Videoschnitt soll bald jeder können

Videoschnitt in der Browser-App mit WeVideo (Foto: Screenshot)

Videoschnitt in der Browser-App mit WeVideo (Foto: Screenshot)

Video entwickelt sich mehr und mehr zum beliebtesten Medium im Netz. Pro Minute wird allein auf Youtube mehr als eine Stunde Videomaterial hochgeladen. Allerdings kommen in den meisten Fällen dabei nicht mehr als zittrige Kurzclips zustande. Was bislang fehlte, war die Möglichkeit, das Material unkompliziert schneiden und bearbeiten zu können. Das soll sich jetzt ändern: Zwei unterschiedliche Ansätze zur Vereinfachung der Videoproduktion im Vergleich.

Zwar kann heute dank Handy-Kamera und Co. jeder jederzeit ein Video aufnehmen, doch Schritt zwei – aus dem gedrehten Rohmaterial einen richtigen Film zu produzieren – sparen sich viele, aus Mangel an Zeit, Möglichkeiten oder Kenntnissen. Videoschnitt ist zeitaufwändig, die erforderlichen Programme komplex und obendrein noch teuer, wenn es sich um professionelle Software handelt.

Anbieter wie WeVideo wollen dies nun durch eine Art “Halbautomatisierung” ändern und so die Komplexität der Filmproduktion reduzieren. “Videoschnitt für Jedermann”, heißt es auf der Seite. Mit wenigen Klicks können Nutzer hier kostenfrei ihr Material hochladen und schneiden, sowie mit Effekten, Musik, zusätzlichem Bildmaterial oder gesprochenem Text ergänzen. Der Clou: Man lädt sich kein Schnittprogramm auf den Rechner, sondern arbeitet gleich im Browser per Browser-App. Dazu wird das Material direkt in die Cloud geladen und bleibt auf dem Server des Anbieters geräte- und ortsunabhängig abrufbar. Zusätzlich bietet WeVideo Archivmaterial zur Ergänzung der eigenen Filme an. Voreingestellte Farbfilter und andere Tools sollen das Finetuning der Videos erleichtern.

Die Grenzen dieses Ansatzes werden jedoch schnell erkennbar, schaut man auf die Ergebnisse: Viele Videos sehen gleich aus. Webvideo-Experte und Hyperland-Autor Markus Hündgen sieht außerdem gerade im Versuch, die Bearbeitung auf zentrale Server im Netz auszulagern, ein Problem: “Das Hochladen von Video-Rohdaten dauert einfach zu lange. Kein Nutzer hat Lust, fünf Stunden zu warten bis ein paar Minuten HD-Material auf dem Server stehen.” Zudem ist auch das Angebot von WeVideo nur in der Basis-Version kostenfrei. Diese bietet einen limitierten technischen Umfang. Wer bei WeVideo eine bessere Qualtität möchte, muss sich für eines der Premium-Angebote entscheiden. Die (Kosten-)Vorteile zu einem guten Schnittprogramm sind so schnell dahin.

Wirklich von Vorteil ist das Cloud-Editing bei WeVideo nur, wenn mehrere Personen am selben Projekt arbeiten oder man an verschiedenen Orten immer wieder auf dieselben Daten zugreifen möchte.

Spiel mit der Form

Einen anderen Ansatz verfolgt daher das Berliner Startup Weavly. Wohl in dem Bewusstsein, dass die Video-Produktion ein anspruchsvoller Prozess ist, geht es hier in erster Linie darum, bereits im Netz vorhandenes Bild- und Ton-Material neu zu “mixen”. Durch eine Anbindung an YouTube, Loopcam und Soundcloud ist es ohne Ladezeiten möglich, mit wenigen Klicks eigene Mashups zu erstellen und sofort zu teilen. Der Browser wird hier ebenfalls zum Schnittprogramm. Der Trick, um mögliche Urheberrechtsprobleme zu umgehen: Rein technisch bleibt das Material an seinem ursprünglichen Ort. Der Nutzer stellt Schnipsel aus unterschiedlichen Quellen mit Weavly nur in Abschnitten neu zusammen. Seine Videotimeline ist also nichts anders als eine Aneinanderreihung von Zitaten, analog einer kommentierten Linksammlung bei Texten.

Es lassen sich bereits in Grundzügen neue Formatideen erkennen, die daraus entstehen können. In diesem Video beispielsweise wird eine Rede von US-Präsident Obama auf die Richtigkeit der Argumente hin überprüft. Auf jede Behauptung folgt ein Textblock mit Faktencheck.

Experiment auf dem Weg zur Norm?

Möglich geworden ist diese Anwendung erst in den letzten Monaten. “Die Geschwindigkeit, mit der Browser Anwendungen ausführen, die Verfügbarkeit von Quellportalen mit gutem Material und offenen Schnittstellen und nicht zuletzt die verfügbare Bandbreite waren ausschlaggebend,” fasst Weavly-Gründer Oliver Lukesch die Entwicklung zusammen.

Das Zusammentreffen aus nutzerfreundlichen Anwendungen und technischer Infrastruktur war bereits in der Vergangenheit dafür verantwortlich, dass neue mediale Ausdrucksformen Standard wurden. So hat Freeware wie WordPress das Bloggen erst zu einem Massenphänonem gemacht und Dienste wie Flickr und Instagram taten dasselbe für Fotos. Die Entwicklung im Bereich Video hat gerade erst begonnen.

(Das ZDF ist nicht für den Inhalt externer Links verantwortlich)

Autor: Frederik Fischer

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Frederik Fischer arbeitet seit fünf Jahre lang als Technologiejournalist für Rundfunk, Print und Online-Medien (u.a. Elektrischer Reporter, Wired, ZEIT Online). Zusammen mit dem Journalisten Torsten Müller und dem Entwickler Arno Dirlam gründete er 2011 zunächst das internationale Journalistennetzwerk MundusMedia und 2012 das Startup Tame, einem Analyse-Dienst für Twitter. Frederik sieht sich selbst als Vertreter einer neuen Generation von Postjournalisten, die unternehmerisches Denken und Technologie mit dem Ethos, dem Gespür und dem Handwerk des anspruchsvollen, traditionellen Journalismus' verbinden.
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