Wir sind die Roboter

Auch im berühmten "Mechanischen Türken" des Baron von Kempelen saß ein Mensch, der die Arbeit der Maschine erledigte (Bild: Wikimedia, public domain)

Auch im berühmten "Mechanischen Türken" des Baron von Kempelen saß ein Mensch, der die Arbeit der Maschine erledigte (Bild: Wikimedia, public domain)

Amazon beschäftigt nicht nur Leiharbeiter, sondern verkauft auch Arbeit in kleinsten Einheiten über das Internet – über die Plattform “Mechanical Turk”. Dort und auf anderen Portalen lassen Unternehmen für Cent-Beträge einfache Aufgaben abarbeiten.

Amazon Mechanical Turk stellt die Dienste von Menschen als Service zu Verfügung, ein Konzept, das man auch “Humans as a Service” nennt, oder neudeutsch: Crowdsourcing. Amazon fungiert dabei als Marktplatz, der die Arbeitsleistung von privaten, nicht-angestellten Personen weiterverkauft und dabei einen Teil der ausgezahlten Honorare einstreicht.

“Mechanical Turk verfolgt das Ziel, menschliche Intelligenz einfach, skalierbar und kosteneffektiv bereitzustellen”, heißt es beim Alles-Web-Shop. Mancher hat dabei die Bereitstellung menschlicher Energie im Film “Matrix” vor Augen.

Mikrojobs im Digitalprekariat

Der Weg ins digitale Prekariat ist auf den ersten Blick hindernisfrei: eine Anmeldung als “Worker” auf mturk.com reicht; wer schon Amazon-Kunde ist, kann seine vorhandenen Zugangsdaten verwenden. Aufgaben heißen HITs (Human Intelligence Tasks) und können auch sehr klein sein. Nach der Bestätigung der Anmeldung hat man zum Beispiel die Möglichkeit, den Text von Visitenkarten in Textfelder einzutragen – ein Mikrotask. 10 Minuten pro Karte, es gäbe 2 Cent dafür.

Das klingt verlockend, gerade Buchautoren arbeiten selten für mehr. Doch der Mechanische Türke nimmt nicht jeden: Die Anmeldung des Autors wurde nach zwei Tagen ohne Angabe von Gründen abgelehnt.

Clickworker

Macht nichts: Auch auf textbroker.de oder content.de kann man sich mit Mikrojobs was dazu verdienen, dort allerdings überwiegend im Bereich Text. Vielfältiger sind die Jobs auf dem 2005 gegründeten System Clickworker: Dort sind derzeit 310.000 Gelegenheitsarbeiter registriert, etwas über 100.000 davon kommen nach Firmenangaben aus Deutschland.

“Die meisten Jobs sind im Bereich Texterstellung, Web-Recherche und Kategorisierung zu finden.”, erklärt Unternehmenssprecherin Ines Maione. Bei Texten handelt es sich meist um zwischen 200 und 400 Wörter lange Beschreibungen von Produkten oder Angeboten. Bei der Recherche geht es häufig darum, bestehende Adressdaten zu verifizieren oder zu ergänzen.

Es gibt auch andere Aufgaben. Honda zum Beispiel ließ via Clickworker auf Tausenden von Fotos mit verschiedenen Verkehrssituationen die auf den Bildern gezeigte Fahrbahnen und Hindernisse markieren. Und für eine nicht genannte Suchmaschine ermittelten die Clickworker die Relevanz der Suchergebnisse.

Die echten 1-Euro-Jobs

Kann man davon leben? Nein. Das wissen auch die Crowdsourcer: “Wir preisen die Jobs nicht als Vollzeitverdienstmöglichkeit an”, sagt Ines Maione von Clickworker. “Auch, wenn es einige Jobs gibt, wie z. B. im Bereich Texterstellung, für die derzeit ein Honorar von 7,50 Euro für ein 300-Wörter-Text ausgeschrieben sind.”

Das klingt nicht völlig schlecht, doch 300 Wörter schreiben sich auch nicht von selbst, vor allem Schnellschreiber kommen hier auf ihre Kosten. Leistung bleibt eben Arbeit pro Zeit. Und gerechte Entlohnung ist stets auch eine Frage von Qualifikation und Nachfrage.

Beim 2009 gegründeten twago.de vermittelt man neben Textern auch Softwareentwickler. “Bei uns gibt es meist eine 1:1-Beziehung: Ein Kunde, ein Dienstleister”, sagt Twago-Sprecher Christoph Burbes: “Projekte bei uns haben einen durchschnittlichen Wert von rund $ 3.300.” 40.000 deutsche Freelancer sind dort registriert, 2012 waren vor allem Programmierer, Webdesigner, CMS-Manager und App-Entwickler begehrt.

Wertschätzung der Dienstleistung

Gewerkschaften sehen Crowdsourcing-Plattformen naturgemäß eher kritisch. “Ähnlich wie Auktionsplattformen wie etwa ‘My Hammer’ dienen etliche Ausschreibungen auf solchen Seiten offenkundig dazu, niedrigste Entgelte durchzusetzen”, so ver.di-Sprecher Christoph Schmitz: “De facto findet eine Verdrängung von Arbeitskräften in einem weiteren Bereich einfacherer Tätigkeiten statt. Die karge bis unzureichende Entlohnung spricht zudem für eine mangelnde Wertschätzung qualitativ guter Dienstleistungsarbeit.”

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

Autor: Andreas Winterer

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Andreas Winterer ist freier Journalist, Blogger und Buchautor aus München. Er interessiert sich für Themen wie Identität, Anonymität und Sicherheit und findet jede Art von Kommunikation ziemlich spannend.
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