Russland: Das lateinische Alphabet und die Korruption

Kämpft Moskaus Star-Blogger Alexy Nawalny gegegn Korruption - oder Windmühlen? (Foto: MItya Aleshkovskiy, Wikimedia, CC BY-SA 3.0)

Moskaus Star-Blogger Alexy Nawalny kämpft mit Internet-Projekten gegen die Korruption in Russland (Foto: MItya Aleshkovskiy, Wikimedia, CC BY-SA 3.0)

Er ist der derzeit angesagteste Blogger Moskaus. Und er kämpft im Internet gegen die Korruption in seinem Land. Alexey Nawalny hat mit seinem Projekt “RosPil” in den öffentlichen elektronischen Ausschreibungsdatenbanken interessante Fremdkörper entdeckt: Spuren des lateinischen Alphabets. Anscheinend sollen so die öffentlichen Einträge vor Suchmaschinen versteckt werden – denn eine lateinisch-kyrillische Mischung wird von ihnen nicht indexiert.

Wie in der Europäischen Union, so  ist es auch in Russland üblich, für öffentliche Ausschreibungen elektronische Ausschreibungsdatenbanken und Behördenportale zu verwenden. Diese garantieren, dass die Aufträge von militärischen Einrichtungen, Behörden oder Schulen  transparent und rechtsstaatlich vergeben werden.

Alexey Nawalny veranschaulicht den Vorgang. Soll etwa für einen Kindergarten im russischen Woronesh Milch bestellt werden, muss auf der Internetseite Goszakaz.ru die Anfrage mit Angaben zu Menge, Adresse und Lieferdatum russlandweit ausgeschrieben werden. Interessierte Lieferanten können sich dann an der Ausschreibung beteiligen – vorausgesetzt, sie finden die Angebote im Netz.

Doch die Mitarbeiter des Projekts von RosPil (“pila”, russisch: Säge) stoßen immer wieder auf seltsame Verunreinigungen kyrillischer Schreibarten durch fremde lateinische Buchstaben.

молоко ist nicht gleich молоко

RosPil zeigte auf, dass in einer Reihe von Offerten von Zakupki.gov.ru die ausgeschriebenen Produkte die lateinische Variante desselben kyrillischen Buchstabens enthielten. Statt молоко (Milch) mit einem kyrillischen “o” wurde also мoлoкo mit einem lateinischen “o” geschrieben.

Für das menschliche Auge gibt es da praktisch keinen sichtbaren Unterschied – für eine Suchmaschine allerdings schon: Das Angebot fällt durch die Maschen der Suchsysteme von Goszakaz, die auf eine lateinisch-kyrillische Misch-Schreibweise nicht eingestellt sind. Den Auftrag erhält schließlich jener Lieferant, der vor der Ausschreibung schon feststand. Und der munizipale Buchstabenverdreher erhält 20 Prozent Provision.

Korruption oder Schludrigkeit?

Vielleicht ist das nur ein alphabetischer Sturm im Wasserglas der Korruption. Doch Nawalny nennt gerade die Profiteure dieser Manipulationen, die “weichen, aber schlimmsten Diebe, die zwar keine Milliarden stehlen, aber trotzdem sukzessive kleinere Summen aus den Töpfen der öffentlichen Hand abzweigen”.

Allerdings bleibt Nawalnys Urteil nicht unwidersprochen. Für Ivan Begtin, Gründer des Projekts opengovdata.ru, ist etwa klar, dass es Moskaus Star-Blogger nur um eine Hetze gegen kleinere Beamte gehe, die aufgrund ihres niedrigen Bildungsstandes unfreiwillig Buchstaben vertauschen würden.

Ob Absicht oder Schludrigkeit – grundsätzlich scheint das Problem ein Mangel an Transparenz zu sein. Daher kam es zu einem Treffen zwischen Nawalny und Michael Abizow, Leiter des russischen Ministeriums für Open Government, das sich “der schwierigsten Herausforderung Russlands” annimmt, nämlich dem Kampf gegen “die Uneffektivität der Mechanismen in der Datenübertragung”.

Mit “Open Government” gegen den Korruptionsfilz

 

Das Thema “Daten-Transparenz” wird in Moskau großgeschrieben. Denn da die Korruptionsprobleme auf der Hand liegen, Lösungsansätze aber schwer zu finden sind, versucht die Regierung, mit dem “Open Government”-Projekt die Bürger mehr an politischen Entscheidungsprozessen teilhaben zu lassen.

Bereits 2009 hatte Dmitri Medwedew zugegeben, dass Ausschreibungschlupflöcher existierten, und Nawalny sieht, dass die “Staatsgewalt sogar den politischen Willen zeigt, das Problem zu lösen”.

Der 36-Jährige hofft daher, in Zukunft mit Hilfe der Regierung  gegen die ihr inhärenten korrupten Elemente durch eine offenere Datengesellschaft, sprich: mehr Bürgerbeteiligung, anzukämpfen.

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Autor: Marc Hauschild

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Marc Hauschild arbeitet als freiberuflicher Übersetzer (Russisch, Englisch, Deutsch), Journalist und Blogger in Hamburg.
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