Die “Herrenbutiecke in Wuppertal” und andere unheilige Scherze

Manchmal möchte man auch ganz oben einfach alles nur noch hinwerfen.

Manchmal möchte man auch ganz oben einfach alles nur noch hinwerfen.

Das nennt man Timing: Pünktlich zum Rosenmontag erklärt Papst Benedikt XVI. seinen Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen. Das erstaunliche – wenn auch nicht einmalige - Ereignis hat eine Nachrichten- und Kommentarflut sondergleichen hervorgerufen. Das Thema hat seine ernsten Seiten, doch die werden am Rosenmontag naturgemäß ignoriert.

“Ach, der Gedanke stimmt schon bänglich / ein Papst hat immer lebenslänglich” reimte einst Hans Traxler in seiner hübschen Bildergeschichte “Die Reise nach Jerusalem”.

Ja, denkste: Papst Benedikt hat dem spöttischen Cartoonisten mal eben gezeigt, was eine Harke ist und Knall auf Fall seinen Rücktritt für den 28. Februar um pfeilgrad 20.00 Uhr angekündigt. Zwar erst rund 35 Jahre nach Erscheinen der gezeichneten Geschichten um Papst Paul VI., aber für eine Institution, die es gewohnt ist, in Jahrtausenden zu denken, sind ein paar Jahrzehnte ja praktisch sofort.

Ein Tag voller Papst-Gags

Während sich die Welt noch verwundert die Augen rieb und ihren Ohren nicht zu trauen wagte, wurde das Netz sofort aktiv. Dem Twitter-Anwender Herm schwante es bereits um 12.11 Uhr ahnungsvoll: “Es folgt nun: Ein Tag voller Papst-Gags”. Damit behielt er natürlich Recht – unter dem Hashtag #papst brach ein regelrechtes Twitter-Gewitter los –, kam mit seiner frühen Warnung allerdings trotzdem schon zu spät.

Bereits um 12.04 Uhr verkündete kscheib: “+++BREAKING+++ Wuppertal bekommt ab 1. März eine neue Herrenboutique”. Mit dieser Anspielung auf den bekannten Loriot-Sketch “Der Lottogewinner” – an dessen Ende ein völlig verwirrter Herr Lindemann ankündigt, “mit dem Papst eine Herrenbutiecke in Wuppertal” eröffnen zu wollen – blieb kscheib nicht allein, wobei Literaturwww mit “Wir sind Erwin Lindemann” einen fast schon genialen Bogen zur bekannten Schlagzeile einer noch bekannteren Boulevardzeitung schlug, gegen den die verschiedenen Varianten wie “Wir sind nicht mehr Papst” oder “Wir sind Rücktritt” doch deutlich abfallen.

“Und wer hat den ‘will mehr Zeit mit seiner Familie verbringen’-Witz gemacht?” fragte meta-witzelnd Dr. Dang um 14.11 Uhr. Na, wer wohl? Genau diesem Witz wollte sich das Online-Satiremagazin “Der Postillion” um 13.26 Uhr nicht versagen.

Auch das “Asking for a friend”-Meme wurde natürlich sofort benutzt: “Was heißt ‘Ich kündige’ auf Latein? Frage für einen Freund” frotzelte US-Journalist Ed Bott und bekam gleich diverse Vorschläge, von denen “Pontifexit” spontan überzeugt.

Fußballbezüge waren ebenfalls beliebt: “Ratzinger wechselt ablösefrei zu den Prostestanten. Neuer #Papst wird Felix Magath. Er erhält einen Zwei-Jahres-Vertrag” kommentierte Denis Krick, während Klaus Peukert einen Namen ins Spiel brachte, der immer fällt, wenn es um einen Nachfolger geht: “Auf Anfrage erklärte Lothar Matthäus, für eine Nachfolge grundsätzlich zur Verfügung zu stehen”.

Aktuelle Bezüge

Viele Twitter-Spötter verknüpften die bis gestern die Schlagzeilen beherrschende Plagiats-Affäre um Annette Schavan mit dem Papst-Rücktritt. Der rasch ins Netz gestellt Bilderwitz der Titanic (“Aus Bibel abgeschrieben! Ratzinger verliert Papst-Titel”) kursierte sofort bei Twitter, Alex Rühle twitterte bereits um 11.57 Uhr “EIL+++: Ratzinger soll bei der Abfassung seines Testaments bei Matthäus, Markus, Lukas und Johannes abgeschrieben haben #Papst EIL+++”, was Gerry Reinhardt um 12.13 Uhr noch als “Gerücht: Papst Benedikt XVI hat bei seiner Doktorarbeit von der Bibel abgeschrieben” meldete.

Detlef Borchers fragte irritiert, “wann der Papst Merkels ‘vollstes Vertrauen’ ausgesprochen bekommen” habe, Max-Jacob Ost mutmaßte “Vermutlich hatte Gott im gestern sein ‘vollstes Vertrauen’ ausgesprochen”. Auch dieser Witz kursiert in etlichen Variationen, woraus wir ganz nebenbei lernen, dass es gar nicht so einfach ist, in den Zeiten von Twitter & Co eine halbwegs originelle Anmerkung zu machen.

Schließlich mochte auch Gott selbst nicht zurückstehen: “Fuck it, I’m resigning too”. Was ihm immerhin über 6.000 Retweets einbrachte.

(Das ZDF ist nicht verantwortlich für den Inhalt externer Links)

Autor: Giesbert Damaschke

Autorenbild

Giesbert Damaschke studierte Germanistik und Philosophie in Bonn und arbeitet seit über 30 Jahren mit Computern. Er unterrichtet, schreibt und lebt in München. Im Netz ist er unter www.damaschke.de zu finden.
Alle Beiträge von Giesbert Damaschke anzeigen