Snapchat – Was geht mich mein Bild von gestern an?

Snapchat macht Schnappschüsse mit gekrakelten Notizen und verschickt diese mit einem Selbstvernichtungs-Countdown (Bild: Screenshot)

Snapchat macht Schnappschüsse mit gekrakelten Notizen und verschickt diese mit einem Selbstvernichtungs-Countdown (Bild: Screenshot)

Was einmal ins Internet gestellt wurde, bleibt dort auf immer und wenig? Falsch! Es bleibt dort maximal zehn Sekunden – zumindest bei Snapchat, dem boomenden Bilder-Chat.

Snapchat für iPhone und Android-Smartphones arbeitet wie eine simple Kamera-App, übrigens ohne die angesagten Effektfilter: Man fotografiert einfach, was man zeigen will – das Foto lässt sich grob bemalen und dann absenden. Weil es ein Chat-Programm ist, wählt man in seinem Adressbuch den Chatpartner, der das Foto sehen soll – und der kriegt es dann auch zu Gesicht. Das alles wäre kaum der Rede wert, wenn Snapchat nicht zwei Besonderheiten aufweisen würde: Es hat unglaublichen Erfolg, und es bringt eine neue Idee ins Spiel.

Eine Milliarde Pics gechattet

Seit dem Start im September 2011 ist Snapchat ungeheuer erfolgreich. Am 8. Juni 2012 verkündete das Unternehmens-Blog, man habe 110 Millionen Bilder über den Service transportiert; am 28. Oktober waren es bereits eine Milliarde. Nicht schlecht für ein “Unternehmen”, das eigentlich noch immer aus fünf jungen Leuten besteht, die teils noch als Studenten bei den Eltern wohnen. Die zwei Gründer verdienen zwar keinen müden Cent damit, wollen sich aber auch nicht kaufen lassen. Dabei ist die kostenlose App derzeit stabil unter den ersten zehn der iTunes-Charts, in Deutschland ist sie im Bereich Foto und Video fast so beliebt wie YouTube oder Instagram.

Die eigentliche Sensation ist aber eine Funktion, die bislang unerwähnt blieb: Anders als etwa Instagram speichert Snapchat die Fotos nicht, es löscht sie sofort wieder. Der Knipsende kann die Lebenszeit seiner Schnappschüsse von ein bis maximal zehn Sekunden selbst einstellen. Mehr Zeit bleibt dem Empfänger nicht, danach ist das Bild weg.

Zeigst Du mir deins, zeig ich dir meins

Schon sehr früh mussten die Gründer sich gegen den Vorwurf wehren, ihre Software wäre eine reine “Sexting App”. Gemeint ist, dass sich pubertierende Jugendliche damit vor allem Nacktbilder von sich selbst schicken. Vieles spricht dafür: Zwar sehen nur beteiligte Chat-Partner ihre Bilder, doch mangels Integration in ein soziales Netzwerk müssen sich Snapchatter in Chatrooms, auf Dating-Sites oder über Hashtags bei Twitter oder Tumblr mit neuen Kontakten versorgen. Dort wird denn auch schnell sichtbar, dass es oft nur ums visuelle Petting geht.

Früher oder später wird sich es sich zum Geschäftsmodell entwickeln, schmutzige Bilder zu leaken: Das propagierte Kurzzeitgedächtnis der App fordert die User ja geradezu heraus, sich noch hemmungsloser als bisher zur Schau zu stellen. Allerdings kann jeder Snapchatter empfangene Bilder per Screenshot aufnehmen und andernorts weiterverteilen – die Privacy Policy warnt ausdrücklich davor, lesen wird sie die Zielgruppe wohl eher nicht.

Das Ende der fehlenden Privatsphäre

Bei aller Bedenkenträgerei kann man die gedankliche Revolution hinter Snapchat schwer erfassen, gerade weil sie so banal ist: Snapchat implementiert eine Amnesie für Bilder. Die App erinnert uns auf diese Weise daran, dass die Datenkraken ihre sozialen Netzwerke auch anders gestalten und “vergesslich machen” könnten, wenn sie es wollten.

Digitalen Avantgardisten predigen ja seit Jahren das Ende der Privatsphäre und tun so, als gäbe es dazu keine Alternative, man müsse sich einfach daran gewöhnen. Doch das allenthalben geforderte “digitale Vergessen” entsteht längst, wie Dienste wie melting-link.com, TMWSD, der Text-Chat Burn Note oder jetzt eben auch Snapchat zeigen, auch wenn es in der Praxis ebenso wenig perfekt funktioniert wie das analoge Vergessen.

Facebook wurde vom Snapchat-Erfolg immerhin so sehr gepiekt, dass man kurz vor Weihnachten noch hastig “Poke” fürs iPhone herausbrachte, ein enttäuschend mutloser Snapchat-Klon, der zu Recht erfolglos blieb. Vielleicht ist auch die Privacy-Einstellung für die Vergesslichkeit unserer Timeline nur noch eine Frage der Zeit.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

Autor: Andreas Winterer

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Andreas Winterer ist freier Journalist, Blogger und Buchautor aus München. Er interessiert sich für Themen wie Identität, Anonymität und Sicherheit und findet jede Art von Kommunikation ziemlich spannend.
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