Ungarn: Eine Revolution geht offline

 

Die ungarische Knoblauchfront demonstriert am ungarischen Nationalfeiertag in Budapest. (Foto: Charlotte Haunhorst)

Die ungarische Knoblauchfront demonstriert am ungarischen Nationalfeiertag in Budapest. (Foto: Charlotte Haunhorst)

Junge Ungarn demonstrierten vergangene Woche gegen das rechtskonservative Regime von Victor Orbán. Im Vergleich zu Widerstandskämpfern aus anderen Ländern, bleiben die ungarischen Rebellen im Internet aber fast unsichtbar.

Einige verschwinden sogar ganz aus der digitalen Öffentlichkeit. Der Grund: Angst. Angst davor, dass der Staat sie überwacht, ihre Facebook-Accounts scannt, ihre Netzwerke hackt. Waren in Tunesien und Ägypten soziale Netzwerke die einzige Chance eine Revolution in Gang zu setzen, so schafft es die ungarische Regierung, solche Aktivitäten frühzeitig zu stoppen: Wer sich im Netz äußert, den stellt die staatlich kontrollierte Presse als Verräter bloß.

Facebook und Twitter werden gemieden

Einen Monat ist es her, dass sich das staatliche Fernsehen Zugang zu einer internen Plattform des Aktivistennetzwerks Hallgatói Hálózat verschafft hat. Plötzlich kannte das ganze Land geheime Interna der studentischen Protestgruppe. “Seit dieser Sache sind wir bei allem, was mit dem Internet zu tun hat, extrem vorsichtig“, berichtet Sári Kremmer von Hallgatói Hálózat im Gespräch mit Hyperland. “Wir posten nichts mehr bei Facebook, das irgendwie Probleme geben könnte.” Twitter nutzen die Aktivisten gar nicht. Dabei könnte die Organisation, die Demonstrationen organisiert und Parteizentralen besetzt, die öffentliche Aufmerksamkeit gut gebrauchen.

 

Das Internet wird nur in Ausnahmefällen genutzt: Ungarischer Aktivist in der jüdischen Kneipe Sirály. (Foto: Charlotte Haunhorst)

Das Internet wird nur in Ausnahmefällen genutzt: Ungarischer Aktivist in der jüdischen Kneipe Sirály. (Foto: Charlotte Haunhorst)

Doch in Ungarn ist die Angst vor staatlicher Überwachung sehr ausgeprägt. Egal was man veröffentlicht: Die Sorge, dass die Regierung mitliest und mitsieht, ist groß. In den Protestgruppen ist dieses Misstrauen besonders stark ausgeprägt. Am Freitag erst hat die Polizei einen illegalen Treffpunkt der Szene geräumt: Die jüdische Kneipe Sirály. Mitglieder der politischen Satire-Gruppe Knoblauchfront stellen laut Gründer Armin Langer sogar vor jeder Versammlung ihre Handys aus, falls ihre Leitungen abgehört werden. “Viele Leute haben Angst und diese Angst ist wahrscheinlich begründet,” sagt Langer. Er selbst ist eher gelassen: “Die Regierung überwacht bestimmt sämtliche meiner Online-Aktivitäten, ich lasse mich davon aber nicht abschrecken.” Andere Protestler schon.

Einschüchterung seitens der Regierung

Vor allem schreckt Orbans Einschüchterungstaktik die Multiplikatoren ab, die Ungarns Widerstand so gut gebrauchen könnte. Selbst wenn die Protestgruppen vereinzelt Fotos in sozialen Netzwerken hochladen:
Kaum jemand außerhalb der Szene traut sich, so ein Foto weiterzuverbreiten. Schon das Teilen von revolutionär anmutenden Fotos kann dafür sorgen, dass die Regierung auf einzelne Protestler aufmerksam
wird. “Subversive Tätigkeiten” nennt die ungarische Polizei Protestaktionen und droht mit Gefängnis- und Geldstrafen. “Statt die Öffentlichkeit zu suchen, ziehen sich viele Ungarn komplett ins Privatleben zurück,” erklärt Sári Kremmer.

Ein weiterer Grund für die Unsichtbarkeit ist, dass die Ungarn, wenn sie denn online kommunizieren, das hauptsächlich in ihrer Landessprache tun. “Wenn man viel auf Englisch veröffentlicht, gerät man schnell in den Verdacht, dass man finanziell und strategisch vom Ausland unterstützt wird”, sagt Langer. Ungarn ist stark national geprägt, das zeigt sich auch bei der Online-Nutzung. Sowohl Hallgatói Hálózat als auch die Knoblauchfront haben primär ihre Landsleute als Zielgruppe. “Natürlich ist es ein netter Effekt, wenn ausländische Medien über unsere Aktionen berichten”, erklärt Langer. “Aber im Prinzip sind wir in Ungarn der Meinung, dass wir uns nicht auf das Ausland verlassen sollten.”

Autorinnen: Lisa Altmeier / Magdalena Schmude / Charlotte Haunhorst

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