Italiens ignorierte Jugend

 

"Ich möchte bleiben" per Onlinekampagne werden Italiens Jugendliche aufgefordert, im Land zu bleiben. (Foto: Screenshot vogliorestare.it)

"Ich möchte bleiben": Per Onlinekampagne werden Italiens Jugendliche aufgefordert, im Land zu bleiben. (Foto: Screenshot vogliorestare.it)

Während der Wahlkampf in Italien anläuft, findet die italienische Jugend keinen Weg, sich eine Stimme zu verschaffen. Die Politik ignoriert sie – und auch das Netz hilft ihr nicht mehr weiter.

Häufig wurde schon von der verlorenen Jugend Italiens gesprochen. Heute ist es angemessener, von der ignorierten Jugend zu reden. Als noch amtierender Ministerpräsident versprach Mario Monti der Jugend, sich für sie einzusetzen. “Ihr müsst euch nicht allein gelassen fühlen, ihr seid unsere Priorität”, hatte Monti noch im Frühjahr 2012 gegenüber dem nationalen Verband der Jugend gesagt. Von Veränderungen fehlt derweil jede Spur.

Die Lage ist schlechter denn je. Kurz vor den Parlamentswahlen interessiert sich keine der etablierten Parteien ernsthaft für die Jugend, in den Wahlprogrammen werden die Jugendlichen ignoriert, Studenten im Ausland sollen erst gar nicht wählen dürfen.

Wer kann, verlässt das Land

37 Prozent der 15- bis 24-Jährigen sind in Italien derzeit arbeitslos, seit 1992 die höchste Jugendarbeitslosigkeit in dem Land. Zwei Millionen der Unter-24-Jährigen haben keine Ausbildung. Von denen, die zumindest einen Bachelor-Abschluss haben, sind bereits 28 Prozent ausgewandert. Begibt man sich im Netz auf Spurensuche nach dieser ignorierten Jugend, so wird schnell klar: Die italienische Jugend verharrt zwischen Resignation und krampfhafter Hoffnung. Einen einheitlichen Protest findet man nicht.

Es verwundert daher auch nicht, was eine Studie des Fernsehsenders MTV Italia jüngst zu Tage gebracht hat. 76 Prozent der jungen Italiener halten die politischen Repräsentanten für inkompetent. Gleichzeitig meinen 73 Prozent, dass Nicht-Wählen eine angemessene Form des Protestes sei. Alarmiert durch diese Umfrage hat MTV eine Aktion mit dem Namen “Io voto” (“ich wähle”) gestartet. Prominente Musiker sollen die Jugend zu den Wahlurnen locken – gemessen an den rund 250 Facebook-Sympathisanten eine eher aussichtslose Aktion.

Hoffnungen an Berlusconi haben die Jugendlichen längst abgeschrieben, wenn sie überhaupt jemals welche an ihn gehabt haben. Der im italienischen Fernsehen omnipräsente Cavaliere hat erst jüngst in einem Schlagabtausch mit seinen größten Kritiker, dem italienischen Journalisten Marco Travaglio gezeigt, worum es ihm geht: Um sich selbst. Neun Millionen Zuschauer hatten einen Schlagabtausch zwischen Berlusconi und Travaglio erwartet, am Ende der Sendung aber wurde man das Gefühl nicht los, dass Berlusconi mal wieder seine Show abziehen durfte.

Erasmusstudenten werden diskriminiert

Und mitten in dieser Situation versagt die Regierung italienischen Studenten, die ein Semester im Ausland verbringen, die Teilnahme an der Wahl. Vor wenigen Tagen entschied der Ministerrat, dass Erasmusstudenten von der Parlamentswahl ausgeschlossen sind. “In dieser kurzen Zeitspanne ist es uns nicht mehr möglich, eine praktikable und umsetzbare Lösung für dieses Problem zu finden”, sagte der Ministerrat als Begründung.

Wenn die etablierten Parteien den Jugendlichen kaum Beachtung schenken, dann beachten die Jugendlichen auch Aktionen wie jene des nationalen Verbandes der Jugend nicht. Aktuell stellt der Verband über Twitter sechs Fragen an die seiner Meinung nach wichtigsten Kandidaten, zu denen nicht Silvio Berlusconi gezählt wird. Mario Monti hat schon geantwortet, “Praktikumsplätze, Ausbildung und Mobilität”, daran mangele es am meisten, antwortete er auf Twitter.

Zum Glück hat kaum jemand die Antworten mitbekommen, denn dass dürfte der Generation Praktikum nicht unbedingt gefallen. Derweil finden sich italienische Studenten mit der Aktion “Voglio restare“, “ich möchte bleiben” zusammen. Sie möchten daran erinnern, dass die junge Generation ein Recht darauf hat, in Italien zu bleiben. Sie müsse nicht flüchten. Rund 2.000 Sympathisanten hat die Bewegung schon auf Facebook gesammelt. Immerhin.

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Autor: Giuseppe Paletta

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Giuseppe Paletta: Nach dem Journalistikstudium in Leipzig widmete sich Giuseppe Paletta in seiner redaktionellen Arbeit vor allem Themen aus dem World Wide Web: Von Big Data über Crowdfunding bis zu Rasterfahndungen im Netz. Seine Texte lassen sich bei ZEIT Online, taz, Spiegel Online oder im Hyperland-Blog nachlesen.
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