Oscars: Notizen einer langen Nacht

 

Dafür muss das restliche Weltgeschehen auch mal warten können: Präsident Obama und sein Stab wollten die Oscars nicht verpassen. (Quelle: Screenshot)

Dafür muss das restliche Weltgeschehen auch mal warten können: Präsident Obama und sein Stab wollten die Oscars nicht verpassen. (Quelle: Screenshot)

An wen die begehrten Filmpreise gegangen sind, kann zum Frühstück jeder im Internet nachlesen oder im Radio hören. Wer allerdings die Nacht durch unter Zuhilfenahme von Cola und Chips mitgefiebert hat, kennt die wirklich wichtigen Details.

Kein guter Einstand für “Germanys Next Top Model” Lena Gercke als Oscar-Kommentatorin – über den Moderator Seth McFarlane stammelt sie hilflos: “Den kennt man ja auch aus Filmen wie… genau…”. Eben. McFarlane macht hauptsächlich Fernsehen und in seinem einzigen Kinohit “Ted” war er nicht selbst zu sehen, sondern lieh nur einem rüden Teddybären die Stimme.

Promi-Schauflaufen ohne Nährwert

Der Spießrutenlauf der Stars auf dem Roten Teppich: unerträglich. Gebuhle um die Nominierten, die pflichtbewusst drei Standardsätze in die Kameras der Sender sprechen, so austauschbar wie alljährlich wiederkehrend. Besonders, wenn man sich über das Internet mehrere Livestreams parallel anschaut, merkt man, wie mechanisch hier leere Floskeln ausgetauscht werden – ein Risiko wollen weder die Stichwortgeber noch die Stars eingehen.

Es lohnt sich jetzt schon, vor der glitzernden TV-Tristesse ins Internet zu fliehen. Dank des Twitter-Schlagworts #oscars kann man einen endlosen Strom an mehr oder weniger bissigen Kommentaren zum aktuellen Geschehen lesen, manchmal direkt aus dem Auditorium. Regisseur Kevin Smith lässt verlauten, dass er, wenn nicht bald Blut fließe, zu seiner liebsten Zombie-Serie umschalten werde. Mia Farrow twittert, dass man einigen Stars den Kokain-Missbrauch ansehe. Late Night-Moderator Conan O’Brien gibt Tipps, damit sich auch Zuschauer wie Hollywood-Stars ernähren können: “Sellerie, Eiswürfel und Schlaftabletten”. Eine Twitter-Nutzerin erinnert daran, was für eine Jury da über Legenden und Loser abstimmt: “Durschnittsalter der Jury 62, 94% Weiße und 77% Männer.”

Die ganz große Hollywood-Gala seit 1929

2.30 Uhr deutscher Zeit. Endlich weg vom Roten Teppich, rein ins Auditorium. Die Spannung steigt. Google hat ja bereits vorab versucht, anhand des Webtraffics der Nominierten eine Vorhersage für die Oscars zu stellen. Doch wenn der Oscar eine Sache nicht ist, dann dies: berechenbar.

Moderator Seth McFarlane betritt die Bühne, reißt nervös ein paar Witze, rettet sich dann in elegante Song & Dance-Nummern. War seine Berufung schon im Vorfeld kritisiert worden, fühlen sich die Hollywood-Heiligen nun bestätigt – Insider-Fachfrau Nikki Finke bezeichnet die Veranstaltung im Live-Blog schon nach 20 Minuten als schlechteste Oscar-Show aller Zeiten. Dabei sind noch gar keine Preise vergeben worden. Doch McFarlane fängt sich, wird souveräner, lockerer.

Die Stars sind 2013 in Scharen gekommen, auch die Politik zeigt sich präsent – nicht nur in Filmen wie “Zero Dark Thirty” und “Argo”. Dustin Hofmann dankt CNN-Moderator Piers Morgan explizit für seine Haltung pro Waffenkontrolle. Präsident Obama lässt ein Bild aus dem Weißen Haus twittern, das ihn und seine engste Mannschaft im First Cinema zeigt – wo man das Ereignis offensichtlich in 3D genießt. Und den Höhe- wie Schlusspunkt des Abends übernimmt die offiziell FLOTUS abgekürzte Präsidentengattin Michelle gleich selbst: sie verkündet den Gewinner der Kategorie “Bester Film”.

Alles in allem ist es ein Abend mit vielen Siegern, aber ohne den ganz großen Triumph: Fast alle wichtigen nominierten Filme bekommen irgendeine Statue, von “Lincoln” bis “Schiffbruch mit Tiger”, von “Les Miserables” bis “Argo”. Kein Streifen dominiert, kein Regisseur nimmt diesmal gleich eine Schubkarrenladung der Preise mit heim. Die heißen dieses Jahr übrigens ganz offiziell nicht mehr “Academy Awards”, sondern schlicht “Oscars”.

Unerwartetes nur auf den Nebenkriegsschauplätzen

Überraschungen sind lediglich die Auszeichnung für den Song “Skyfall”(erster Bond-Oscar seit “Feuerball” 1965!) und ein Patt in der Kategorie “Sound Mixing”. Das gab es zuletzt 1969 – zwischen Katherne Hepburn und Barbra Streisand, die 2013 auch wieder mit dabei ist.

Und Googles suchmaschinengestützte Vorhersage? Liegt in praktisch allen relevanten Kategorien richtig und verweist damit selbst altgediente Experten auf die Plätze.

Insgesamt: eine spannende Oscar-Nacht, die gerade deshalb überzeugt, weil sie nicht immer rund läuft. Ein Twitter-User bringt es auf den Punkt: “So sollte auch die nächste Papstwahl abgehalten werden”. Goldener Umschlag statt weißer Rauch!

Bye, Oscars. Nächstes Jahr wieder!

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

Autor: Torsten Dewi

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Torsten Dewi ist Journalist, Drehbuchautor und Schriftsteller, um seine Rechnungen zu bezahlen. Blogger ist der "Wortvogel" aus Leidenschaft. Er steckt mehr Zeit in Diskussionen als in Gadgets und glaubt an die Macht des "loslassen".
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2 Kommentare

  • Clemens
    25.02.2013, 12:05 Uhr.

    naja, so falsch lag Google ja gar nicht, in den 6 Hauptkategorien 4 richtig bei 2 falschen, nicht so übel, oder?

  • alltagbeiderbahn
    25.02.2013, 17:21 Uhr.

    Hm nur so nebenbei:
    Wenn ich über das Tablet mit Opera Mobile hier einsteige wird der weiße Texthintergrund nicht geladen. Durch das Hintergrundbild kann man den Text nicht lesen, was schde ist, da ich so immer an einen PC muss.

    Vielleicht kann man da was machen.

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