Kaliningrad – russisches Silicon Valley zwischen Boom und Krise

Kaliningrad, zwischen Tradition und Moderne. (Foto: Julius Endert)

Kaliningrad, zwischen Tradition und Moderne. (Foto: Julius Endert)

Kaliningrads Politiker und Unternehmer haben ein Ziel vor Augen: Die russische Enklave soll das künftige IT-Mekka des Riesenreichs werden. Auf 400 Hektar Land soll eine neue IT-Siedlung entstehen, die Jobportale platzen aus allen Nähten: Rund 15.000 Programmierer, Web-Designer und System-Administratoren werden gesucht. Nur: 2016 könnte mit dem Boom Schluss sein, denn dann endet der Sonderstatus Kaliningrads.

Im “russischen Silicon Valley”, die Kaliningrad schon länger genannt wird,  sollen in den nächsten Jahren 3.000 neue Hightech-Firmen sowie 30.000 neue Jobs entstehen. Die IT-Fakultäten werden dann unter den 20 besten der Welt gerankt und Kaliningrad wird der IT-Magnet für Europa und Russland – das ist die Vision, die russische Nanochip-Hersteller, Professoren der Kant-Universität, ortsansässige Marketing-Institute und Vertreter der European Bank for Reconstruction and Development auf dem jüngsten Kaliningrader IT-Cluster-Summit äußerten.

Und tatsächlich: In der Ostsee-Enklave tut sich viel. So sind hier in den letzten Jahren gigantische Technoparks wie Gusev, Jantar, BFU und unzählige Start-Ups entstanden. Nebenbei beschäftigen sich IT-Assoziationen wie Kalita mit “arbeitsethischen Fragen und Kapitalisierungsplänen” in der Region. Und das Nordic Council of Ministers vernetzt Kaliningrader IT-Cluster mit Schwester-Clustern aus Skandinavien – die ökonomische Europäisierung läuft auf Hochtouren.

Ende der Zollfreiheit im Jahr 2016

Doch Kaliningrads IT-Boom wird von einem Datum überschattet. 2016 wird die Stadt ihren Status als  ”Sonderwirtschaftszone Russlands” einbüßen. In der “goldenen Übergangsperiode” siedelten sich etliche Firmen der IT-Branche in Kaliningrad an. Fast 80 Prozent der für den russischen Markt produzierten Elektronikgeräte werden in und um Kaliningrad hergestellt.

Flughafen Kaliningrad: Marode Infrastruktur und Luxus prallen aufeinander. (Foto: Julius Endert)

Flughafen Kaliningrad: Marode Infrastruktur und Luxus prallen aufeinander. (Foto: Julius Endert)

Der Ökonom Wladislaw Inosemzew ist sicher, dass Kaliningrads IT-Sektor nach 2016 nur überleben kann, wenn die Zollfreiheit aufrechterhalten wird und die Visa-Bestimmungen für Ausländer gelockert werden. In Kaliningrad müssten sich noch mehr europäische Firmen ansiedeln und für den europäischen, nicht für den russischen IT-Markt produzieren.

Denn auch die Planungen des Technologie-Clusters für Radioelektronik, Technopolis-Projekts, enden 2016. Dann ist das Wissenschafts- und Technik-Zentrum für Mikroelektronik fertig. Wie es danach weitergeht, steht in den Sternen.

 

Ostsee-Brise für sibirische “IT-Schniki”

Zugleich wird die “Bernsteinstadt” für sibirische “IT-Schniki” immer attraktiver. Viele IT-Spezialisten aus der Kältezone Russlands schätzen das milde Klima an der Ostsee und die Nähe zu Europa. Der Arbeitsmarkt in Tomsk oder Novosibirsk, in denen sich derzeit die besten russischen IT-Fakultäten befinden, ist mittlerweile so überlaufen, dass es in den letzten Jahren zu einem großen Zustrom von IT-Kräften aus Sibirien kam.

Der Tomsker Programmierer Dmitri Litwinow hilft Familien bei der Übersiedelung von Sibirien an die Ostsee. “Ich habe den Arbeitsmarkt in Sibirien und Kaliningrad studiert und an der Ostsee gibt es wirklich einen Hunger nach Arbeitskräften.”

Wie attraktiv Kaliningrad auch für IT-Spezialisten aus dem nicht-russischsprachigen Ausland ist, entscheidet aber die Gehaltsfrage. Scrollt man durch die Jobangebote, bleibt auffällig, dass entweder keine Angaben zum Gehalt gemacht werden, was in Russland untypisch ist, oder die genannten Beträge schwanken zwischen 700 und 2.000 Dollar.

Kaliningrad – “Koffer ohne Griff”

Obgleich für Wladimir Putin “der Vektor der wirtschaftlichen Entwicklung Russlands nach Osten gerichtet ist“, betonte er jüngst gegenüber dem Kaliningrader Gouverneur Nikolai Zukanow, den Status der “Sonderwirtschaftszone” vielleicht über 2016 hinaus zu verlängern.

An der Ostsee herrscht die Meinung vor, dass der Kreml Kaliningrad seit jeher mit einem “Koffer ohne Griff” vergleicht; schwer zu benutzen, aber zu schade, um sich davon zu trennen. Dennoch, trotz aller Unkenrufe ist Nikolai Zukanow guter Dinge, dass die Stadt nach 2016 nicht in eine Krise stürzen wird, sondern die Chancen ihres Enklaven-Charakters und ihrer Bindung an Europa nutzen kann.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

 

Autor: Marc Hauschild

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Marc Hauschild arbeitet als freiberuflicher Übersetzer (Russisch, Englisch, Deutsch), Journalist und Blogger in Hamburg.
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Ein Kommentar

  • Paul
    20.12.2012, 18:12 Uhr.

    Na kein Problem… vielleicht sollten wir auch hundert Milliarden dorthin verschieben. Dann kaufen wir nicht nur Griechenland, Portugal und Co., sondern auch was von den Russen.

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