Parlamentswahl in Israel: Neue Protestpartei kommt aus dem Netz

 

Parteigründer Eldad Yaniv nutzt fast ausschließlich das Netz zur Wähleransprache. (Foto: Screenshot Facebook)

Parteigründer Eldad Yaniv nutzt fast ausschließlich das Netz zur Wähleransprache. (Foto: Screenshot Facebook)

Am Dienstag wählt die israelische Bevölkerung ein neues Parlament, und auf den letzten Metern scheint es, als sei die Zusammenstellung des Parlaments jetzt schon so gut wie klar. Doch eine junge Protestpartei aus dem Netz schickt sich an, den etablierten Kräften die Stimmung zumindest etwas zu verderben.

Nach den letzten Umfragen sind 11 der 33 zur Wahl stehenden Parteien so gut wie sicher ins Parlament eingezogen, auch wenn die Sitzverteilung noch lange nicht klar ist. Bei einer Partei, die im Wahlkampf bereits mächtig für Wirbel gesorgt hat, ist sich allerdings niemand so recht sicher, wie sie abschneiden wird: die Eretz Chadasha (zu deutsch “Neues Land”). Denn die Partei, die bei Umfragen regelmäßig unter ferner liefen geführt wurde, verkündet unter Berufung auf Web-basierte Analysetools, dass sie ausreichend Wählerstimmen eingesammelt habe, um in die Knesset einzuziehen.

Selbstverständlich ist es noch zu früh für ein Urteil, aber die junge Partei ist bereits jetzt ein (Web-)Phänomen sondergleichen, das nicht nur die etablierten Parteien, sondern auch die klassische Art, eine Kampagne zu führen, in Frage gestellt hat. Angeführt von Eldad Yaniv, einem ehemaligen Spin Doktor, hat Eretz Chadasha der Korruption sowie den Allianzen von Politikern und Wirtschaftsbossen den Kampf angesagt.

Ehemaliger Spin Doktor legt Youtube-Beichten ab

In den vergangenen drei Monaten hat die Partei, die sich selbst in Anlehnung an Twitter immer mit einem Hashtag hinter ihrem Namen schreibt, eine Reihe von provokativen Videos mit dem Namen “The Method” auf Youtube veröffentlicht. Das erste davon, “A Dollar is Thicker than Blood” (ein Dollar ist dicker als Blut), welches im Oktober hochgeladen wurde, hat mehr als 240.000 Views und wurde fast 4.000 mal auf Facebook geteilt. In einem der dann folgenden Videos ließ sich Yaniv von einem israelischen Starregisseur, der mittlerweile Nummer drei der Parteiliste ist, selbst in Szene setzen. Der Parteiführer erzählte darin von seiner Vergangenheit als Berater von Spitzenpolitikern, darunter auch Premierminister Benjamin Netanjahu.

Im Rahmen seiner “Beichten” erzählte er auch, wie sich Netanjahu angeblich für alle Fälle gerne mal etwas Geld in seine Socken stopfte oder der ehemalige Außenminister Avigdor Lieberman, als es darum ging, einen neuen obersten Rechtsberater der Regierung in einem Korruptionsprozess einzusetzen, seine Muskeln spielen ließ. Das Verfahren wegen Bestechung gegen ihn und den österreichischen Geschäftsmann Martin Schlaff wurde schließlich fallen gelassen.

Alternative Online

Die meisten Parteien setzen mittlerweile auf Online-Kampagnen, die von Fernseh-, Radio-, Zeitung- und Außenwerbung flankiert werden. Eretz Chadashas Kampagne lief jedoch fast ausschließlich über Facebook und erhielt bislang bei der dort versammelten Zielgruppe großen Zuspruch – die Aufmerksamkeit der klassischen Medien blieb aber weitgehend aus. Dem Online-Kampagnen-Manager der Partei zufolge wurde bewusst auf eine reine Netzkampagne gesetzt, um der Abhängigkeit der Massenmedien zu entgehen. Das Netz sei zudem preiswerter und erlaube es, eine aktive Community aufzubauen. Dazu passte dann auch die Ansage Yanivs gegen über der Nachrichtenseite Nana10, was denn nach einem Wahlerfolg passieren würde: “Das erste, was wir machen, nachdem uns der Eid abgenommen wurde, ist, ein Event auf Facebook zu starten und tausende Leute in den Knesset einzuladen.”

Protestpartei oder wirkliche Alternative?

Dennoch hat die Partie, deren Popularität nicht zuletzt auch durch die massiven sozialen Proteste der vergangenen eineinhalb Jahre hervorgerufen wurde, auch viel Skepsis erzeugt. Nicht wenige denken, dass ein als Manipulator verschriener Mensch wie Yaniv sich nie wirklich ändern könne, und seine Absichten daher zweifelhaft seien. Dazu kommt, dass er für seinen krassen Anschuldigungen bislang keine Beweise erbracht hat.

Eretz Chadasha ist nicht zuletzt eine interessante Option für Protestwähler, die ein Zeichen setzen wollen. Der israelische Blogger Aiston, der kürzlich von der Polizei wegen einer seiner Recherchen verhört wurde, hat eine ausführliche Betrachtung von Eretz Chadasha veröffentlicht, die den Namen “Die Enthaltungsstimmenpartei” (The Blank Vote Party) trägt. Bleibt daher abzuwarten, ob Yanivs Partei ein erfolgreicher Wegbereiter im Kampf gegen Korruption wird oder nur ein vorüber gehender Trend ist.

Autor: Ido Liven

Übersetzung: Torsten Müller

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