Bekenntnisse eines Faschingsmuffels

An ein ruhig-entspanntes Abhängen ist dieser Tage nicht zu denken. (Foto: Andreas Winterer)

An ein ruhig-entspanntes Abhängen ist dieser Tage nicht zu denken. (Foto: Andreas Winterer)

Als wäre es nicht unwürdig genug, dass wir zu Silvester versuchen, uns gegenseitig in die Luft sprengen, müssen wir uns an einem stark verlängerten Wochenende im Jahr auch noch zu schlechten Scherzen betrinken. Und: Digitaler Rückzug ist auch kein Ausweg.

Schon der lateinische Ursprung des Wortes Karneval macht klar, dass der Spaß der sonnigen Wonnemonate Januar und Februar bald ein Ende findet: “Carne vale” bedeutet frei übersetzt so viel wie “Abschied vom Fleisch” und läutet ab Aschermittwoch die Fastenzeit bis Ostern ein.

Allerdings ist es keineswegs so, dass man sich traditionell das Hüftgold erneuert, um mit Anlauf durch die Fastenzeit zu rollen. Nur wäre uns früher während der Wochen des Fastens das Fleisch schlecht geworden – deswegen musste es auf einen Happs verzehrt und “abgefeiert” werden.

Heute haben wir “intelligente Kühlschränke”: Wer jetzt ein ganzes Lamm erwirbt, könnte bis Ostern davon zehren. Wir brauchen also keinen Fasching mehr. Niemand müsste über Konfetti fluchen oder in Apfel-, Bienen- und andere seltsame Kostüme steigen, die nicht selten irgendwo in Asien produziert werden, wo man sich gewiss fragt, ob wir im Westen noch alle Bonbons im Sack haben.

Wolle mer se reilasse? – Bloß nicht!

Solche Scheinevents, die nur existieren, weil das schunkelnde Kollektiv sich auf sie geeinigt hat, empfindet der Faschingsmuffel, der meist auch Advents-, Silvester- und Geburtstags-Muffel in einer Person ist, als persönliche Belästigung. Spätestens dann, wenn ihm am Donnerstag seine Lieblingskrawatte von irgendwelchen “lustigen” Weibern abgetrennt wurde, worüber man sich dann noch nicht mal beschweren darf, weil es ja, haha, so lustig ist.

Es im Büro mit Humor zu nehmen und heimlich auf Twitter darüber zu lästern gestaltet sich schwierig, kennt doch Wikipedia allein für die Weiberfastnacht fünf Alternativbezeichnungen zwischen “Wieverfastelovend” und “Schwerdonnerstag”. Also ganz egal, was man von Karnevalshits betäubt twittert: es könnte regional falsch sein, ergo Shitstürme nach sich ziehen. Umgekehrt weiß man kaum, ob man in sozialen Medien eher Tags wie Fasching oder Rosenmontag zu filtern hat, um das Schlimmste zu vermeiden.

Surreale Stadtbilder

Das Schönste an “Karnevalssitzungen” ist, dass man erfreulich lange nichts von ihnen und teilnehmenden Politikern mitkriegt. Doch irgendwann bricht sich der befohlene Frohsinn den Weg ins Freie und macht die Innenstädte zu Schauplätzen surrealer Szenen. In Büros sitzen Frösche, scheinbar normale Menschen tragen Pappnasen oder bunte Perücken und irgendwo kommt Superman mit einer Vorratspackung Klopapier aus dem, kicher, Supermarkt, Tadaa!

Wer die eigentlichen Feiern meidet, sieht die Wahrheit: Trostlose Gestalten, die frierend zur Party hasten oder von dort kommend trunken in die Gosse torkeln, wo sie gewiss von Büttenreden träumen.

Mediale Apokalypse

Ein Entkommen gibt es nicht. Selbst wer sich in die Sicherheit seiner drei Wände plus Mattscheibe zurückzieht, sieht sich sechs Tage am Stück an den Rand der närrischen Gesellschaft gedrängt. Auch beste Fernsehsender setzen auf die angeordnete gute Laune, und sogar die Privaten, zu deren Horrorfilmen man noch Heiligabends flüchten konnte, sprangen diesmal auf den Karnevalszug auf. Echte Fastnachtsmuffel meiden oft die simulierte Dauerparty und gucken Tatort. Doch auch dort winkte gestern nur die Erkenntnis, dass auch die Schweizer diesen Blödsinn mitmachen müssen.

Und all das: alljährlich. Dabei dürfte doch längst jedem klar sein, dass Mainz Mainz bleibt und der Dom in Köln. Muss man das einmal pro Jahr neu besingen, in der, gnihihi, “fünften Jahreszeit”?

Gottlob ist am Aschermittwoch alles vorbei

Wohl dem Nichtjecken, der sich Urlaub nimmt: Venedig, Nizza oder Rio sollen im Februar ja sehr schön sein …. Hat der Autor was vergessen? Einen bekannten Narrenruf wie Houlzschlaichel ferschi vielleicht? Die Kommentarmuffel unter den Lesern können sich ja weiter unten über schlechte Recherche und mangelhafte Qualität der Witzfabrikation beschweren. Nehmen Sie’s mit Humor – Narhalla Marsch!

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

Autor: Andreas Winterer

Autorenbild

Andreas Winterer ist freier Journalist, Blogger und Buchautor aus München. Er interessiert sich für Themen wie Identität, Anonymität und Sicherheit und findet jede Art von Kommunikation ziemlich spannend.
Alle Beiträge von Andreas Winterer anzeigen

10 Kommentare

  • susi bibelmaus
    11.02.2013, 09:01 Uhr.

    Hat schon mal jemand die Tatsache in Erwägung gezogen: je schlimmer und hoffnungsloser es steht umso deftiger die Parolen, oder, je höher das Wasser auf der Titanic umso lauter die Kapelle.

    susi

  • V. von Terni
    11.02.2013, 11:27 Uhr.

    Nachtrag: Auch der Valentinstag ist so eine überaus trostlose Veranstaltung, dank medialem Parfüm- und Pralinenwerbungs-Dauerbeschuss darf man ihn noch nicht einmal mehr aufrichtig „vergessen“. Man ist daher gezwungen, seine Angetraute oder Geliebte mit einem Bund Schnittblumen, die nur zu diesem Anlass irgendwo turbogezüchtet wurden, zu „überraschen“, um im Anschluss daran ein irgendwie gehobenes Lokal aufzusuchen.

    Gastwirte berichten vom Valentinstag als einem besonders gespenstischen Ereignis, weil zahlreiche Menschen, die sich nichts mehr zu sagen haben, an diesem Abend streng Paarweise ihre Restaurants aufsuchen und entweder betreten schweigen oder mit gedämpfter Stimme versuchen, die Restruinen ihrer untergegangenen Leidenschaft zu sanieren.

    Wohl dem Valentinstags-Muffel, der auch zu diesem Anlass zuhause bleibt.

  • Gille Delle
    11.02.2013, 13:12 Uhr.

    Verstehe dieses griesgrämige, schlecht gelaunte Gemaule über den Karneval nicht. Und zu kurz kommen hier wirklich die Wurzeln dieses wundervollen Fests. Goethe wusste irgendwie noch um das karnevaleske Gefühl für die Natur, das die Dinge in ihrer alten starren, verkrusteten Ordnung auf den Kopf stellt und den Narren König sein lässt. Helau! Zu Boden mit den Königen!

    • susi bibelmaus
      11.02.2013, 14:14 Uhr.

      Goethe selbst sagte er „sei zwar kein Widerchrist, kein Unchrist, aber doch ein dezidierter Nichtchrist.” Vor diesem Hintergrund sollte ein gesunder Mensch dann auch „Faust“ begreifen. In darin vorkommenden Dialogen kehrt Goethe sein Innerstes nach außen und raus kam ein teuflischer Akt. Für Christen ist Goethes Weltverständnis kein Maßstab der Orientierung. Kein Wunder also wenn beim Blick auf „vorbildwirkende Mitmenschen“ alles Relativiert wird um letztendlich alles Gleichgültig und eben gleich Gültig nebeneinander her stehen zu lassen.

      susi

      • Fisch
        11.02.2013, 18:20 Uhr.

        Ohne das Christentum gäbe es kein Fasching/Fastnacht/Karneval/Fanset/Fasent

  • Paul
    11.02.2013, 15:43 Uhr.

    Zum Glück, ist der Mist in unserer Gegend so gut wie gar nicht anzutreffen. Die Idioten sollen mal schön weiterhin in den “Hochburgen” bleiben.

  • Gille Delle
    11.02.2013, 17:29 Uhr.

    Ach Susi, wenn das Christentum Deiner Ansicht nach im Widerspruch zum Karneval steht, kann es nicht das Maß aller Dinge sein.

  • suplikator
    12.02.2013, 19:12 Uhr.

    Naja, heute ist es vielleicht nicht mehr wirklich nötig sich eine “fünfte Jahreszeit” zu basteln (Unterhaltung gibt es Tag ein, Tag aus in unseren Breiten doch eh genug…; also Teilzustimmung zu @V. von Terni); gut finde ich aber, dass – und da muss @Gille Delle zugestimmt werden und noch weiter gegangen werden – die Öffentlichkeit genutzt werden muss, um die “Könige/-innen” auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen; Wahlen (nur als ein Beispiel) bilden offenbar nicht immer alles ab (oder die jeweiligen Wähler befinden sich zu Fasnacht im “Kamelle”-Rausch und jubeln auch hier einfach zu…).
    Eigenständig drüber nachgedacht würde es für mich allerdings bedeuten, dass (Teil-Reaktion auf @susi bibelmaus, @Fisch) Infragestellung von Hierarchie nur dann passieren kann wenn es sie gibt (“Zweck” der Fasnacht); was und wie müsste dann – wenn die “Einzel-Socke” entscheidend wäre – eigentlich passieren, wenn der Wink mit dem Zaunpfahl nicht mehr erlaubt/ ziemlich sein soll?
    Als Freund des einigermaßen intelligten Kabaretts bin ich doch der Meinung, dass Nachdenken auch zu Ergebnissen führen darf; wer davon betroffen sein wird, hat ebenso viel zu verarbeiten wie die/ der “Unterstützte(n)” da auch Zustimmung Kritik und ein Aufruf zur Selbstprüfung ist.

  • suplikator
    12.02.2013, 19:21 Uhr.

    @Andreas Winterer:
    Sollte es statt “Narhalla Marsch!” nicht eigentlich ‘Narhalla marsch!’ am Ende Ihres Artikels heißen? Und: Tja, wenn mindestens drei Deutsche zusammenkommen dann… (*scherz* meinerseits…)
    Und wenn nicht: Zumindest mit meinem Geburtstag habe ich kein Problem, auch nicht daran erinnert zu werden.
    Was an Ihren Ausführungen zu Weihnachten ganz interessant ist: Wo laufen denn diese Horrorfilme, zu denen Sie flüchten?

    • Andreas Winterer
      14.02.2013, 14:37 Uhr.

      @suplikator Nein, es war hier weniger der Narhallamarsch gemeint als vielmehr die militärische Aufforderung: Narrhalla, setze dich in Bewegung! (Richtung Keller, zum Lachen.)

Kommentare geschlossen

Dieser Beitrag kann nicht länger kommentiert werden.