Online-Medien stellen Kassenhäuschen auf

Altes Kassenhäuschen in einem Berliner Freizeitpark (Foto: Julius Endert)

Altes Kassenhäuschen in einem Berliner Freizeitpark (Foto: Julius Endert)

2013 soll das Jahr der Bezahlinhalte werden, zumindest nach den Vorstellungen vieler Verlage. Same procedure as every year? Es ist nicht das erste Mal, dass das Ende der Gratiskultur im Netz ausgerufen wird.

Nachdem fast alle Zeitungsverlage kostenpflichtige E-Paper-Ausgaben anbieten, sollen die Leser nun für die Angebote im Web zahlen. Experimente mit Paywalls gab es bereits einige, viele scheiterten – mit leichten Veränderungen kommen sie nun zurück.

Seit Mitte Dezember ist etwa das Onlineangebot der “Welt” für Vielleser kostenpflichtig, im Sommer soll Springers “Bild” folgen, die Bundesligarechte im Schlepptau. Bei den Regionalzeitungen baut die Braunschweiger Zeitung der WAZ-Gruppe zum Jahreswechsel eine Bezahlschranke auf. Und schon letztes Jahr führte die Verlagsgruppe Madsack sie für viele ihrer Lokaltitel ein. In diesem Jahr sollen die “Lübecker Nachrichten” folgen.

Der Trend geht zum “metered model”

Auch die Schweizer “NZZ” hat seit Oktober ein kostenpflichtiges Web-Abo. Der Trend geht jetzt zur Paywall als Wanderdüne: Beim “metered model” kann derselbe Artikel einmal vor, ein anderes mal hinter der Bezahlwand stehen. Die Anzahl der gelesenen Artikel entscheidet, ob er frei zugänglich ist. Vorbild ist die “New York Times”, die das Modell schon 2011 einführte. Dort sind 20 Artikel kostenlos. Die meisten der neueren Paywalls orientieren sich daran.

Sie sind eine Art Kompromiss mit der vernetzten Öffentlichkeit: Besucher, die von sozialen Netzen und Suchmaschinen kommen, stehen nicht sofort vor verschlossenen Toren. Und wer nur ein wenig versiert ist, kann die zumeist aus Cookies und Javascript errichteten Gebührenschranken natürlich umgehen. In der Rechnung der Verlage bleibt das aber wohl ein Randphänomem. Ein bisschen Schwund ist immer.

Eine Paywall für viele?

Allerdings: Die großen überregionalen Zeitungen fehlen bislang in der Bezahl-Phalanx. Auch als die Verlage von” FAZ”, “Süddeutscher Zeitung”, “Zeit” und “Handelsblatt” am Dienstag die Gründung einer Vermarktungs-Interessengemeinschaft (“Quality Alliance”) bekannt gaben, blieben die Aussagen zu Bezahlinhalten im Ungefähren. Es sei “nicht ausgeschlossen”, dass man sich zu Paid-Content-Strategien austausche und “gegebenenfalls” gemeinsame Technologien entwickle, ließ das neue Quartett wissen.

Für Kooperationen bei Bezahlsystemen hatte Tobias Trevisan, Sprecher der “FAZ”-Geschäftsführung bereits im letzten Sommer geworben. Auch Springer-Chef Mathias Döpfner forderte Allianzen. Trevisan will auf Nachfrage von Hyperland im Zweifel aber auch einen Alleingang nicht ausschließen. Man scheint aber noch die Fühler nach konzertierten Aktionen auszustrecken, alles ist möglich. Dahinter steckt die Zwickmühle: Werbeerlöse mittels Reichweite und Verkauf mittels Web-Abo sind gegenläufige Modelle. Wenn aber die Leser am Kassenhäuschen zur Konkurrenz abbiegen, funktioniert beides nicht.

Die Leser freundlich bitten

Als agiler erweisen sich kleine Publikationsprojekte. Andrew Sullivan, Journalist und Star-Blogger, sammelte allein mit der Ankündigung, sein neues Blog ohne Verlage und Investoren zu starten, am ersten Tag mehr als 300.000 Dollar. Es soll zum Teil frei, für alle Texte aber kostenpflichtig sein. Womit er auch eine Grundannahme der Paywall-Debatte widerlegte: Es sei ein Kardinalfehler gewesen, Journalismus im Netz zu verschenken – so das Mantra landauf, landab. “Es wird im Netz sehr wohl bezahlt, aber in einem anderen Kontext”, konstatiert Dirk von Gehlen, Leiter für Social Media und Innovation bei der “Süddeutschen Zeitung”. Ein Modell nur für Stars? Das wird sich zeigen.

Das datenjournalistische Projekt “Rechtes Land“, des kleinen, kaum bekannten Berliner Vereins Apabiz, jedenfalls steht kurz vor dem Abschluss der Crowdfunding-Phase. Das Schicksal des Journalismus als Geschäftsmodell werde sich nicht daran entscheiden, was verschwindet oder was neu und aufregend scheint, stellte der Bericht über “postindustriellen Journalismus” des Tow Center for Digital Journalism vor kurzem fest. Sondern daran, “wie neue Institutionen alt und standfest werden und wie alte Institutionen neu und beweglich werden”. Es wird jedenfalls weiter bezahlt werden im Netz. Die Frage ist nur, ob an den Kassenhäuschen der Verlage.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

Autor: David Pachali

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David Pachali ist freier Journalist zu digitaler Öffentlichkeit, Netzpolitik und Urheberrecht und Redakteur bei iRights.info.
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Ein Kommentar

  • Linuxhelfer
    17.01.2013, 22:07 Uhr.

    Zu dieser Sache mit den Paywalls nur eine kleine Information: die kann man piekfein umgehen, wenn man andere Suchmaschinen bemüht und die Artikelüberschriften mal in den anderen Suchmaschinen eingibt. Dann findet man solche Artikel ratz fatz nämlich frei im Internet und ohne Bezahlschranke.

    Aber ein rigides Modell wird derzeit bei der Mainpost gefahren. Dort läuft es so: nach 7 Tagen verschwindet ein Artikel samt Kommentarfunktion hinter einer Paywall und nur derjenige, der bereits ein Abonnement oder gar ein online-Abonnement hat, darf noch über diese Schranke, alle anderen sind ausgeschlossen.

    Von daher fände ich dieses Modell des Crowdfundings besser, weil dann viele Bezahler vorhanden sind, aber die Artikel trotzdem frei lesbar bleiben und man darüber diskutieren kann, wie es dieser Artikel zeigt “Roter Oktober ist beKA kauft neuen Staatstrojaner”.

    Artikel hier frei:

    http://www.zeit.de/digital/datenschutz/2013-01/trojaner-bka-ueberwachung-datenschutz-grundrechte

    Gruß
    Linuxhelfer

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