich in Burkina Faso / Westafrika, Thema: “Wie EU-Subventionen die Milchbauern in Afrika in den Ruin treiben”. Wir drehen bei Nomaden, die eine relativ große Viehherde haben. Ich frage den Dorfältesten: “Wie viele Kühe haben Sie denn?”
Schließlich muss man seinen Bericht mit Zahlen unterfüttern, wie es so schön heißt. Zahlen sind was Reales, wir Deutschen lieben Zahlen, wir Journalisten besonders. Schon mal einen Bericht ohne Zahlen gesehen oder gelesen?Die Antwort des Dorfältesten: “Wir zählen nicht. Gott hat’s gegeben und da zählt man nicht nach.”
Schöne Antwort, oder?! Nun ja, ähnlich erging es mir hier in Kambodscha. Ein anderes Lieblingskind der deutschen Journalisten – neben Zahlen – ist der Klimawandel. Mein selbstgewähltes “Angeh-Thema” des Tages (für alle Nicht-Journalisten: Ja, so heißt das jetzt!) war also:
“Klimaveränderung und ihre Folgen am Beispiel des Tonlé-Sap-Sees in Kambodscha”. Und meine investigative Frage an den Guide, mit dem ich unterwegs war, war folgende:Frage: “Gibt es in den letzten Jahren oder Jahrzehnten Veränderungen hinsichtlich des Wasserstands? Gibt es zum Beispiel mehr Regen oder weniger? Dauert die Trockenzeit vielleicht länger oder ist es heißer geworden?”
Antwort: “Das hängt vom Wetter ab.”
So, jetzt wisst ihr, warum ich nichts zu diesem Thema schreiben werde
.2 Kommentare | Jana Lemme | 03. März 2013 | 13:57 Uhr |
|
-
Kambodscha: Angkor Wat
Ich hab noch nie so viele Südkoreaner auf einem Haufen gesehen wie in Angkor Wat. Noch nicht mal in Seoul
. Mit Mundschutz, Handschuhen (bei 38 Grad im Schatten!!!) und Fächer zum Luft wedeln, damit die Atmung doch nicht ganz zum Erliegen kommt. Angkor Wat ist etwas ganz Besonderes und das nicht nur wegen der Menschen, die man hier seltsam fasziniert bestaunen kann. Es gibt da noch diese Tempel…Angkor Wat ist seit 1992 Weltkulturerbe – und das zu Recht. Was für eine Pracht! Alle kambodschanischen Gottkönige haben versucht, die Monumente ihrer Ahnen zu übertreffen. Heraus kamen Tempel von unvergleichlicher Größe und Schönheit. Einige sind über tausend Jahre alt.
Und hier beginnt das Problem. Viele Jahrhunderte blieben die Bauwerke dem Dschungel und sich selbst überlassen (wobei ich mir nicht sicher bin, ob das, im Vergleich zu den Besucherandrang heute, nicht vielleicht besser für sie war). Die meisten sind aus Sandstein gebaut, der leicht verwittert. Doch seit 2003 steht Angkor Wat nicht mehr auf der Liste der gefährdeten Welterbestätten. Also alles gut?
Ich bin nur Journalistin, weder Archäologin noch Bauingenieurin. Ich habe keine Ahnung von Statik, aber ich sehe, wenn etwas einzustürzen droht. Und ich stand hier oft vor diesen wunderschönen Gebäuden und dachte, dass es für einige schon zu spät ist. Massen von Steinen, die um die Tempel aufgeschichtet sind, stammen von eingestürzten Mauern – am Boden liegen Säulen, zerbrochene Friese.
Hier und da sind Arbeiten zu sehen. Die Japaner haben eine Ecke restauriert, die Schweizer auch und die Deutschen haben sich den Haupttempel vorgenommen, was sonst?! Aber mir kommt es vor, als würde man im Kölner Dom das Türschloss erneuern. Geduld war noch nie meine Stärke und ich hoffe, ich irre mich. Schließlich haben wir die Dresdner Frauenkirche auch wieder hingekriegt. Aber das war in unserem deutschen Puppenstubenland, weit weit weg von der kambodschanischen Wirklichkeit.
2 Kommentare | Jana Lemme | 27. Februar 2013 | 14:20 Uhr |
|
-
Weltkulturerbe – nur geborgt von unseren Kindern
Stell dir vor, du hast drei Monate frei und kannst tun und lassen, was du möchtest. Was machst du? Ausschlafen, ok, und was dann? Wohnung aufräumen. Begrenzter Spaßfaktor. Reisen? Schon besser. Und so saß ich zusammen mit meinen KollegInnen eines Tages in der Kantine beim Mittagessen und schmiedete Pläne. Australien? Afrika? Ein Around-the-world-Ticket? Klang alles gut, aber ich brauchte eine “Mission”. Einfach nur hinfliegen, am Strand rumliegen und ein bißchen Sightseeing – das war mir zu simpel.
Zu der Zeit hörte ich die Nachrichten aus Mali von der zerstörten Bibliothek. In Timbuktu verwüsteten Islamisten wieder einmal Weltkulturerbe. Wie so oft in letzter Zeit. Die zerbombte Altstadt von Aleppo/Syrien, die verstümmelten Buddha-Statuen in Afghanistan oder auch das durch die Klimaveränderung betroffenen Great Barrier Reef in Australien – die Liste des bedrohten Weltkulturerbes ist lang.
Also, dachte dich, das wird meine Aufgabe: Ich reise zu den Weltkulturstätten und schreibe, was ich dort sehe und erlebe. Schließlich bin ich Journalistin und Worte sind mein einziges Werkzeug, um auf diese Bedrohung, aber auch auf die Schönheit dieser Orte aufmerksam zu machen. Und wo gibt es einen besseren Platz dafür als bei “nano”, einem Zukunftsmagazin?
Auf geht’s – zu den schönsten Plätzen, die Mensch und Natur uns hinterlassen haben. Ich beginnen meine Reise in Südostasien. Die Tickets sind gebucht
Kommentieren | Jana Lemme | 05. Februar 2013 | 11:00 Uhr |
|
-
Weltklimagipfel · Klimagipfel Doha 2012 · Weltklimagipfel
Die letzten Mohikaner
Wisst Ihr wer die letzten Mohikaner sind? Wir sind das. Meine Kollegen Markus Schall, Alastair Adomakoh und ich. Denn wir sitzen noch nach Mitternacht einsam im Pressezentrum des Klimagipfels und schneiden für Tagesschau und Tagesthemen unsere Beiträge. Das ganze Kongressgebäude ist total verwaist. Die Putzkolonnen ziehen durch. Draussen fahren keine Busse mehr. Mal schauen, wie wir hier wegkommen.
Was mir am Rande der Veranstaltung aufgefallen ist: es waren weniger Medienleute als sonst da und die Deutschen waren unter ihnen überrepräsentiert. Keiner durfte so viele Interviews geben wie Minister Altmaier. Dabei war der nur drei Tage da. Offenbar interessieren sich die Menschen in vielen Ländern nicht für das Thema Klimawandel. Das ist genaus so wie bei Bio, Öko & Co – typische deutsche Leib- und Magenthemen eben.
Das Ergebnis von Doha? Muss man das noch kommentieren? Heisse Luft, sonst nichts. Aber noch mehr nervt mich die unfassbare Energieverschwendung der Kataris. In diesem Konferenzzentrum, das Platz für tausende Menschen bietet, laufen seit Stunden überall die Klimaanlagen auf Hochtouren, alle Lichter brennen, auch in den leeren Parkhäusern. Das ist etwa so, als wenn wir bei uns nachts den Wald beleuchten würden. Völlig sinnfrei. Aber Energie verbrauchen ist in Katar eine Art Volkssport. Mich schüttelt. Eines der Länder, die man kein zweites mal besuchen muss.
2 Kommentare | Lorenz Beckhardt | 08. Dezember 2012 | 23:49 Uhr |
|










