Böse Medien und wie wir damit umgehen

 

Das Rohrpostnetzwerk OCTO wurde auf der Transmediale vorgestellt. (Foto: Julius Endert CC BY 2.0)

Das Rohrpostnetzwerk OCTO wurde auf der transmediale vorgestellt. (Foto: Julius Endert CC BY 2.0)

Das Medien- und Kunstfestival transmediale in Berlin versucht, unserem
digitalen Mediensystem Deutung und Sinn hinzuzufügen. Das Schicksal
des Zwergplaneten Pluto diente den Veranstaltern dabei in diesem Jahr
als Metapher.

Als Pluto noch ein Planet war, war ein Leser ein Leser, ein Journalist ein Journalist und Papier das bevorzugte Trägermedium für Informationen. Es herrschte Ordnung im medialen Planetensystem. 2006 wurde Pluto dann auf den Status eines Zwergplaneten zurechtgestutzt. Vormals stolzer neunter Planet in unserem Sonnensystem, ist er seither nur noch einer unter vielen Himmelskörpern im Kuipergürtel.

Die traurige Geschichte des Pluto nutzt der Kunst- und Medienkongress transmediale in diesem Jahr als Metapher, um in Vorträgen und Installationen die Entwicklung der Medien zu diskutieren. Denn auch unser Medien-Universum ist durcheinander geraten. Alle Menschen sind nur noch User, die Tage des Papiers scheinen gezählt, vertraute Kategorien beginnen sich aufzulösen.

BWPWAP (Back when Pluto was a Planet) ist das “Träger-Meme” der Veranstaltung. Es handelt sich um ein aus dem Internet übernommenes Akronym, unter dem seit 2006 der Fall des Pluto im Netz verhandelt wird.

Moderne Rohrpost

Im Berliner Haus der Kulturen der Welt dient ein “modernes Rohrpostsystem” dabei zur Kommunikation unter allen Teilnehmern. Dicke gelbe Schläuche durchziehen den gesamten Veranstaltungsort und ein tiefes Summen lässt ahnen, dass gerade wieder eine Kapsel mit einer Botschaft unterwegs ist. Jeder Festivalbesucher kann über eine “OCTO-Station” des “PNEUMAtic circUS”-Systems per Rohrpost Botschaften verschicken. Allerdings muss er erst in der Zentrale anrufen, um dort seinen Transport anzumelden. Das Netzkunst-Projekt, kuratiert von Vittore Baronie, macht soziale Netzwerke greifbar und verstehbar und gleichzeitig die damit verbunden Probleme wie Kontrolle oder Kontrollverlust sichtbar.

“Durch ‘Deep Capsule Inspektion’ ist unser System absolut sicher”, sagt ein Mitglied der Künstlergruppe beim virtuellen Investorenpitch von den 600 Besuchern der Eröffnungsveranstaltung am Dienstagabend. Die Anspielung auf die Deep Packet Inspektion – also die von Staaten und Unternehmen geforderte Möglichkeit, in die durch das Netz flitzende Datenpakete hineinschauen zu können – ist offensichtlich. “OCTO bietet ein gewaltiges wirtschaftliche Potential, investieren sie jetzt!” fordern die Künstler die Zuhörer auf: “Das physikalische Netz wird siegen!” Das Logo der Firma: Eine Krake, die mit ihren langen Fangarmen alles unter Kontrolle hält.

Das Unsichtbare sichtbar machen

Dass Technologie ihr Wesen nicht offenbart, vermutete schon Martin Heidegger. Die hinter der allgegenwärtigen digitalen Technologie liegenden Mechanismen sichtbar zu machen, darum geht es bei vielen Vorträgen, Workshops und Installationen der Veranstaltung. ”Wir müssen uns Fragen zu den normativen, gesellschaftlichen und politischen Implikationen von Software und Computing stellen”, sagt David Michael Berry. Der britische Wissenschaftler beschäftigt sich mit der Frage, wie Programme und Computer auf Basis der von uns ständig und überall hinterlassenen Daten unser Verhalten beeinflussen, ohne dass wir es am Ende merken.

Böse Medien

Das Projekt “Evil Media” (böse Medien) beschäftigt sich genau mit diesen Fragen. In der Ausstellungshalle werden wie in einem Kuriositätenkabinett hunderte Technologien und Verfahren auf Texttafeln aufgelistet, die unsichtbar, aber wirkungsvoll unser Verhalten beeinflussen oder gar steuern.

"Evil Media" ein Liste der Bösen Medien auf der Transmediale. (Foto: Julius Endert CC BY 2.0)

"Evil Media" ein Liste der Bösen Medien auf der transmediale. (Foto: Julius Endert CC BY 2.0)

Egal ob HTML, Matrizen-Rechnung oder komplizierte Algorithmen: Immer sorgen technische Verfahren und Computercodes dafür, dass Informationen verarbeitet, interpretiert und dargestellt werden. Wir Menschen müssen dann mit dem Ergebnis leben. Das Problem sagt Berry: “Menschen nutzen keine Rohdaten. Die Daten, die der Mensch mit seinen Sinnen verarbeiten kann, sind immer eine Form der Interpretation.” Allein sich diese verborgenen Mechanismen klar zu machen, hilft beim Umgang mit digitalen Medien.

Der bekannte niederländische Facebook-Kritiker Gerd Lovink kümmert sich dann um die Alternativen und um die Frage, wie wir uns wieder ein Stück der Kontrolle entziehen etwas Freiheit zurückerobern können. Die Initiative “Unlike US” ergründet mögliche Alternativen zum krakenhaften Facebook.

Am Schluss der Eröffnungsveranstaltung und nachdem zwei bekannte Astronomen ihre Plädoyers gehalten hatten (darunter Michael E. Brown, der mit seinen Entdeckungen das Schicksal des Pluto besiegelte), konnten dann die Festivalbesucher selbst abstimmen, ob Pluto in seinem Zwergenstatus verharren soll. Er hat die Abstimmung knapp verloren.

(Das ZDF ist für den Inhalte externer Links nicht verantwortlich)

Autor: Julius Endert

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Julius Endert ist freier Journalist und Autor und koordiniert das Hyperlandblog im Auftrag von heute.de. Er ist Inhaber der Journalisten-Agentur Netz-Lloyd GmbH und aktiver Gesellschafter der European Web Video Academy.
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