Wiki vs. Wiki: Ein Wirtschaftskrimi

 

Mal nach Kanada? Wikivoyage oder Wikitravel bieten freie Reiseinformationen (Foto: Flickr-Nutzerin apparena, CC by/2.0)

Mal nach Kanada? Wikivoyage oder Wikitravel bieten freie Reiseinformationen (Foto: Flickr-Nutzerin apparena, CC by/2.0)

Auch um freie Inhalte im Internet kann es Streit geben, obwohl sie – vereinfacht gesagt – allen gehören. Nun bekämpfen sich zwei Reiseportale mit gemeinsamen Ursprung in der Wiki-Bewegung sogar vor Gericht.

Vor knapp zwei Wochen begrüßten die deutschen Medien ein neues Kind in der Wikimedia-Familie. Wikivoyage ist ein nicht-kommerzieller und freier Reiseführer, der wie das Schwesterprojekt Wikipedia auf Nutzerinhalten basiert. In der Pressemitteilung, auf die sich die meisten Medienberichte bezogen, wurde allerdings nicht erwähnt, dass das Projekt eine äußerst kontroverse Vorgeschichte hat.

Wikitravel und Wikivoyage

Wikivoyage ist die Abspaltung eines fast identischen, aber werbefinanzierten Portals: Wikitravel. Das 2003 gestartete Wikitravel wurde im Jahr 2005 von den Gründern für 1,7 Millionen Dollar an das Unternehmen Internet Brands verkauft. Deutschsprachige Nutzer gründeten daraufhin 2006 eine erste Abspaltung: den Wikivoyage e.V., eine italienische Sprachversion folgte zwei Jahre später. Die freie Lizenz von Wikitravel ermöglichte eine solche Abspaltung, auch Fork genannt. Beide Portale existierten ohne große Entwicklungsschritte nebeneinander. Wikitravel war aber weit erfolgreicher und umfasste zuletzt 21 Sprachversionen.

Wikitravel und Wikivoyage im Vergleich auf Alexa.com (Screenshot)

Wikitravel und Wikivoyage im Vergleich auf Alexa.com (Screenshot)

Im Jahr 2012 veränderten sich die Koordinaten jedoch grundlegend. Der deutsche Wikivoyage-Verein verhandelte mit der Wikimedia Foundation über ein gemeinsames Reise-Wiki, die Foundation stimmte nach einer Diskussion zu. Es sollte jedoch keine Neugründung werden, sondern ein zweiter Wikitravel-Fork, der die Inhalte aller Sprachversionen kopiert und die Wikitravel-Community möglichst gleich mitnimmt. Am 15. Januar 2013 stellte die Wikimedia Foundation das neue Wikivoyage mit neun Sprachversionen offiziell als Schwesterprojekt vor. Über die Umstände, die zu dem zweiten Wikitravel-Fork führten, wird heftig gestritten, vor allem vor Gericht. Die Vorwürfe, die kursieren, erinnern an einen Wirtschaftskrimi.

Hinter den heftigen Streitigkeiten verbirgt sich einer der Hauptkonflikte im Internet: Wie kompatibel ist die Welt des unternehmerischen Gewinnstrebens mit der Idee des Allgemeinguts im Internet. Wie passen partizipative Formate, Communities und freie Lizenzen mit Vermarktungsstrategien zusammen, von denen nur einer profitiert?

Klage und Gegenklage

Am 29. August 2012 verklagte Internet Brands ein hochrangiges Mitglied der Wikimedia-Community sowie einen Wikitravel-Administrator vor einem Gericht in Kalifornien. Die Vorwürfe von Internet Brands lauteten: Verstoß gegen Markenrecht, unfairer Wettbewerb und “zivilrechtliche Verschwörung”. James Heilman, Präsident des kanadischen Wikimedia-Chapters und Mitglied des Sister Projects Commitee habe im Februar 2012 auf Wikitravel die Community zum Wechsel zu Wikimedia aufgerufen. Und Ryan Holliday, ein langjähriger Administrator von Wikitravel, habe mit der gleichen Intention im August 2012 eine Mail an hunderte Mitglieder der Wikitravel-Community geschickt.

Obwohl die erste Klage nicht direkt an sie adressiert war, antwortete die Wikimedia Foundation eine Woche später mit einer Gegenklage vor dem selben Gericht. Das Ziel: Das Gericht soll klarmachen, dass Internet Brands keine exklusiven Rechte an den Wikitravel-Inhalten habe und ein neues Wikimedia-Reise-Projekt nicht länger behindern dürfe.

Die Klage von Internet Brands wurde nach dem momentanen Stand durch einen Teil-Rückzug des Klägers beendet. Der zweite Prozess steht jedoch noch bevor. Alice Wiegand von der Wikimedia Foundation meint dazu im Gespräch mit Hyperland: “Im Dezember lehnte das Gericht Internet Brands’ Antrag, unsere Klage fallen zu lassen, ab, und der Fall wird nun bis zu einem Prozess weitergeführt.” Internet Brands teilt auf Nachfrage mit, dass sie zurzeit keinen Kommentar abgegeben wollen. Vielleicht findet das Gericht eine Antwort auf die Frage, wie weit die freie Nutzung freier Inhalte wirklich reicht.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

Autor: Stefan Mey

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Stefan Mey, 32, kommt aus Halle (Saale) und lebt als freier Journalist in Berlin. Das ist nicht immer einfach, macht aber Spaß. Er interessiert sich besonders für Netz-Ökonomie und für die nicht-kommerziellen Player des Internet.
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