Christoph Bieber

Autorenbild Prof. Dr. Christoph Bieber ist Inhaber der Welker-Stiftungsprofessur für Ethik in Politikmanagement und Gesellschaft; seine Arbeitsschwerpunkte sind u.a. Internet und Demokratie, Transparenz und Öffentliche Kommunikation.

Beiträge von Christoph Bieber:

Electoral vs. Popular Vote

Dass sich Donald Trump über das Electoral College beschwert (“The electoral college is a disaster for a democracy.”), verwundert nicht, denn zu oft hatte er sich im Vorfeld als bisweilen ätzender Obama-Gegner zu erkennen gegeben. Dennoch dürfte der Vergleich zwischen electoral vote und popular vote in der nächsten Zeit noch für einige Diskussionen sorgen. (Einen Vorgeschmack gibt es im exzellenten Blog The Monkey Cage, der von mehreren US-amerikanischen Politikwissenschaftler/innen betrieben wird.)

In der Wahl 2012 deutet sich ein sehr klarer Sieg für Obama in Bezug auf die Wahlmännerstimmen an (noch vor der Bekanntgabe von Florida hatte der amtierende Präsident bereits 303 Stimmen des Electoral College sicher) – allerdings wird das popular vote sehr viel knapper ausfallen. Hier dürfte am Ende zwar auch Obama vorne zu liegen, doch wird dies erst nach der Auszählung der Briefwahlstimmen vor allem in Kalifornien klar sein. Der gap zwischen den beiden Bestimmungsgrößen dürfte recht auffällig sein.

Allerdings ist dieses Resultat natürlich auch Folge eines sorgfältig abgestimmten Wahlkampfs, der genau auf die Situation des distributed campaigning hin geplant wurde. “Sichere” Staaten werden von den Kandidaten dabei oft nicht näher bearbeitet, so dass man hier durchaus auch auf Stimmen verzichtet. Im Gegenzug wird viel Geld in kleinere, aber eben strategisch wichtige Bundesstaaten investiert und dabei im Gegenzug das popular vote vernachlässigt. Ginge es allein um die Mehrheit der abgegebenen Stimmen, hätte dies sicher ein Umdenken in den Kampagnenzentralen zur Folge.

Und genau deshalb ist die aktuell zu messende Differenz zwischen den zwei Wahlergebnissen nicht wirklich geeignet, um die “Qualität” dieser Form der Wahlorganisation zu beschreiben.

Das Echo der Social Media Election

Four more years. Barack Obama bleibt Präsident – das “Siegerfoto”, das den neuen Präsidenten in inniger Umarmung mit seiner Frau zeigt, ist der am meisten weitergeleitete Tweet des Jahres. Nach gerade mal sechs Minuten war die Grenze von 100.000 Tweets überschritten, die Zahl der Facebook-Daumen erreichte in Rekordzeit die 1-Millionen-Marke. Der reelection moment brachte 327.000 Tweets unter dem Hashtag #election2012, laut Twitter der absolute Spitzenwert des gesamten Wahlzeitraums. Four more years, and some million more tweets.

Nun haben die Echtzeit-Reaktionen nach der Stimmabgabe zwar keine Auswirkungen auf das Wahlergebnis, doch funktionieren sie als eine Art “Echo” auf die diversen Kampagnen-Aktivitäten des Obama-Lagers. Insofern kann man tatsächlich auch von einer Social Media Election reden – vielleicht nicht so sehr wegen der unmittelbaren Reichweiten-Effekte, aber doch einer immer tiefer werdenden Verankerung der politischen Kommunikation in den Sozialen Netzwerken. Ganz offensichtlich ist es der Obama-Kampagne an vielen Stellen gelungen, die Freunde, Fans und Follower in den Sozialen Netzwerke zu motivieren und so etwas wie “Ansteckungseffekte” zu erzeugen. In gewisser Weise ist das die logische Konsequenz aus den Wurzeln des Wahlkampfs im Jahr 2008, als mit dem systematischen Aufbau von netzbasierten Unterstützernetzwerken begonnen worden war. Ganz offensichtlich hat sich diese Verankerung bis hin zum Wahltag (wieder) verfestigt, und einen Beitrag zum Ende zumindest in Wahlmännerstimmen sehr deutlichen Erfolg geleistet hat.

Eine Frage wird nun sein, ob in der neuen Legislaturperiode viele der nach 2008 letztlich nur halbherzig verfolgten Ansätze zur Digitalisierung der Amtsführung stärkere Berücksichtigung finden werden.

Welche Farbe hat Florida?

Die Nacht ist schon nicht mehr ganz jung, und so langsam sortiert sich die Aufmerksamkeit in Richtung einzelner Bundesstaaten – gerade für die Wahlprognostiker ist jetzt crunch time. Um kurz nach vier Uhr wurde gerade die Stimmenverteilung für Florida mit 50 Prozent für Obama und 49 Prozent für Romney verkündet, bei etwa 84 Prozent ausgezählten Stimmen.

Ein Blick ins Netz deutet darauf hin, dass es dort vielleicht nicht gar so knapp zugeht. Spannend sind nun möglichst große Bezirke, in denen noch nicht allzuviele Stimmen ausgezählt sind: zum Beispiel Broward County mit ca. 1,1 Millionen registrierten Wählern oder Miami-Dade mit 1,3 Millionen. Gut einsehbar sind die Daten zum Beispiel über die offiziellen Seiten der Florida Election Watch. (Dank an Oliver Zeisberger für die Hinweise).

In den Counties selbst sieht es dann gar nicht mal so knapp aus: in Broward County hat Barack Obama mit Daten aus 685 von 778 Unterbezirken einen recht komfortablen Vorsprung von derzeit 67,75 Prozent zu 31,63 Prozent. Wohlgemerkt: Dabei sind noch nicht alle Stimmen aus den Precincts ausgezählt, aber ein Trend ist sichtbar. In Miami-Dade dauert es wohl noch etwas länger (erst 444 von 829 Wahlbezirken liefern Zahlen), aber auch hier gibt es einen recht deutlichen Trend für Obama: 61,97 Prozent zu 37,56 Prozent.

Das Team um den obersten Zahlensachverständigen der New York Times, Nate Silver, zieht weitere Register: gleich in zwei “Wetterfahnen-Wahlbezirken”, die immer als korrektes Stimmungsbarometer für die Gesamtsieger im Bundesstaat funktioniert haben, hat Obama die Nase vorn: in Hillsborough County und in Pinellas.

Um die Schlinge noch etwas enger zu ziehen, könnte man nun Ausschau halten nach Daten aus dem Early Voting und der Political Engagement Map von Twitter. Ergänzend helfen vielleicht auch noch die Daten aus den letzten Präsidentschaftswahlen von 2008, damals hatte Obama in Broward eine solide Zweidrittelmehrheit, in Miami-Dade waren es immer noch deutliche 58 Prozent für den Demokraten.

Nun, so langsam würde ich sagen: die Farbe von Florida ist blau.

Live und in Farbe?

Vor vier Jahren geriet Twitter als Plattform zur politischen Echtzeitkommunikation erstmals in den Blick: nicht nur im Wahlkampf, sondern vor allem am Wahltag selbst hatten viele Nutzer das Resultat ihrer Stimmabgabe getwittert oder den Gang ins Wahllokal mit Bildmaterial dokumentiert. Damals war der Twitter Vote Report eine wichtige Anlaufstelle für viele Bürger, heute ist von dieser eilig durch eine Non-Profit-Initiative entwickelten Seite nur noch ein stillgelegter Twitter-Account übrig geblieben. Kurz vor der Wahl ist mit ourvotelive.org der legitime Nachfolger an den Start gegangen – dort werden mit einer Karte als Interface die eingehenden Nachrichten abgebildet, berichtet werden kann dort über defekte Wahlmaschinen, fehlende oder fehlerhafte Stimmzettel, zu lange Schlangen vor den Wahllokalen oder direkte Täuschungsversuche.

Seit einiger Zeit ist die Website nun allerdings nicht erreichbar, genauer, die Anfragen werden umgeleitet auf die zentrale Beschwerdeseite 866ourvote. Die Gründe dafür sind noch unklar, es könnte allerdings schlicht an der massiven Nutzung der Formate zur digitalen Echtkommunikation liegen: Allein der Hashtag #election2012 wurde am Wahltag bisher in mehr als elf Millionen Twitter-Mitteilungen verwendet. Daraus substanzielle Probleme mit der Wahlorganisation abzuleiten wäre sicherlich verfrüht, doch ist das unmittelbare Feedback zur Stimmabgabe aber schon ein fester Bestandteil der Abläufe am election day zu sein.

Update: Aufgrund technischer Probleme mit der neuen, grafischen Benutzeroberfläche, die die eingehenden Berichte abbilden soll, ist inzwischen eine ältere Fassung online. Die nun sehr textlastige Seite sammelt Fehlermeldungen aus Wahllokalen, die Filterung der entsprechenden Daten gestaltet sich allerdings sehr schwierig.”

Noch nicht am Start vor vier Jahren war das Foto-Netzwerk Instagram, das in diesem Jahr für viele Schnappschüsse aus den Wahllokalen gesorgt hat. Hierbei kommt es zu einigen neuen rechtlichen Fragestellungen: Darf man in der Wahlkabine oder am Wahlcomputer fotografieren? Hierzu haben einzelne Staaten bereits Regelungen getroffen, die zumeist die digitale Abbildung des eigenen Stimmzettels erlauben. Das Fotografieren von anderen Personen am Wahlcomputer ist häufig verboten und gilt in einigen Staaten als krimineller Akt. Die Huffington Post hat hierzu einen Überblick zusammengetragen, auch das Tech-Blog GigaOm fragt besorgt “Is it Illegal To Instagram Your Vote?”.

Ob Live oder down, Nur-Text oder visuell – die zeitnahe Abbildung und Verbreitung der Ereignisse am Wahltag ist definitiv keine Domäne von Journalisten mehr.

Ist Social Voting ansteckend?

Es ist ja häufig die Rede davon, dass die US-Präsidentschaftswahl 2012 die erste “Social Media Election” sei – die Reichweiten der Sozialen Netzwerke wie Facebook ist enorm angestiegen, Dichte und Intensität der Echtzeitkommunikation via Twitter und anderen Plattformen sind gewachsen. Inwiefern die “neuen Medien” sich allerdings gegen die Reichweite und die Präsenz des Fernsehens behaupten können, wird erst die Wahlnacht zeigen müssen.

Meiner Meinung bringt erst das social voting die Wahl auf eine neue Ebene. Gemeint ist damit nicht nur das unmittelbare Teilen der Wahlentscheidung auf der Facebook-Seite oder der Bekennertweet mit dem Hashtag #ivoted. Spezialisierte Angebote wie votewithfriends.net machen dabei passende (oder unpassende) Vorschläge zur gemeinschaftlichen Stimmabgabe.

Auch die Wissenschaft hat sich der Thematik bereits angenommen, Kollegen von der Stern School of Business an der New York University diagnostizieren dabei: social voting ist ansteckend. Auf den ersten Blick wirkt die Chance, durch Kommunikationsprozesse in den sozialen Medien die Wahlbeteiligung zu steigern sehr verlockend – allerdings steigt damit auch die Gefahr der Beeinflussung von Wählern, die den besonders meinungsstarken Netzwerkern folgen.

Die scharfsinnigeren unter den Wahlbeobachtern notieren angesichts solcher Tools darüber hinaus nicht nur einen wachsenden sozialen Zwang, der durch unterschiedliche digitale Wahlhelfer ausgelöst werden kann – Ann Althouse hat in einem Beitrag für das Online-Magazin Techpresident.com hierfür die unschöne, aber zutreffende Umschreibung “to shame and pressure someone about voting” gefunden.

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