Tschechien: Junge Wähler organisieren Netzkampagne für Schwarzenberg

 

Trommeln für Karel als den neuen tschechischen Präsidenten. (Foto: Ladislav Duchon)

Trommeln für Karel Schwarzenberg als den neuen tschechischen Präsidenten. (Foto: Ladislav Duchon)

Zum ersten Mal überhaupt in der Geschichte Tschechiens entscheiden die Wähler direkt, wen sie als Präsidenten einsetzen wollen. Die Wahl ist entscheidend für die zukünftige politische Richtung des Landes: Soll es eher Richtung Westen, Multikulturalität und Bescheidenheit gehen, oder geht der Blick Richtung Osten, zurück in die Vergangenheit? Und zum ersten Mal in der Geschichte der tschechischen Wahlen spielen auch die sozialen Medien eine entscheidende Rolle.

Wenn es um die sozialen Medien geht, hat Karel Schwarzenberg klar die Nase vorn. Nicht nur sein Facebook-Profil hängt in Follower-Zahlen das seines Konkurrenten ab (200.000 zu 47.000), seine Fans sind aktiver und halten seine Seite lebendig.

Für manche Experten ist es verwunderlich, dass der älteste Kandidat die jüngste Wählerschaft im Internet anzieht. Für Schwarzenberg selbst, der nie einen Hehl daraus macht, dass er sich intensiv von seinem jungen Wahlkampfteam beraten lässt, kommt der Erfolg seiner Online-Kampagne allerdings weniger überraschend. “Die Stärke Schwarzenbergs hat sich gezeigt, als wir gleichzeitig von vielen Medien, berühmten Persönlichkeiten und Wählern unterstützt wurden. Allein in den vergangenen Monaten haben wir über zwei Millionen Menschen über Facebook erreicht”, erklärt Petr Duchacek, der die Schwarzenberg-Kampagne auf Facebook leitet.

Wähler werden selbst aktiv

Dabei stammt der Ursprung der Kampagne von den Wählern selbst, die Schwarzenberg als hippen, alternativen Kandidaten sehen und gerne mal auf T-Shirts zum Punk stilisieren. Seine Follower organisierten Events oder ließen zahlreiche Künstler und Stars vor die Kamera treten und in viralen Youtube-Clips Werbung für Schwarzenberg machen. Musiker organisierten Konzerte im ganzen Land, und auch die Kneipenbesitzer schlossen sich unter dem Slogan “Bars wählen Karel“ der Kampagne an. Um Aufmerksamkeit zu erregen, läuft Pavel Jankovsky mit seiner Initiative “Run for Karel“ für seinen Wunschkandidaten sogar durch das ganze Land von Ost nach West.

Die Wählerbeteiligung beim Gegenkandidaten Milos Zemans hingegen fällt dagegen mager aus. In den sozialen Medien gab es keinen durchschlagenden Erfolg, trotz ein paar Werbevideos, deren Qualität allerdings und Verbreitung meilenwert hinter denen Schwarzenbergs zurückliegt. Eine einfache Erklärung dafür ist, dass Zemans Wähler hauptsächlich offline zu finden sind. Dass Initiativen wie “Wir sind jung und wählen Milos” mit weniger als 2.000 Fans versanden, hat Symbolcharakter. Zum Ende seiner Kampagne versuchte Zeman noch, mit Übelreden und Beschuldigungen gegen seinen Kontrahenten online etwas Boden gut zu machen – ohne Erfolg.

Spiegelbild der Gesellschaft

Im Vorfeld der zweiten Runde verwandelte sich Facebook kurzzeitig in ein Schlachtfeld. Wähler beider Seiten stritten sich in endlosen Diskussionen und beschuldigten sich gegenseitig, ihrem Kandidaten blind zu folgen und zu aggressiv und ohne substanzielles Hintergrundwissen zu argumentieren. Tomas Kostelecky, Direktor des soziologischen Instituts der tschechischen Akademie der Wissenschaften, hält eine derart polarisierte Gesellschaft nicht für Besorgnis erregend: “Ich glaube, dass das alles ein wenig aufgebauscht wird. Schließlich lieben die Medien den Konflikt, da dieser Aufmerksamkeit generiert”, sagte er gegenüber dem Nachrichtenkanal CT24.

Der ganze Wirbel im Netz rund um die Wahl spiegelt die tschechische Gesellschaft gut wider. Die junge, gebildete Wählerschaft in den Städten tendiert zu Schwarzenberg, einem Kandidaten mit Schweizer Pass, aristokratischen Wurzeln und einer österreichischen Frau. Ältere Wähler vom Land fühlen sich von der sozialen und populistischen Rhetorik Zemans angesprochen, der einen cleveren und bodenständigen Eindruck macht.

Wie also geht die Wahl aus? Semantic Visions, das einzige Institut, welches den Ausgang der ersten Wahlrunde korrekt voraus gesagt hat, nimmt an, dass Schwarzenberg gewinnt – sofern die jungen Wähler sich kurz bei Facebook ausloggen und an die Urnen gehen. Egal, wie die Wahl ausgeht: Sie wird die erste sein, bei der 3,5 Millionen tschechische Facebook-Nutzer einen entscheidenden Teil der Wählerschaft ausmachen.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

Autorin: Veronika Pitrová

Übersetzung: Torsten Müller