Amazon Coins: Virtuelle Währung oder Augenwischerei?

Nur Bares ist Wahres? Amazon versucht mit Coins eine digitale Währung für den Amazon Shop einzuführen (Bild: Flickr-Anwender stevendepolo; CC BY 2.0)

Nur Bares ist Wahres? Amazon versucht mit Coins eine digitale Währung für den Amazon Shop einzuführen (Bild: Flickr-Anwender stevendepolo; CC BY 2.0)

Es war eine Ankündigung, mit der niemand wirklich gerechnet hatte: Am Dienstag erklärte der nur vermutlich weltgrößte Versandhändler, im Mai eine eigene Währung einführen zu wollen. Der Name: Amazon Coins. Mit diesem digitalen Zahlungsmittel sollen sich laut Amazon Apps und Spiele kaufen lassen – von physischen Produkten wie Büchern oder Rasenmähern ist (noch?) nicht die Rede.

Geld aus Bits

Nun ist die Idee einer “virtuellen” Währung nicht neu. Schon in den 90ern Jahren wurde mit den “Beenz” versucht, eine reine Netzeinheit zu schaffen, die nicht nur analog zum echten Geld existiert, sondern auch als Bonus wie Flugmeilen vergeben und gegen Waren eingetauscht werden kann. Mehr als 100 Millionen Dollar wurden verbrannt, bevor das Projekt 2001 eingestellt wurde. Ähnlich ging es mit “Flooz”.

Microsoft hat schon länger eine eigene Währung – mit “Points” kann man seit Jahren in den hauseigenen Spiele-Netzwerken und Shops einkaufen. Der Zwang, die Points “en bloc” zu kaufen und die teilweise bizarren Umrechnungen (100 Points entsprechen circa 1,20 Euro) brachten Microsoft den Vorwurf ein, mit dem “Spielgeld” die tatsächlichen Kosten der Online-Transaktionen verschleiern zu wollen. Es gibt Anzeichen, dass das Unternehmen sich langsam von dem System verabschiedet und wieder zu harten Währungen zurück kehrt.

Auch Social Network-Riese Facebook hat sich an dem Thema die Finger verbrannt: seine “Credits” wurden 2012 nach kaum mehr als einem Jahr de facto wieder abgeschafft.

Und dann ist da Bitcoin, die von der Open Source Community gefeierte digitale Währung, die niemand genau zu verstehen scheint und hinter der keine Bank und keine Regierung steht. Beliebt sind Bitcoins u. a. bei Online-Spielbanken, im Wert von 200 Millionen Dollar sollen sie bereits im Umlauf sein. Einen schweren Schlag erlitt die angeblich unhackbare Währung 2012, als sie eben doch gehackt werden konnte – für 24.000 Bitcoins im Wert von aktuell 380.000 Euro mussten die Diebe keinen Safe knacken und keine Kreditkarte klauen.

Rätselraten um Amazon Coins

Nun also Amazon Coins. Noch rätselt die Branche, was genau sich dahinter verbirgt. Die Erwähnung von Apps und dem Einkauf aus Apps heraus lässt vermuten, dass Amazon nicht einfach eine Parallelwährung schaffen will, sondern ein Belohnungssystem, das Länder- und Programmgrenzen überwindet. So könnte ein Spieler Game A kaufen, in dem er so erfolgreich daddelt, dass die App ihn mit Coins belohnt, die er dann bei Amazon in Zubehör für Game Z investieren kann. Ziemlich clever: Um das zu ermöglichen, müssten Entwickler ihre Programme passgenau auf die Amazon-Währung zuschneiden, auf den Amazon App Store, eventuell sogar auf die Kindle-Tablets. Obwohl diese auf dem freien Android-Betriebssystem basieren, würden die Coins ein Ökosystem schaffen, das den User so stark an Amazon bindet, wie das sonst nur bei Apple der Fall ist.

Aber wer will das – außer Amazon?

Während Technik-affine Märkte wie Korea, Japan und Teile der USA gemeinhin experimentierfreudig genug sind, um virtuelle Währungen als tatsächlichen Wert zu akzeptieren, erwarten Amazon in Europa größere Hürden. So wie bei den “Beenz” muss sichergestellt werden, dass die Coins eben keine digitalen Münzen sind und Amazon daher keine Bank. Dafür besitzt das Unternehmen nämlich schlicht keine Lizenz. Vermarktet werden dürften die Coins demnach eher als Bonuspunkte, wie man sie heute schon von Payback und verschiedenen Kreditkarten kennt.

Echtes Geld?

Das größte Problem dürften aber europäische User sein, die ohnehin schon eine Einheitswährung besitzen und virtuellen Heilsversprechen traditionell nicht so leicht trauen. Sind Amazon Coins wirklich Geld? Sind sie “mehr” Geld als der Euro? Warum Amazon Coins kaufen, wenn Amazon weiterhin auch Euros nimmt? Was, wenn die digitale Währung scheitert? Will ich wirklich, dass mein Kaufmann auch mein Banker ist, dass er mir das Geld in die Hand drückt, mit dem ich dann wiederum bei ihm einkaufen soll?

So ist die Infrastruktur der Bitcoins sicher die eine große Aufgabe, die Amazon zu lösen hat – die andere ist ein überzeugendes Marketing, damit der Konzern nicht auf seinen virtuellen Geldsäcken sitzen bleibt.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

 

Autor: Torsten Dewi

Autorenbild

Torsten Dewi ist Journalist, Drehbuchautor und Schriftsteller, um seine Rechnungen zu bezahlen. Blogger ist der "Wortvogel" aus Leidenschaft. Er steckt mehr Zeit in Diskussionen als in Gadgets und glaubt an die Macht des "loslassen".
Alle Beiträge von Torsten Dewi anzeigen