Synthesizer-Apps: Klangklassiker im Digital-Format

Was früher Unsummen gekostet hat, gibt es heute für ein paar Euro als App. Etwa den Synthesizer Fairlight CMI, der auch unter iOS knatternd von (virtueller) Diskette bootet. (Bild: Screenshot)

Was früher Unsummen gekostet hat, gibt es heute für ein paar Euro als App. Etwa den Synthesizer Fairlight CMI, der auch unter iOS knatternd von (virtueller) Diskette bootet. (Bild: Screenshot)

Konzerte von Kraftwerk oder Tangerine Dream sind ohne Synthesizer-Türme kaum denkbar, doch heute kriegt man die künstlichen Klangerzeuger für ein paar Euro als Apps. Tablets und Smartphones machen dabei uralte Vintage-Synths wieder verfügbar und glänzen zugleich mit innovativer Bedienung.

Beim aus den 60er Jahren stammenden analogen Sampler “Mellotron” wurde auf Tastendruck mechanisch ein Stück Tonband über einen Tonkopf bewegt und so der darauf aufgezeichnete Klang abgerufen. Ein enormer Aufwand, der auch etwas leiert, und doch hatte das Mellotron viele Fans. “Strawberry Fields Forever” der Beatles bezieht seine Magie auch aus den Mellotron-Flöten der erste Takte, auf David Bowies “Space Oddity” stellt es die Streicher, und auf frühen Alben von Tangerine Dream, etwa “Rubycon“, ist es schwer zu überhören.

Tablet-Nachbauten für wenige Euro

Naturgemäß ist das mechanische Original schwer zu kriegen, Nachbauten sind nicht ganz billig. Und doch kann man den Sound von damals auch heute erleben: Manetron für iPhone und Ellatron für iPad bringen Mellotron-Sounds für wenige Euro auf iOS-Geräte.

Kabelsalat auf dem Display: Korg baut einige seiner eigenen Klassiker virtuell nach, hier der MS-20 von 1978 (Bild: Screenshot)

Kabelsalat auf dem Display: Korg baut einige seiner eigenen Klassiker virtuell nach, hier der MS-20 von 1978 (Bild: Screenshot)

Auch die Synthesizer-Legende Fairlight CMI, einst ein Synthesizer zum Preis von einer Million Dollar, ist auf iOS als Nachbau zu haben. Mit 45 Euro ist die App nicht ganz billig, Interessierte sollten vorher die Version ohne Sequencer für neun Euro ausprobieren. Die teurere Vollversion bietet alle Funktionen des Originals, das liebevoll nachgeahmte Knattergeräusch beim Laden der virtuellen Boot-Diskette gibt’s auch in der limitierten Version.

Der iMS-20 für iOS emuliert das analoge Vorbild Korg MS-20 von 1978 bis hin zur Möglichkeit, mit virtuellen Kabelsteckern den Weg des Tonsignals durch die verschiedenen Modulationsstufen zu steuern. Bedenkt man, dass ein gebrauchter MS-20 über 1.500 Euro kostet, wirken die 14 Euro, die Korg für die App verlangt, nicht mehr übertrieben.

Retro-Charme auf Android: Diese App klingt wie das legendäre Plastik-Mini-Piano Casio VL-1. (Bild: Screenshot)

Retro-Charme auf Android: Diese App klingt wie das legendäre Plastik-Mini-Piano Casio VL-1. (Bild: Screenshot)

Auch billige Geräte werden als App nachgebaut: VL-Tone für Android ahmt das absolut nicht ernstzunehmende Kinder-Keyboard Casio VL-1 nach, dessen Sound Musikgeschichte geschrieben hat – unter anderem im Trio-Hit “Da Da Da”.

Die Immer-dabei-Studios

iPad-Apps wie der klanglich höchst beeindruckende Animoog, der granulare Grain Science und der Synthesizer-Vocoder-Grenzgänger iVoxel sorgen zu bezahlbaren Preisen für eine Klangfülle, für die man als Hardware viel Geld hinlegen müsste. Und seit kurzem erlaubt es die App Audiobus, die wachsende Zahl kompatibler Klangerzeuger-Apps mit kompatiblen Recorder-Apps zu verknüpfen und so ein komplettes Studio einzurichten.

Mini-Studio für Android: Mit Caustic 2 notiert man musikalische Ideen und bastelt kleine Dance-Tracks (Bild: Screenshot)

Derlei findet man auf Android noch nicht, wo Taschenrechnermusikanten sich aber unbedingt Caustic 2 ansehen sollten. Er verknüpft eine Handvoll Synthesizer mit einem soliden Sequenzer und kommt auf vorbildliche Weise mit dem knappen Platz der meist eher kleinen Android-Screens aus. Auch Pocket Band ist einen Blick wert.

Innovation statt Nostalgie

Etliche Apps experimentieren mit den Möglichkeiten großer Touchscreens. Nodebeat für iOS und Android erzeugt Klänge und Rhythmen aus einer scheinbar abstrakten Anordnung von Objekten. Matrix-Sequencer wie PatternMusic für iOS oder MusicGrid für Android verlangen den Hausmusikern kaum noch Kenntnisse ab, beglücken den Nutzer dennoch mit stets gut klingenden Ergebnissen. Besonders beeindruckend ist hier Propellerheads Figure: Die App reduziert die Nutzereingriffe auf ein Minimum, produziert aber dennoch ein erstaunlich breites Spektrum an moderner elektronischer Musik.

Vierspur-32-Step-Sequencer in Kreisform: Loopseque verfolgt ein ganz eigenes Bedienkonzept. (Bild: Screenshot)

Vierspur-32-Step-Sequencer in Kreisform: Loopseque verfolgt ein ganz eigenes Bedienkonzept. (Bild: Screenshot)

Neue Wege geht auch Loopseque für iOS: Es sperrt alle Musik in eine kreisförmige Anordnung und ermöglich es auf einfachste Weise, variationsreiche Tracks zu fertigen. Einsteiger kommen mit Fertigklängen schnell zum Ziel, fortgeschrittene Nutzer können das System erweitern und so den klanglichen Laufstall verlassen. Interessant an Loopseque ist auch, dass es ein eigenes Ökosystem aufbaut, über das Musiker eigene Klang-Presets verkaufen können.

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Autor: Andreas Winterer

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Andreas Winterer ist freier Journalist, Blogger und Buchautor aus München. Er interessiert sich für Themen wie Identität, Anonymität und Sicherheit und findet jede Art von Kommunikation ziemlich spannend.
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