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Der Gipfel war ein Erfolg – Durban gab uns Momente einer Weltbasisdemokratie
Unfassbar. Nachts um drei. Die Präsidentin der COP 17 , die südafrikanische Aussenministerin, unterbricht das Abschlussplenum. Eine Menschentraube schart sich um die Tische der indischen Delegation und der EU. Die letzte Kuh muss vom Eis. Eine halbe Stunde wird um eine Formulierung gerungen, Minister und Botschafter werfen sich Worte zu. Wie soll das Ding heissen, dass bis 2015 ausgearbeitet und 2020 in Kraft treten soll? Das völkerrechtliche Ding, das alle großen Treibhausgasemittenten zwingen soll, Reduktionen einzuführen?
Die einzelnen Begriffe zu nennen, spare ich mir. Es sind juristische Floskeln, die normalen Menschen nicht zu neuer Erkenntnis verhelfen. Fakt ist, dass der Klimagipfel sich auf eine Art Abkommen geeinigt hat, mit dem man zukünftig wird arbeiten können. Fakt ist, dass das Kyoto-Protokoll bis 2017 verlängert wird – und hoffentlich so verschärft wird, dass es zu weiteren Reduktionen führt und nicht zu Stillstand wie zuletzt.Es ist fünf Uhr morgens. Über Durban wird es hell. Der Gipfel, der um mehr als einen ganzen Tag verlängert wurde, ist zu Ende. Tausende Teilnehmer hatten Zimmer verlängert und Flüge umgebucht. Geschlafen wurde die letzten zwei Tage und Nächte kaum. Ich jedenfalls bin platt, aber dennoch froh, dabei gewesen zu sein. Ich habe Momente einer Weltbasisdemokratie erlebt, die man nur schwer beschreiben kann, wenn man nicht dabei war. Anstrengende Momente. Unverständliche Momente. Witzige und nervige Momente. Der Weltklimagipfel von Durban war ein Erfolg. Vor zwei Wochen hätte ich darauf keinen Pfifferling gesetzt.
12 Kommentare | Lorenz Beckhardt | 11. Dezember 2011 | 05:20 Uhr |
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Knappe Führung für das Klima
Seit einer halben Stunde sitzen die Delegierten wieder im Plenum. Fünf Stunden lang haben die Minister und Delegationschefs den Text der südafrikanischen Präsidentschaft durchgekaut. Dabei wurde hart um einzelne Formulierungen gestritten und sowohl EU-Klima-Kommissarin Hedegard, Bundesumweltminister Röttgen als auch US-Delegtionschef Stern kamen immer wieder raus, um uns zu berichten, dass man sich zäh und langsam auf einander zubewege.
Jetzt läuft das Plenum und es werden nun die Texte öffentlich debattiert, Änderungsvorschläge eingebracht, argumentiert … so eine Versammlung der 194 Staaten läuft vom Grundsatz her nicht anders ab als die Eigentümerversammlung einer großen Wohnanlage mit 194 Eigentümern, in der es um die Anschaffung neuer Mülltonnen, den Anstrich der Tiefgarage, die Entlassung des gemeinsamen Gärtners und – vor allem! – um das ständige, lästige Holzkohle-Grillen der jungen Leute im Erdgeschoss geht.
Mich beruhigt sowas ungemein. Klar bedeutet das, dass der Fortschritt in einer solchen Demokratie eine Schnecke sein muss. Aber zu sehen, wie die Vertreter von kleinen Staaten wie Grenada oder Gambia den USA kräftig Kontra geben, entschädigt für durchwachte Nächte und schmerzende Füße.
Das kann hier noch scheitern, klar, wenn am Ende ein Staat aufsteht und sein Veto einlegt. Aber das, was auf dem Tisch liegt, sieht brauchbar aus. Die USA, China und die großen Schwellenländer sollen ab 2020 mit hinein in einen völkerrechtlich bindenden Vertrag oder sowas Ähnliches. Daumen drücken!1 Kommentar | Lorenz Beckhardt | 10. Dezember 2011 | 19:56 Uhr |
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Es gibt Elfmeterschiessen!
Der Ausgang der Klimakonferenz ist so offen wie selten. Die Alternativen heissen im Moment: unerwarteter Erfolg oder totales Scheitern. Die Südafrikaner als Präsidentschaft dieses Gipfel haben in der Nacht einen Text vorgelegt, der nicht nur die Zustimmung der meisten afrikanischen Staaten, der meisten Entwicklungsländer und der EU findet, sondern auch von den kritischen NGOs (Nichtregierungsoganisationen) wie Greenpeace, NABU und Germanwatch begrüsst wird.
Würde der südafrikanische Text unverändert angenommen, hiesse das, dass das Kyoto-Protokoll mit verschärften Auflagen verlängert wird und, dass sich die Staatengemeinschaft bis 2015 auf ein neues Protokoll einigen wird, das im günstigsten Fall 2017 zum Ende von Kyoto II in Kraft tritt.
In diesem neuen Protokoll, dass man sich wie ein Gesetz auf Weltebene vorstellen darf, würden sich neben den Industriestaaten inklusive der USA auch die Schwellenländer China, Indien, Brasilien und Südafrika auf verbindliche, messbare und überprüfbare Treibhausgasreduktionen verpflichten. Das wäre ein großer Zwischen-Erfolg auf dem Weg, das 2-Grad-Ziel einzuhalten.Zur Zeit arbeiten allerdings die USA fieberhaft daran, den südafrikanische Text zu entschärfen bzw. zu verhindern, dass er so, wie er jetzt formuliert ist, ins Plenum kommt, denn dort wären sie gezwungen, vor der Weltöffentlichkeit sichtbar für alle, den Klimagipfel durch ihr Veto platzen zu lassen. Womöglich wird es aber auch noch eine Formulierung geben, die den USA Verhandlungsspielraum lässt, aber bislang hat die EU signalisiert, keine faulen Kompromisse eingehen zu wollen.
Tja. Bei Todd Stern, dem US-Verhandlungsführer, liegen die Nerven jedenfalls blank. Als ich ihn heute morgen mit dem ARD-Mikrofon in der Hand zu seiner Meinung befragen wollte, drängte mich eine seiner Pressedamen rüde zur Seite und brüllte mir ein „Not now!“ entgegen.
Das ist die Lage wenige Stunden vor dem Ende der Konferenz-Verlängerung. Im Plenum, zu dem alle 194 Staaten heute noch zusammenkommen wollen, wird es also ein klimapolitisches Elfmeterschiessen geben, bei dem entweder die EU mit der Mehrheit der Staaten der UNO oder die USA mit ein paar wenigen Verbündeten als Sieger vom Platz gehen – oder, so sehen es die UN-Regeln vor, das Spiel wird noch ein zweites Mal verlängert.
Das ginge dann so: der Gipfel, die so genannte 17. COP, wird unterbrochen und im Sommer in Bonn fortgesetzt. Da viele Delegierte ihre Rückflüge fest gebucht haben und für 20.000 Menschen so schnell keine Umbuchungen organisiert werden können, rückt diese Option immer näher. Einmal in der Geschichte der UN-Klimagipfel hat es auch das schon gegeben. Es ist echt spannend geworden in Durban. Wer hätte das gedacht.Kommentieren | Lorenz Beckhardt | 10. Dezember 2011 | 12:59 Uhr |
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“Schämt Euch Ihr Amerikaner!”
Nicht weit vom chinesischen Pavillon hat Chinas großer Verbündeter in Sachen Klimaverschmutzung seinen publikumswirksamen Auftritt. Ich weiss nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Jahr für Jahr treten die Amerikaner mit spannenden und aufrüttelnden Vortragen bei den UN-Klimagipfeln auf. US-Wissenschaftler erläutern ihre Studien und rütteln die Öffentlichkeit auf. Man kann wirklich nicht behaupten, die Amerikaner wüssten nicht, was die Stunde geschlagen hat.
Als ich eintreffe, läuft drinnen eine Diskussionsveranstaltung zum Zusammenhang von Klimawandel und Gesundheitsproblemen. Eine Dame von der WHO und zwei Herren staatlicher, US-amerikanischer Entwicklungshilfeorganisationen tragen ihre Erkenntnisse vor. Wissen die eigentlich, dass ein paar Meter enfernt Todd Stern, der smarte, hochgewachsene, silberhaarige Verhandlungsführer der US-Regierung diesen Gipfel gerade zum Scheitern bringt und damit die schönen Vorträge zynisch konterkariert?
Bei den Amerikanern übrigens das gleiche Bld wie bei den Chinesen. Die offiziellen Delegationsmitglieder tragen einen Maulkorb und die Kollegen der US-Medien dürfen zwar was sagen, tun das aber nicht, weil es, wie sie mir erklären, zu ihrem Kodex gehört, keine Interviews zu geben.
Sei’s drum. Ein US-Bürger, der aus dem US-Pavillon kommt, verrät mir, dass er schon seit Jahrzehnten auf UN-Gipfeln die Politik der eigenen Regierungen verfolgt. Und er hat eine klare Meinung.4 Kommentare | Lorenz Beckhardt | 10. Dezember 2011 | 10:35 Uhr |
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Gibt es ein Elfmeterschiessen?
Die COP (Conference of the Parties), so heisst ein Klimagipfel in UN-Sprech, geht in die Verlängerung. Wow! So was gab’s so noch nie.
Das Plenum, der Ort, wo der Abschlusstext angenommen werden wird, sofern es einen gibt, wird gegen 22 Uhr geschlossen und morgen früh ab 8 Uhr wieder eröffnet. Die Verhandlungsgruppen und -untergruppen sitzen die Nacht durch weiter zusammen und suchen einen Konsens.
Wir dürfen also ins Bett, statt dass wir hier bis morgen früh um 5 Uhr rumhängen müssen, um auf Ergebnisse zu hoffen. Sehr vernünftig, unsere UNO. Die Minister arbeiten weiter, bis sie etwas vorzeigen können, und die Medien gehen unterdessen in die Heia.
Fazit: es wird ein Ergebnis des Klimagipfels geben. Mein Gefühl sagt mir sogar, dass es ein brauchbares sein wird. Jetzt aber werde ich mir erst mal eines dieser wunderbaren, südafrikanischen Antilopensteaks geben und morgen kommentiere ich das gerettete Klima. Der Klimagipfel geht in die Verlängerung. Vielleicht gibt es ja sogar ein Elfmeterschiessen
1 Kommentar | Lorenz Beckhardt | 09. Dezember 2011 | 21:07 Uhr |
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“Schämt Euch Ihr Chinesen!”
Die US-Amerikaner und die Chinesen sollen sich in die Ecke stellen und sich schämen. Das haben die Vertreter Afrikas in einer gemeinsamen Erklärung gesagt – und die Klimadiplomaten der EU sehen das mittlerweile auch so.
Wie aber gehen die Chinesen und die Amerikaner damit um? Von den offiziellen Delegationen beider Staaten bekomme ich keine Reaktion dazu. Und die Kollegen von der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua, die im Pressezentrum in einer Bürobox neben uns sitzen, sagen mir ganz offen: „Zu politischen Fragen dürfen wir nichts sagen. Das ist uns verboten.“
Also marschiere ich zum chinesischen Pavillon, um normale, chinesische Konferenzteilnehmer zu befragen – und ich habe Glück. Dr. Le-Le Zou von der Akademie der Wissenschaften in Bejing ziert sich anfangs, aber dann sagt sie mir doch, was sie über die massive Kritik an China denkt. Ich lerne daraus, dass aus chinesischer Perspektive der Klimagipfel doch anders aussieht.2 Kommentare | Lorenz Beckhardt | 09. Dezember 2011 | 11:18 Uhr |
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Die lähmende Ruhe vor dem Sturm
Der vorletzte Tag des Klimagipfels. Ich bin müde, denn es tut sich wenig, was mich wachhalten könnte. Auch der deutsche Umweltminister hat Ringe unter den Augen, denn die Verhandlungsnächte werden immer länger.
Gerade bilden sich neue Kolalitionen in der UNO. Die EU, die afrikanischen Staaten, die LDCs, die am wenigsten entwickelten Länder und die Gruppe der Inselstaaten AOSIS schließen sich eng zusammen, um Druck auf China und die USA auszuüben, ein verzweifelter Hilferuf, von dem viele befürchten, dass er verpufft.
Über 120 Staaten vereint dieses Bündnis. Hätten wir eine Weltdemokratie, dann wäre das eine satte absolute Mehrheit. Aber wir haben keine Weltdemokratie und die großen Treibhausgasemittenten USA und China bilden weiter den Block der Ignoranten.
Auch der überraschend laute Protest im Plenum, als Todd Stern, der US-Verhandlungsführer heute ans Rednerpult tritt, wird die US-Position nicht ändern, fürchte ich. Was von Sterns schönen Worten bleibt, ist nicht mehr als ein paar Gramm Kohlendioxid, das er dabei ausatmet.
Bevor morgen der große Show-down im letzten Plenum beginnt, werde ich versuchen, noch ein paar normale Chinesen und Amerikaner zu fragen, was sie von der Blockadehaltung ihrer Regierungen halten. Dazu wird es hier ein Video geben.
Morgen, am Tag X von Durban.Kommentieren | Lorenz Beckhardt | 08. Dezember 2011 | 19:36 Uhr |
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Die spinnen, die Deutschen?
Heute morgen, 10 Uhr, mitten in Durban steht mein Kollege Lars Tepel mit seiner Kamera auf einem verlassenen Fußballfeld und sucht verzweifelt eine Gruppe Schulkinder, die gegenüber dem Addington-Hospital anlässlich der UN-Klimakonferenz ein Kunstwerk zur Aufführung bringen wollen. Die Bilder wollen wir als bunten Einstieg für die heutige nano-Sendung später nach Mainz überspielen, aber außer ein paar Jungs, die einen alten Ball treten, ist weit und breit niemand zu sehen.
„Ist hier nicht das Addington-Hospital?“, fragt Lars einen Polizisten. „Oh nein“, wehrt der ab, „Sie müssen zum Addington-Beach. Das ist weit weg. Wo ist Ihr Auto?“ Lars aber ist zu Fuß unterwegs, denn der Event, so dachten wir, sollte direkt beim Konferenzzentrum stattfinden. In Deutschland würde Lars den Termin jetzt abhaken, aber wir sind in Südafrika.
„Wissen Sie was?“, reagiert spontan der Polizist und zeigt auf sein weiß-blaues Auto mit der gelben Aufschrift “Metropolitan Police”, „steigen Sie ein! Ich fahre Sie hin“. So bekommen die nano-Zuschauer doch noch die Bilder von den tausend schwarzen Kids zu sehen, die am Strand von Durban für ein Foto aus der Luft die Umrisse eines Löwen darstellen und dabei mit Löwengebrüll die Verhandler auf dem Klimagipfel zum Handeln auffordern – und wir haben ein weiteres, sehr afrikanisches Erlebnis.
Denn es macht Spaß gleich von so vielen Afrikanern umgeben zu sein. Sie verbreiten immer gute Laune, die Sicherheitsleute, die bei jedem Betreten der Verlassen des Konferenzgeländes unsere UN-Ausweise scannen, der Mann am Grill, der jeden Tag ein paar tausend Hähnchen für uns alle brutzelt ebenso wie der Delegierte, der zufällig im afrikanischen Pavillon vorbeikommt, als wir dort den künstlichen Dschungel filmen. Er ist der technische Berater des senegalesischen Ministers für „Ökodörfer, Wasser-Rückhaltebecken, künstliche Seen und Aquakulturen“. So heißt das Ministerium wirklich und daran erkennt man, dass Wasser im Senegal ein großes Thema ist.Ach ja, am Ende der Löwen-Zeremonie japsten die Kleinen am Strand von Durban übrigens ziemlich nach Wasser. Der südafrikanische Sommer ist hier mit voller Wucht ausgebrochen. Luftlinie einen Kilometer entfernt steht am Mittag der deutsche Umweltminster Norbert Röttgen nass geschwitzt bis auf die Haut in einem schlecht klimatisierten Zelt der EU und preist die deutsche Energiewende als Modell für eine ökologisch machbare und ökonomisch sinnvolle globale Kehrtwende an. Ich bin echt beeindruckt, wie groß das Interesse an der deutschen Energiewende ist. Auch Länder, in denen noch kein Windrad und kein Solarmodul stehen, interessieren sich für diesen mutigen Weg der Deutschen. Wahrscheinlich halten uns auch Einige für total übergeschnappt. Während die ganze Welt mehr und mehr Kohle verbrennt, weil die durch den steigenden Ölpreis immer rentabler wird, machen wir Deutschen unsere AKWs dicht und wollen unsere Industrie in einem halben Jahrhundert fast nur noch mit erneuerbarer Energie befeuern.
Echt abgefahren finden das die US-Amerikaner, die Röttgen nach seiner Rede löchern. Wieviel Arbeitsplätze bringt die Energiewende? Wollen die Deutschen das wirklich? Und sind sie auch bereit dafür zu zahlen? Nachdem Röttgen im EU-Sauna-Zelt verbreitet, dass 80 Prozent von uns die Energiewende nicht nur gut finden, sondern dafür auch noch zahlen würden, schaue ich in erstaunte, aber auch ziemlich beeindruckte Minen. Die spinnen die Deutschen? Im Gegenteil!Okay. Ich oute mich mal, denn ich bin gerade deshalb ein bisschen stolz auf uns Deutsche. Dass wir das machen. Das ist ein bisschen so wie beim Fußball. Vor einem Jahr hat die deutsche Nationalmannschaft bei der WM im neuen Stadion von Durban tollen Fußball gezeigt. Jetzt zeigen wir der Welt ein paar Meter entfernt, was wir bei der Energieversorgung der Zukunft drauf haben, finanziell, technologisch und ideell. Ich finde das klasse.
Und auch wenn die Distanz zur Politik zum journalistischen Handwerk gehört, finde ich, dass Röttgen hier in Durban eine richtig gute Figur macht. Das sehen übrigens, wenn auch manchmal nur hinter vorgehaltener Hand, auch die Umweltorganisationen so, sogar die ganz, ganz kritischen. Und die Vorsitzende des Umweltausschusse des Bundestages, eine Abgeordnete der Linken, sagt, dass auch sie auf Röttgens Seite stünde. Da werde ich mich wohl auch mal ein wenig sonnen dürfen – in der afrikanischen Sonne und im Glanz der deutschen Umweltpolitik.Kommentieren | Lorenz Beckhardt | 07. Dezember 2011 | 18:01 Uhr |
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Was bewirken diese Klimagipfel eigentlich, außer dass sie Steuergelder verschlingen?
Inseln der Weltdemokratie: Klimadiplomaten und
Umweltschützer beim Palaver
Die Frage stellt sich in Deutschland jeder. Ich habe sie mir auch gestellt, bevor ich nach Durban gereist bin. Wozu eigentlich das Ganze?
194 Staaten verhandeln in Durban, ihre Klimadiplomaten sitzen in riesigen Plenarsälen zusammen, dann wieder in Arbeitsgruppen, Unter-Arbeitsgruppen und Unter-Unter-Arbeitsgruppen. Und was kommt am Ende dabei raus? Ein Erklärung wie in Cancún, dass die Weltgemeinschaft sich darauf geeinigt habe, dass man zum Ende des Jahrhunderts nicht mehr als 2 Grad mittlere, globale Erwärmung zulassen wolle, ohne festzulegen, wer dafür was zu leisten habe?
Für die internationale Klimadiplomatie war das Ergebnis von Cancún – neben der Verabschiedung des 2-Grad-Ziels auch die Einigung über die Einrichtung des milliardenschweren „Green Climate Funds“ zur Finanzierung von Treibhausgasminderung und Anpassungsmaßnahmen an Klimaschäden – nach dem Rückschlag von Kopenhagen durchaus ein kleiner Schritt nach vorne. Dem Klima nützt es allerdings erstmal nichts, denn die Erkenntnis, dass wir, die wohlhabenden Bewohner der nördlichen Hemisphere, bei einer Erderwärmung von 2 Grad die Schäden, die wir dann sicher haben werden und die wir jetzt teilweise schon sehen, technologisch noch beherrschen können, ist uralt. Die Wissenschaft hat sich daher längst vom Parkett der Klimadiplomatie zurückgezogen, denn die Fakten liegen lange auf dem Tisch und setzen langsam Staub an.In Durban nun deuten sich weitere kleine Fortschritte an. Eine Entscheidung darüber, wer den Klimafonds verwalten wird – die Weltbank, wie es die USA wünschen oder ein unabhängigeres Gremium, wie es vier etwas linkere Regierungen Lateinamerikas (Venezuela, Nicaragua, Kuba, Bolivien) fordern – steht bevor. Die EU wird zudem eine Formel finden, wie sie das Überleben des Regelwerks des Kyoto-Protokolls sichern kann – und sei es, dass nach dem Ausscheiden von Kanada, Japan und Russland die verbleibenden Staaten ein Mini-Kyoto2-Abkommen schliessen werden, dass dann nur noch 15 Prozent der weltweiten Emissionen beinhalten wird. Viel wird also wieder nicht rauskommen aus Durban, ein Hauch mehr als aus Cancún vielleicht.
Wozu also das Ganze? Ich persönlich sehe neben den Mikrofortschritten beim Klima einen weiteren, vielleicht ebenso wichtigen Grund, die Gespräche auch nach einem mageren Durban-Ergebnis nicht abreissen zu lassen, denn auf den jährlichen Klimagipfeln probt die Welt zum ersten und in der Geschichte bisher einzigen Mal die globale Demokratie.
Eigentlich wäre das weite Feld der Weltwirtschaft, der Finanz- und Handelsströme, eigentlich wäre die globale, soziale Frage das passende Thema, um sich weltweit auf Standards und verbindliche, gerechte Abkommen zu einigen, aber die Wirtschaft ist seit Jahrhunderten fast ausschließlich in Privathand und wird es trotz Banken- und Eurokrise und wiederkehrender, globalisierungskritischer Proteste wohl noch länger bleiben.
So ist der Klimawandel, der Reich und Arm, Nord und Süd betrifft, seit nunmehr 20 Jahren zum globalen Thema geworden, mit dem die Welt Strukturen der Demokratie erprobt. In der Klimadebatte stecken viele historisch gewachsene Themen der Menschheitsgeschichte. Der Kolonialismus und die mit daraus erwachsene Industrialisierung Europas mit den zugehörigen riesigen Kohlendioxid-Emissionen, die Ausbeutung der Ressourcen der Entwicklungsländer durch die Industrieländer, die ungleichen Lebens- und Einkommensverhältnisse auf der Welt, der ungleiche Zugang zu Wasser und medizinischer Grundversorgung … alle diese Fragen liegen, wenn auch verklausuliert und formalhaft – auch in Durban wieder auf dem Tisch. Die Vertreter der über 170 Staaten, die von ihnen eher negativ betroffen sind, treten hier den 20 reichsten und mächtigsten Staatenlenkern entgegen und fordern von ihnen, Verantwortung für die Geschichte zu übernehmen und eine gerechtere Zukunft, eine bessere Welt wenigstens zuzulassen.Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass diese Probleme auf Klimagipfeln allein gelöst werden können, aber diese Gipfel sind ein Forum für diese Themen. Hier treffen Minister und Diplomaten mit Schlips und Kragen auf bunt gewandete, laute Aktivisten aus Umweltorganisationen und Gewerkschaften, Frauengruppen und Bauernvereinigungen. Hier müssen sich die Damen und Herren aus dem Norden harte, öffentliche Anklagen der Damen und Herren aus dem Süden anhören – und sie müssen sich einmal pro Jahr zwei Wochen lang fragen lassen, warum sie Gold reden, aber oft nur Blech handeln. Hier stehen die Industrieländer unter Druck, weil sie etwas versprochen haben, das sie nur ungern erfüllen wollen.
Es ist erfrischend die globale Basisdemokratie der Plenen, Arbeitsgruppen, Unter-Arbeitsgruppen und Unter-Unter-Arbeitsgruppen auf einem Klimagipfel zu erleben. In Durban mit seiner ungzwungenen, afrikanischen Atmosphäre ist es doppelt schön. Damit wir also das 2-Grad-Ziel nicht aus den Augen verlieren und damit wir – Schwarz und Weiß, Arm und Reich – uns global auf Augenhöhe begegenen, deswegen muss es weiterhin solche Gipfeltreffen geben. Dafür zahle ich gerne Steuern.2 Kommentare | Lorenz Beckhardt | 06. Dezember 2011 | 14:58 Uhr |
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Auf der Klimakonferenz herrscht Totenruhe, aber draußen tanzt der Bär
Sehe ich recht? Was macht ein Sioux-Häuptling mit langen Zöpfen und Amulett am Strand von Durban? Er protestiere gegen den Stillstand bei den internationalen Klimaverhandlungen, sagt mir Tom Go Tooth, der, wie er betont, zum Stamm der Navajo und ebenso zum Stamm der Sioux gehöre, was ich ihm einfach glauben muss, denn die verwandtschaftlichen Binnenstrukturen der nordamerikanischen Ureinwohner sind mir nicht vertraut.
Tom sitzt mit einer Gruppe von „indigenous people“, in Deutschland sagt man bisweilen noch schlicht „Indianer“, am Strand und palavert. Er ist aus South-Dakota angereist und er hat an der Demonstration teilgenommen, die lautstark und bunt zum Ende der ersten Verhandlungswoche des 17. Weltklimagipfels durch die Straßen von Durban getanzt ist. Internationale Umweltorganisationen, südafrikanische Gewerkschaften und viele Kleinstgruppen haben dazu aufgerufen, die Stimme der so genannten Zivilgesellschaft rund um das ICC, das Internationale Konferenzzentrum von Durban, vernehmbar zu machen.
Die Lobby der Wirtschaftsbosse, die Stromkonzerne, die Öl- und Kohleproduzenten seien zu stark und zu gut vertreten bei den Klimaverhandlungen, sie hielten die offiziellen Delegationen der Industrieländer fest im Griff, findet Tom – und die umsitzenden Klimaschützer aus den USA nicken heftig.Das stört auch Martin Kaiser, den Chef der Klimaabteilung von Greenpeace, der im Block seiner Organisation mitmarschiert. Der große Einfuss der Energiekonzerne und der Automoblindustrie lähme die Verhandlungsposition der deutschen Delegation, meint Kaiser, zudem sei die im Konzert der Industriestaaten sonst eher fortschrittliche Stimme der EU durch die polnische EU-Ratspräsidentschaft zu leise geworden.
Dass die Polen die EU nicht gut vertreten, sieht auch Christoph Bals so. Er ist der politische Direktor von Germanwatch, einer Organisation, die auch Delegationsmitglieder von Entwicklungsländern im Umgang mit ihren gewieften Kollegen aus den Industrieländern berät, was ihm intime Informationen direkt aus den nicht-öffentlichen Beratungen verschafft. Die Polen, sagt Bals, stünden in Klimafragen den USA näher als Deutschland, weshalb er sich vom Eintreffen des deutschen Umweltministers Norbert Röttgen den notwendigen Schub erhofft. Röttgen wird zu Beginn der zweiten Verhandlungswoche in Durban erwartet und er soll, wenn es nach Bals geht, Dynamik in die festgefahrenen Verhandlungen bringen. Wobei, schiebt Bals nach, er sich nicht sicher sei, ob Röttgen vor dem Hintergrund der Eurokrise noch etwas bewegen könne und wolle.
Europa hat andere Probleme als den Klimawandel, das ist den Menschen in Durban längst klar – und wenn die bisher führende Kraft im UN-Klimaprozess schwächelt, was kann dann überhaupt noch herauskommen aus Durban?Die Südafrikaner, die den Vorsitz der Konferenz haben, machten ihre Sache jedenfalls bisher gut, höre ich allenthalben. Wobei die Nagelprobe erst bevorsteht, wenn der Showdown der zweiten Woche beginnt, das „High-Level-Segment“, wie es im Klimasprech heißt. Als Schwellenland besitzt Südafrika die nötige Glaubwürdigkeit sowohl bei den den Industrie- als auch bei den Entwicklungsländern, um bei schwierigen Themen zu moderieren.
Jedenfalls spüre ich deutlicher als noch in Cancún in den Gesprächen mit Delegierten und Klimaschützern die Sorge, dass Durban scheitern könne, wobei die Erwartungen schon sehr tief hängen. Für das Hauptziel aus Sicht der meisten Konferenzteilnehmer, die Verlängerung des Kyoto-Protokolls, des bisher einzigen völkerrechtlich verbindlichen Abkommens zur Reduziereung von klimaschädlichen Treibhausgasen, gibt es schon so etwas wie eine inoffizielle, neue Sprachregelung. Die USA, Japan und Kanada, heißt es, werden sowieso nicht dabei sein und Russland nur dann, wenn es uneingeschränkt weiterwirtschaften darf wie bisher. Als neue treibende Kraft tauchen jetzt neben der EU die BASIC-Staaten auf, das sind die großen Schwellenländer Brasilien, Südafrika, Indien und China.
Ja, auch China! Die Chinesen, raunt man mir zu, werden vielleicht einmal die USA als Weltmacht überholen – und dazu gehöre ein Umschwenken auf ein klimafreundliches, von erneuerbaren Energien angetriebenes Wirtschaftswachstum. Das lasse ich mal so stehen.
Jedenfalls sehnen sich die Klimafreunde in Durban danach, dass die BASIC-Staaten zusammen mit den Europäern eine neues, strengeres Abkommen als das Kyoto-Protokoll zustande bringen, dem andere Schwergewichte der Treibhausgasproduktion wie die USA später beitreten können. Denn eins steht fest: 1997 in Kyoto kamen die Schwellenländer noch ohne Auflagen davon, aber ihre Schonfrist ist jetzt abgelaufen. Das begreifen auch die Demonstranten vor dem Konferenzzentrum, sogar die südafrikanischen Gewerkschafter, deren Herzen noch an den Jobs im Kohlebergbau hängen. In knallroten Hemden laufen ein paar Demonstranten einer „One Million Climate Jobs Campaign“ durch die Straßen. Dabei ist allen klar, dass Südafrika keine so schnelle Energiewende gelingen wird, wie sie Deutschland anstrebt. Aber mit deutschem Geld für deutsche Technologie soll der Anteil an Sonne und Wind bis 2025 auf immerhin 15 Prozent steigen. Sari (South African Renewables Initiative) heißt das Konzept der hiesigen Regierung und ein Abkommen dazu mit Deutschland und anderen europäischen Staaten soll am Rande der Konferenz verkündet werden.
In den Köpfen der Südafrikaner dreht sich also Einiges. Viele Bewohner der Townships, der einstigen Schwarzen-Ghettos, haben erst nach dem Ende der Apartheid überhaupt einen Stromanschluss bekommen. Dadurch ist der Energiebedarf im Land noch einmal gigantisch gestiegen. Zudem stammen 88 Prozent des südafrikanischen Stroms immer noch aus Kohle. Und jetzt soll Südafrika sich mit an die Spitze einer Ausstiegsbewegung raus aus den fossilen Energieträgern setzen? Warum eigentlich nicht?
Die Apartheid ist seit 17 Jahren Geschichte. Genauso lang verhandelt die Weltgemeinschaft nun schon auf endlos zähen Klimagipfeln über eine gerechte Zukunft des Planeten. Die Südafrikaner wissen, wie man Geschichte macht. Vielleicht erleben wir ja eine Überraschung.Kommentieren | Lorenz Beckhardt | 05. Dezember 2011 | 12:23 Uhr |
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