Die neuen Meinungsmacher: Bots in sozialen Netzwerken

Bots bei der Arbeit: Twitter und andere Netzwerke werden zunehmend von immer klügeren Bots manipuliert.

Bots bei der Arbeit: Twitter und andere Netzwerke werden zunehmend von immer klügeren Bots manipuliert. (Bild: Screenshot)

Bots, autonom agierende Programme, sind verantwortlich für Spam, Datendiebstahl und das Lahmlegen von Webseiten. Nun werden sie auch im Mikrokosmos sozialer Netzwerke vom Ärgernis zur Bedrohung.

Es ist kein Geheimnis: Twitter hat ein massives Spam-Problem. Nahezu jeder Nutzer wird schon einmal Spam-Botschaften in seinem Stream gefunden haben. Häufig sind Spam-Bots an ihren computergenerierten Namen wie @Beatric69062417 und generischen Tweets im Stile von “You have to see this” zu erkennen.

Doch eine neue Generation von lernfähigen Bots gibt sich nicht so leicht zu erkennen. Lutz Finger, Gründer und Direktor des Data Mining Dienstleisters Fisheye Analytics, erklärt: “Bots, die nur ‘Viagra, Viagra’ schreien überleben auf Twitter nicht lange”. Bots der neuen Generation gehen subtiler vor und überlisten dadurch immer wieder Twitters Spam-Filter.

Wettrüsten zwischen sozialen Netzwerken und Bot-Netzwerken

Derzeit findet ein Wettrüsten zwischen sozialen Netzwerken und Bot-Entwicklern statt.  Wenn Twitter einen Spam-Account löscht, versucht das hinter dem Account stehende Bot-System zu erkennen, was zur Löschung geführt hat. Auf Basis dieses Wissens werden anschließend angepasste Strategien ausprobiert, die den Fehler zu vermeiden versuchen. Die Strategie, die Erfolg hat, wird weiter verfolgt – bis auch sie irgendwann nicht mehr funktioniert, schließlich sind auch die Plattformbetreiber nicht dumm und setzen auf lernfähige Abwehrsysteme. Das Resultat dieses Wettrüstens sind immer klügere Bots.

Bot-Netzwerke als politische Waffe

Mit jedem Tag imitieren Bots menschliches Verhalten geschickter und werden für automatische Abwehrmaßnahmen immer schwerer zu identifizieren – und damit wird aus einem bloßen Ärgernis eine ernstzunehmende Bedrohung.

Denn mit nervigen Tweets kann man noch leben, nicht zu akzeptieren ist aber, dass Bots immer gekonnter die wahrgenommene Realität in sozialen Netzwerken manipulieren. Bots, die als gekaufte Follower, den eigenen Account wichtiger erscheinen lassen sollen, sind dabei noch das kleinste Problem wie Lutz Finger erklärt: “Das Problem hat längst eine politische Dimension erreicht. Aktivisten und Regierungsorganisationen nutzen Bots, der nächsten Generation um das Meinungsbild im Netz in ihrem Interesse zu verfälschen.”

Obama als Bot-Dompteur?

In Amerika wird bereits offensiv mit politisch motivierten Bot-Netzwerken gearbeitet. Jüngstes Beispiel: Die Twitter-Kampagne für eine Reform des Schusswaffengesetzes. Kongressabgeordnete wurden überflutet von vermeintlichen Reform-Befürwortern, viele davon entpuppten sich jedoch als Bots, die immer wieder dieselbe Nachricht verschickten (Screenshot). Ob dahinter – wie von Republikanern vermutet – Obama’s Social Media Team steckt, bleibt freilich fraglich. Wie bei dem Skandälchen um die gekauften Follower der FDP, liegt auch hier die Vermutung nahe, dass solche plumpen Taktiken eher vom politischen Gegner eingesetzt werden.

Das Problem wird dadurch jedoch nicht kleiner. Egal von wem Bots strategisch eingesetzt werden: Sie verfälschen das Meinungsbild der digitalen Öffentlichkeit und werden in Zukunft nicht mehr so einfach zu entdecken sein wie @WendyCa5622. Die Plattformbetreiber werden von sich aus nicht von ihrer vergeblichen Strategie abweichen. Erst wenn der Vertrauensverlust zu einer Massen-Abwanderung der Nutzer führt, wird sich etwas ändern.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

Autor: Frederik Fischer

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Frederik Fischer arbeitet seit fünf Jahre lang als Technologiejournalist für Rundfunk, Print und Online-Medien (u.a. Elektrischer Reporter, Wired, ZEIT Online). Zusammen mit dem Journalisten Torsten Müller und dem Entwickler Arno Dirlam gründete er 2011 zunächst das internationale Journalistennetzwerk MundusMedia und 2012 das Startup Tame, einem Analyse-Dienst für Twitter. Frederik sieht sich selbst als Vertreter einer neuen Generation von Postjournalisten, die unternehmerisches Denken und Technologie mit dem Ethos, dem Gespür und dem Handwerk des anspruchsvollen, traditionellen Journalismus' verbinden.
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2 Kommentare

  • Olivera Wahl
    29.03.2013, 20:05 Uhr.

    Ich hoffe, es gibt eine bessere Lösung als die Massenabwanderung von Usern. Das Ende sozialer Netzwerke aufgrund von Bots erscheint mir nicht realistisch / wünschenswert. Wissen Sie, ob es Apps gibt, die analysieren, wie vielen Bots man folgt und diese anzeigen können?

    ich bin mir sicher, dass mein Account davon kaum betroffen sein kann, da ich mir Twitterer über Xing suche. D.h. ich nutze die Xing-Suche, um gleichgesinnte Menschen zu finden und sehe, wo diese arbeiten und welche Position sie haben. Danach schaue ich, wer davon bei sozialen Netzwerken ist und ob mich dessen Inhalte interessieren. Ohne es gewusst zu haben, nutze ich eine Methode, die vor Bots schützt. Das finde ich gut :0)

    • Frederik
      02.04.2013, 17:33 Uhr.

      Hallo Olivera,

      das Startup Status People verspricht mit ihrem “Fake Follower Scan” eine entsprechende Analyse deines Netzwerk. Wie aussagekräftig der eingesetzte Algorithmus ist kann ich dir aber leider nicht sagen.

      Hier der Links: http://fakers.statuspeople.com/

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