Nachschub für Fernsehfreaks – Idee aus der Web-Steinzeit

Machinima produziert und vertreibt teilweise groß budgetierte Serien, ohne dabei auf Fernsehsender angewiesen zu sein.

Machinima produziert und vertreibt teilweise groß budgetierte Serien, ohne dabei auf Fernsehsender angewiesen zu sein.

Ein Format emanzipiert sich von seinem Medium: Wo 50 Jahre lang fürs Fernsehen produziert wurde, mischen nun alte und neue Player den Markt auf. Sie experimentieren mit Formaten, Vertriebswegen – und investieren Millionen.

Eine Idee aus Web-Steinzeit

Die Idee, das Internet als direkten Vertriebsweg für neue TV-Programme zu nutzen, ist nicht neu. In den 90er Jahren finanzierte eine englische Firma die Vampirserie “New Blood” über Product Placement von Mode und Musik. Die 1994 gefloppte Trickserie “The Critic” erlebte ihre Wiederauferstehung 2000 im Web mit neuen, wenn auch kürzeren Folgen. Und Moderator Bill Maher bekam bei Amazon eine eigene Talkshow namens “Fishbowl“. Besonders erfolgreich war keines der Formate, aber sie galten auch eher als “proof of concept”: Produktionen außerhalb der etablierten Strukturen sind möglich.

Seither hat sich einiges geändert. Als besonders zäh erweist sich “The Guild“: die Comedyserie über online-süchtige Spiele-Nerds hat es in fünf Jahren schon auf 70 Episoden gebracht. Anfangs privat und über Spenden finanziert, sprang irgendwann Microsoft als Sponsor ein – und wieder ab. Seither ist “The Guild” Kern und Prunkstück des YouTube-Senders “Geek & Sundry“, der sich auf preiswerte Comedy-Kurzserien spezialisiert hat.

YouTube präsentiert Häppchen-Action

Überhaupt YouTube: Das zu Google gehörende Videoportal dient vielen neuen Anbietern als idealer Vertriebsweg, weil es die Infrastruktur und die Zuschauer gleich mitbringt. Davon profitieren Produzenten wie Machinima, die eine ganze Reihe eigener Sender über YouTube betreiben. Im letzten Jahr konnte man gleich zwei Coups landen. Mit “Mortal Kombat: Legacy” zeigte man die in Mini-Episoden aufgeteilte neuste Verfilmung der Prügelspielserie und mit “Halo 4: Forward unto Dawn” eine Webserie zu Microsofts Mega-Game. Zehn Millionen Dollar investierte der Softwaregigant aus Redmond angeblich für die spielfilmlange, aber in fünf 15-minütige Episoden aufgeteilte Story.

Dass die Internet-User ihre Serien lieber in kleineren Häppchen schauen als der durchschnittliche Fernsehzuschauer, wurde auch bei “Galactica: Blood & Chrome” deutlich. Der Pilotfilm für eine TV-Serie wurde vom Sender Syfy abgelehnt, dann aber als Premiere bei Machinima ausgewertet – zerschnitten in Häppchen wie “Halo 4″.

Ein anderer “big player” im Videogeschäft ist Hulu (in Deutschland nicht verfügbar). Dort können US-Zuschauer nicht nur die Serien vom Vorabend bequem anschauen, sondern auch komplette Staffeln von Serienklassikern oder Filmtrailer. Doch Hulu will mehr: mit “The Awesomes” produziert man die erste eigene Trickserie, und “The Wrong Mans” soll auf dem Gebiet der Comedy punkten. Finanziert werden solche Projekte durch die kostenpflichtigen Hulu+-Abos.

Vom Versender zum Sender – TV Amazon?

Da will auch Amazon nicht zurück stehen. Um Kunden für den Amazon Prime-Service zu ködern, produziert der Versandhändler etwa “Alpha House” mit John Goodman. Dutzende weiterer Serien sind in Entwicklung – ein milliardenschweres Bankkonto macht’s möglich.

Besonderen Mut bewies kürzlich Netflix, einer der erfolgreichsten Anbieter von Streaming-Angeboten in den USA. Für zahlende Abonnenten produzierte man die aufwändige, 13-teilige Serie “House of Cards” mit Kevin Spacey. Statt die Zuschauer über drei Monate lang von Woche zu Woche zu vertrösten, stellte Netflix gleich alle Folgen auf einen Schlag online. Hierzulande, wo Netflix nicht zu empfangen ist, schaffte “House of Cards” den Sprung ins “reguläre” Fernsehen zu Sky.

Deutschland hinkt noch hinterher

In Deutschland sind die Produktionsfirmen noch zu sehr vom Fernsehen abhängig, um auf breiter Front und mit ausreichend Budget für das Internet zu produzieren. Zumindest Endemol stellt sich allerdings schon darauf ein, dass sich die Kräfteverhältnisse verschieben könnten und betreibt mit Endemol beyond bereits verschiedene YouTube-Kanäle.

Auch wenn manche Auguren das Ende der traditionellen, linearen Fernsehformate eingeläutet sehen – so weit ist es noch lange nicht. Die Werbemilliarden fließen weiterhin größtenteils in die TV-Sender und auch auf YouTube ist ein sehr analoger Anbieter Klick-König: die “Sesamstraße” hat gerade als erster nicht profit-orientierter Kanal mehr als eine Milliarde Abrufe geschafft.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

Autor: Torsten Dewi

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Torsten Dewi ist Journalist, Drehbuchautor und Schriftsteller, um seine Rechnungen zu bezahlen. Blogger ist der "Wortvogel" aus Leidenschaft. Er steckt mehr Zeit in Diskussionen als in Gadgets und glaubt an die Macht des "loslassen".
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