Netz-Wahlkampf in Niedersachsen: Viel Pflicht und wenig Kür

 

"3 Tage wach": ein digitaler Versuch der niedersächischen Grünen (Bild: Screenshot dreitagewach.gruene-niedersachsen.de)

"3 Tage wach": ein digitaler Versuch der niedersächischen Grünen (Bild: Screenshot dreitagewach.gruene-niedersachsen.de)

Niedersachsen wählt. Bei der Einbeziehung des Internet in den Wahlkampf gilt Deutschland nicht unbedingt als Vorreiter. Das zweitgrößte Flächenland ist vielleicht ein gutes Beispiel, um jenseits urbaner Zentren wie Berlin die Frage zu beantworten: wie verankert ist das Netz mittlerweile in der Realität deutscher Politiker und Parteien? Dazu betrachtet Hyperland die Online-Präsenzen und Web-Strategien der sechs voraussichtlich erfolgreichsten Parteien in Niedersachsen.

Auf den zwei wichtigsten globalen Kommunikationsplattformen Facebook und Twitter sind die niedersächsischen Parteien angekommen. Die Landesverbände von CDU, SPD, FDP, Grüne, Linke und Piraten haben Facebook-Accounts, die regelmäßig mit Inhalten bespielt werden, das Gleiche gilt für den Kurznachrichtendienst Twitter.

Bei der Popularität gibt es keine klaren Muster. Auf Facebook führt Die Linke mit etwa 3.300 Fans, gefolgt von der SPD (2.900) und der CDU (2.400). Auf Twitter liegen die Piraten mit etwa 3.300 Followern vorne, wiederum gefolgt von der SPD (3.100) und der CDU (2.000). Alle sechs Parteien stellen auch über eigene Youtube-Kanäle regelmäßig Videos online. Weitere Plattformen werden vereinzelt genutzt. Die CDU und die SPD stellen auf Flickr Fotos und Werbeplakate ein, die Piratenpartei nutzt als einzige die Twitter-Konkurrenz Identi.ca.

Auch die Spitzenkandidaten der beiden größten Parteien SPD und CDU sind mit eigenen Profilen auf Facebook und Twitter vertreten. Hier zeigt sich eine regionale Analogie zum Kanzlerinnen-Bonus auf Bundesebene: auch in Niedersachsen genießt der, der die Macht hat, die größte Aufmerksamkeit. Etwa 16 Tausend Nutzer sind “Fan” des Ministerpräsidenten David McAllister auf Facebook, sein SPD-Konkurrent Stephan Weil kommt nur auf knapp die Hälfte an Anhängern.

Die Kür: Multimedialität und Partizipation über das Netz

Neben der Präsenz auf den größten Kommunikations-Plattformen, gehen die niedersächsischen Parteien auch andere Wege, um Wähler über das Netz zu gewinnen.

Video-Lifestream: Die Grünen und die niedersächsischen Julis haben einen Videostream angeboten, über den Nutzerfragen beantwortet wurden. Das grüne “3 Tage wach” war ein 72-stündiger Lifestream. Eine Webcam filmte eine Gruppe von Männern, die um einen Tisch herum saßen und online eingereichte Fragen beantworteten. Immer wieder stießen auch prominente Grünen-Politiker dazu. Die Jugendorganisation der niedersächsischen FDP organisierte etwas ähnliches: “24 h Freiheit leben!“, bei dem sich FDP-Politiker Chat-Fragen stellten.

Online-Voting: Die Grünen haben angeboten, dass man über einen Programmpunkt der beide Spitzenkandidaten der Partei abstimmt. Bei diesem “Stresstest” wurde der eine Kandidat in einen Kuhstall zum Ausmisten geschickt, und die Kandidatin in die Bahnhofsmission. Daraus wurde ein professionel produziertes, unterhaltsames Video geschnitten.

Mobile Wahlkampfhelfer: Die SPD hat zwei Apps für mobile Geräte entwickelt: die Niedersachsen-App sollte die Wahlkämpfer bei ihrer Arbeit unterstützen, und die Weil-App legt den animierten SPD-Spitzenkandidaten Stephan Weil als Augmented-Reality-Anwendung über statische SPD-Plakate. Auch die Piratenpartei hat zur Wahl eine Smartphone-App programmiert.

Ausblick

Im niedersächsischen Wahlkampf lassen sich neben der obligatorischen Teilnahme an Facebook, Twitter und Youtube auch innovative Experimente beobachten – und die gehen nicht alle nur von der Piratenpartei aus, wie sich vielleicht vermuten ließe. Die “Stresstest”-Videos der grünen Spitzenkandidaten auf der Video-Plattform Youtube wurden jedoch nur etwa 500 bzw. 700 Mal angeklickt, und die Android-Apps der SPD und der Piratenpartei maximal jeweils 500 Mal heruntergeladen. Bei den ambitionierten Versuchen, über das Netz Wähler zu gewinnen, kann von einer viralen Verbreitung somit noch keine Rede sein.

Nach der US-Präsidentschaftswahl im Jahr 2012 hatten sich die Generalsekretärin der SPD sowie der Bundesgeschäftsführer der CDU für den Netz-gestützten Wahlkampf von Barack Obama und Mitt Romney interessiert, um für den bald anstehenden bundesweiten Walhkampf zu lernen. Wenn der tatsächlich zeitgemäß und digital erfolgreich werden soll, ist noch einiges zu tun – doch bis zur Bundestagswahl im September sind auch noch einige Monate Zeit.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

Autor: Stefan Mey

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Stefan Mey, 32, kommt aus Halle (Saale) und lebt als freier Journalist in Berlin. Das ist nicht immer einfach, macht aber Spaß. Er interessiert sich besonders für Netz-Ökonomie und für die nicht-kommerziellen Player des Internet.
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