Vine: Als die Bilder laufen lernten

 

Vine: Das zeigt das Leben in Form von sechs Sekunden kurzen Vidoeschnipseln (Foto: Screenshot Vine.co)

Vine: Zeigt das Leben in Form von sechs Sekunden kurzen Videoschnipseln (Foto: Screenshot Vine.co)

Kurze Texte und Schnappschüsse per Handykamera sind für Millionen Menschen der bevorzugte Weg, ihr Leben mit anderen über Facebook, Twitter und Co. zu teilen. Jeder kann es, jeder macht es – im Handumdrehen. Die Vine-App macht dieses “sehen, erleben und teilen” auch für Videos möglich.

Bewegte Bilder waren bei der Instant-Kommunikation bisher weitgehend außen vor, weil sie erheblich mehr Aufwand erfordern: Ein Clip muss gedreht, geschnitten, gespeichert und hochgeladen werden. Statt einfach zu texten oder zu knipsen muss der Nutzer überlegen: Wie lang ist der Film? Wie groß die Datei? Wie blechern ist der Ton, wie verrauscht das Bild? Selbst Versuche, kleine Videokameras auf Minimalfunktionen zu reduzieren und direkt an YouTube anzubinden, erfuhren keine breite Akzeptanz.

Der neue Video-Shootingstar?

Vine“ soll das jetzt ändern. Mitte Januar wurde die App, die die Herstellung eines Films so einfach macht wie das Fotografieren, mit großem Echo vorgestellt (vorerst nur für Apple-Geräte). Vine nimmt dem User die Probleme der Produktion von Videoclips ab: Die Größe der Videos ist festgelegt, die Länge auch (sechs Sekunden oder weniger), schneiden kann man die Clips überhaupt nicht. Auf Knopfdruck können die bewegten Schnappschüsse zu Facebook oder Twitter hochgeladen werden.

Schnell wurden kritische Stimmen laut: Was soll das? Sechs Sekunden, die nicht einmal editiert werden können? Wackelige Clips in Endlosschleife als neues Kommunikations-Tool, so eine Art animiertes GIF-Bild mit Rauschsound? Will das wer? Braucht das wer?

Nach knapp drei Wochen lässt sich festhalten: Das will wer. Das braucht wer. Und wie die Macher erhofft hatten, fördert gerade die eingebaute Beschränkung die Kreativität der User. Ein Medium findet seine Message. Was viele lediglich für eine animierte Postkarte hielten, wird auf breiter Front und mit teilweise erstaunlichen Ergebnissen genutzt.

Deutsche Kreative sind mit an Bord

So ist der deutsche Comic-Zeichner Johannes ”Beetlebum“ Kretzschmar gerade von der gescholtenen Simplizität begeistert: “Vine erlaubt es, intuitiv filmisch zu kommunizieren – ohne große Ahnung von Schnitt, Formaten und anderer Technik zu haben.” Dank Vine kann man ihm bei der Arbeit über die Schulter schauen.

Auch in Situationen, in denen normalerweise Fotokameras dominieren und in denen Videoaufnahmen nicht schnell und flexibel genug sind, hat sich Vine bewährt. So war es bei der New York Fashion Week kürzlich trendy, die ersten Eindrücke der neuen Kollektionen per Vine-Video in Sekundenschnelle zu twittern – hier laufen Kelly Osborne und die Schauspielerin Brenda Strong über den Laufsteg.

Letztes Wochenende dann der Härtetest: Schneesturm Nemo an der Ostküste der USA zeigte deutlich, wie zeit- und hautnah Vine aktuelle Krisensituationen einfangen kann: Plastischer als Bilder, eindringlicher als Texte. Das Online-Portal Huffington Post rief daraufhin bereits das “Vine-Zeitalter” aus. Mehr als 113.000 Vine-Links wurden am vergangenen Wochenende laut Simply Measured via Twitter verbreitet. “2.324 Tweets pro Stunde, nicht schlecht für eine App, die erst vor drei Wochen an den Start gegangen ist”, heißt es auf der Analytik-Webseite.

Und natürlich war auch die Porno-Branche von Anfang an mit dabei – nach vielen Videos mehr oder weniger erotischer Natur hat Twitter bekannt gegeben, entsprechend gemeldete Clips zeitnah zu löschen – aus Angst vor Apple, dessen iTunes-Store die App vertreibt und wo man auf jugendfreie Angebote besteht. Mittlerweile müssen die Nutzer vor dem Download der App bestätigen, dass sie älter als 17 Jahre sind.

Videos mit Masse, nicht immer mit Klasse

Zugegeben: Der Großteil der Videos ist weiterhin meist willkürliches Gefilme von sehr begrenztem (öffentlichen) Interesse. Jedoch hat sich Vine binnen kurzer Zeit als neues Sofort-Medium fast schon etabliert, ein perfektes “Guck mal hier!” der neuen Generation, die gerne mit Retro-Fotos von Instagram und Winkewinke-Videos in Dauerschleife kommuniziert.

Allerdings hat Vine-Besitzer Twitter kein großes Interesse daran, dass sich die bewegten Bilder problemlos anderswo einbinden lassen. Aber auch hierfür hat die Webcommunity schnell Abhilfe geschaffen: ein Service wie VineIt erlaubt, jedes Vine-Video auf Knopfdruck in eine URL zu stecken, die man dann entspannt auch in eigene Blogs einbinden kann.

Vine ist also unbestreitbar “angekommen”. Comiczeichner Johannes Kretzschmar wünscht sich künftig eine etwas flexiblere Videolänge und wenigstens rudimentäre Editfunktionen. Was den ganz großen Hype angeht, ist er allerdings skeptisch: “Ich denke, dass Bilder für die meisten wohl weiterhin ausreichen werden.”

Wer sich einen kurzen Überblick über aktuelle Vine-Videos schaffen will, ist bei JustVined.com oder vinepeek richtig.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich.)

Autor: Torsten Dewi

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Torsten Dewi ist Journalist, Drehbuchautor und Schriftsteller, um seine Rechnungen zu bezahlen. Blogger ist der "Wortvogel" aus Leidenschaft. Er steckt mehr Zeit in Diskussionen als in Gadgets und glaubt an die Macht des "loslassen".
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