Wikipedia verstehen: Der Blick der Wissenschaft auf die Online-Enzyklopädie

Das Phänomen Wikipedia beschäftigt zunehmend die Wissenschaft (Bild: Screenshot)

Das Phänomen Wikipedia beschäftigt zunehmend die Wissenschaft (Bild: Screenshot)

Wikipedia ist ein globales Projekt, das viele Fragen auftauchen lässt. Wer und was ist Wikipedia? Wer schreibt die Artikel? Spiegeln sie die gesellschaftlichen Mainstream-Positionen wider oder Meinungen spezieller Gruppen? Weltweit haben sich in diesem Jahr Forscher mit dem freien Online-Lexikon beschäftigt. Hyperland schaut sich einige der Studien und ihre Erkenntnisse an.

Wikipedia ist ein Phänomen. Etwas, das es eigentlich gar nicht geben dürfte. Millionen von Artikeln werden von freiwilligen Mitarbeitern in ihrer privaten Zeit erstellt, redigiert, begutachtet, diskutiert und für jedermann publiziert. Einfach so. Kein Wunder, dass Wikipedia immer stärker in den Fokus wissenschaftlicher Forschung rückt.

Was wird erforscht?

Die mehr als als 100 Studien zur Wikipedia, die der monatliche Wikimedia Research Newsletter in diesem Jahr vorgestellt hat, lassen sich in drei große Themengebiete ordnen. Die Wissenschaftler beschäftigten sich mit den Inhalten des Online-Lexikons, der Community der Mitarbeiter und der Frage, wie sich Wikipedia im Vergleich mit anderen Nachschlagewerken schlägt.

Eine Studie untersuchte die These der Demokratisierung von Inhalten auf Wikipedia. Der Karlsruher Soziologe René König analysierte dazu die Diskussionsseiten deutscher und englischer Einträge zu den Terroranschlägen am 11. September. Sein Ergebnis: Obwohl die Inhalte oft von Laien geschrieben werden, orientieren sie sich stark an etabliertem “Elite-Wissen”. Abweichende Meinungen, wie etwa alternative Erklärungen zum 11. September, werden marginalisiert oder komplett ausgeschlossen (“Between lay participation and elite knowledge representation“).

Zwei US-Forscher untersuchten, nach welchen Mechanismen Nutzer in der Community-Hierarchie aufsteigen. Ihre wenig überraschende Erkenntnis: Die zukünftigen “Leaders” bewegen sich zuerst an der Rändern der Hierarchie. Dort lernen sie die informellen Regeln der Community kennen und knüpfen lose Kontakte, die ihnen beim Aufstieg behilflich sind. Zu einem späteren Zeitpunkt sind vor allem engere Kontakte mit Nutzern in den höheren Etagen der Wikipedia-Hierachie von Vorteil (“Leading the Collective“).

Eine andere Studie fragte Studenten und Dozenten einer britischen Universität, inwiefern sie Wikipedia nutzen. Die Dozenten sollten zusätzlich angeben, ob sie ihren Studenten die Verwendung als Hilfsmittel empfehlen oder untersagen. Das Ergebnis ist paradox. Etwa drei Viertel der Studenten und der Dozenten verwenden Wikipedia. Doch obwohl die Dozenten selbst Wikipedia ausgiebig nutzen, verbietet mehr als die Hälfte von ihnen den Studenten ausdrücklich die Nutzung der freien Enzyklopädie (“Wikipedia and the Universitiy“).

Wikipedia als Lieblingsobjekt der Forscher

Der aus Deutschland stammende Tilman Bayer arbeitet für die Wikimedia Foundation, die globale Mutterorganisation. Zusammen mit Kollegen und ehrenamtlichen Mitgliedern der Community erstellt er den Research Newsletter. Das große Interesse von Forschern an Wikipedia erklärt er im Gespräch mit Hyperland so: “Wissenschaftler sehen die große kulturelle Bedeutung von Wikipedia. Sie wollen oft auch die Arbeit der freiwilligen Autoren an der Online-Enzyklopädie unterstützen und somit helfen, sie zu verbessern. Zudem ist Wikipedia besonders attraktiv für Forscher, da die Datenbank des Projekts frei zugänglich ist.”

Wissenstransfer und offene Fragen

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse fließen nicht automatisch in das Projekt ein, meint Piotr Konieczny, der wie Bayer Wikipedia-Studien analysiert. Manchmal passiert das aber doch: Die vielen wissenschaftlichen Untersuchungen des “Gender Gap” in der Community haben Wikimedia zum Beispiel dafür sensibilisiert, verstärkt auch Autorinnen zu gewinnen.

Ein Ungleichgewicht, quasi ein “Language Gap”, lässt sich auch bei den Studien zu Wikipedia beobachten – die Mehrheit beschäftigt sich mit der englischsprachigen Ausgabe. Bei der WikiSym 2012, der wichtigsten Konferenz für Wikipedia-Forscher, waren es mehr als 80 Prozent. Der Fokus sollte sich laut Bayer in Zukunft verstärkt auch auf kleinere Sprachversionen und die damit verbundenen Communities richten.

Es gibt also auch 2013 noch viel zu tun – und viel zu verstehen beim größten digitalen Projekt aller Zeiten.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

Autor: Stefan Mey

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Stefan Mey, 32, kommt aus Halle (Saale) und lebt als freier Journalist in Berlin. Das ist nicht immer einfach, macht aber Spaß. Er interessiert sich besonders für Netz-Ökonomie und für die nicht-kommerziellen Player des Internet.
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