Augmented Reality: Kampf um Energie und Daten

Wo andere den Kölner Dom sehen, sieht der Ingress-Spieler Portale, die es zu hacken gilt. (Screenshot: Torsten Kleinz)

Wo andere den Kölner Dom sehen, sieht der Ingress-Spieler Portale, die es zu hacken gilt. (Screenshot: Torsten Kleinz)

Mit seinem neuen Spiel “Ingress” hat Google einen Nerv getroffen. Zwei Teams bekriegen sich bei dem Computerspiel in der ganz realen Welt. Nun ja – der fast realen Welt.

Köln, Melatenfriedhof. Zwischen langen Reihen von Grabmälern suche ich vorsichtig meinen Weg. 120 Meter, sagt mir mein Scanner im Ohr, 80 Meter, 50 … ich bin in Reichweite. Ich zücke mein mobiles Terminal und fange an, mich in das Portal zu hacken. Eine Frau mit Gießkanne guckt neugierig, geht aber schließlich an mir vorüber. Mist! Mein Hackversuch geht schief.

Doch ich habe noch eine Überraschung parat: Ich lege einen XMP Burster, eine Energiegranate, unter einen der acht Resonatoren und zünde ihn. Die Schockwelle des Portals erwischt mich, ich verliere 300 Energiepunkte. Ein zweiter Sabotageversuch kostet mich 600 Punkte. Ich muss aufgeben. Ich schwinge mich auf mein Fahrrad und ziehe wieder meiner Wege. Die Frau mit der Gießkanne sieht mir nach. Von der gewaltigen Energienentladung hat sie nichts mitbekommen. Denn die war nur virtuell.

Die Realität und ihre Erweiterung

Mit seinem Spiel Ingress hat Google einen Nerv getroffen – zumindest bei der Zielgruppe der technophilen Spieler sind seit dem Start im November Zugangscodes für das neue Google-Spiel hoch begehrt. Wie so oft hat der Konzern das Spiel nicht einfach für die Allgemeinheit frei gegeben. Mitspielen darf nur, wer einen Einladungscode eines anderen Spielers vorweisen kann. Trotzdem hat Google schon mehr als eine halbe Million Installationen registriert.

Das Spielfeld ist die ganz normale Welt. Doch mit Hilfe einer Software für Android-Telefone können die Mitspieler erkennen, was den anderen Mitmenschen verborgen bleibt. Was für den Normalmenschen wie ein Kirchturm aussieht, ist für die Ingress-Spieler ein Portal, das sie hacken können, um bestimmte Spielmaterialien zu erhalten.

Erleuchtung vs. Widerstand

Das Prinzip des Spiels ist an sich ganz einfach: Zwei unterschiedliche Gruppen – auf der einen Seite die “Erleuchteten”, auf der anderen Seite der “Widerstand” – kämpfen um die Macht. Es geht um die Weltherrschaft, worum auch sonst? Wer ein Portal erobert, kann es mit anderen Portalen verbinden und deckt so Teile seiner Heimatstadt mit einem virtuellen Feld ab.

Je größer das Feld, je mehr Menschen dort leben, um so mehr Punkte bekommt das Team. Zur Zeit führt das Widerstands-Team mit 16,8 Millionen “mind units” vor den Erleuchteten mit 3,3 Millionen Punkten. Doch das Spiel gewinnt erst richtig an Fahrt: In den letzten Tagen entstehen ständig neue Portale. Und die Spieler entwickeln ständig neue Strategien, die dem Spiel eine neue Dynamik geben.

Die Interaktion mit der anderen Realität ist zuweilen von Missverständnissen geprägt. So fiel nach Medienberichten in Ohio Polizisten das verdächtige Treiben eines Ingress-Spielers auf, der ein Portal nahe einer Polizeistation hacken wollte. Dass dieses Portal nur virtuell und seine Energiegranaten ebenso nur Fiktion waren, musste der Spieler dann in der Wache erklären.

Bezahlung mit Daten

Ingress kommt bisher ohne Werbung und die bei ähnlichen Spielen oft penetrant beworbenen In-Game-Käufen aus. Wer mitspielen will, benötigt im wesentlichen Zeit, ein Android-Smartphone und bei winterlichem Wetter ein paar gute Handschuhe.

Das Spiel entspricht der langfristigen Philosophie von Google: Es sammelt Unmengen von Daten, die in der digitalen Welt Gold wert sind. So liefert Ingress etwa Geodaten, die der Konzern in vielen anderen Produkten brauchen kann: Von der Stauvorhersage bis hin zur Vermarktung lokaler Werbung.

Ingress-Spieler verzeichnen genau, welches WLAN-Netz sich wo befindet und melden dies an die Google-Server zurück. In den nächsten Versionen sollen die Ingress-Spieler auch den Nahbereichsfunk NFC verwenden können, um Portale zu erobern. Kein Zufall: Auf genau dieser Technik baut Google grade sein Bezahlsystem Google Wallet auf. Wer Ingress spielt, wird da eher zugreifen als der Normalmensch.

Wenn die Daten erst einmal fließen, werden die Kalifornier schon profitieren.

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Autor: Torsten Kleinz

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Torsten Kleinz ist freier Journalist und Blogger aus Köln. Seine Kernfrage: Was macht das Netz mit uns und was machen wir mit dem Netz?
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