Prognosen: Wie Spieltheorie die Zukunft errechnen kann

In 9 von 10 Fällen liegen spieltheoretische Prognosen richtig - den Sturz Gaddafis prosnostizierten die Experten allerdings trotzdem nicht. (Bild: People's Open Graphics, CC BY-NC 2.0)

In 9 von 10 Fällen liegen spieltheoretische Prognosen richtig - den Sturz Gaddafis prognostizierten die Experten allerdings trotzdem nicht. (Bild: People's Open Graphics, CC BY-NC 2.0)

Schon bevor das Jahr 2012 zu Ende geht, ist ein klarer Gewinner des Jahres auszumachen: Der Nerd, der die Zukunft kennt. Statistiker, Datenforscher und  Programmierer sagen immer häufiger Wahlergebnisse, Konsumentenentscheidungen und politische Umwälzungen korrekt voraus.

Als das ägyptische Volk 2011 Hosni Mubarak aus dem Land jagte und ihn nach dreißig Jahren Herrschaft entmachtete, kam das für viele als Überraschung. Nicht so für Bruce Bueno de Mesquita. Ein gutes halbes Jahr zuvor hatte er den Umsturz vor einer handvoll Banker vorausgesagt. Er erzählte, wie die Koalition, mit der sich Mubarak an der Macht hielt, bröckelt, spielte das Szenario weiter und sagte voraus, dass dies zum Sturz führen würde. Was für die Banker informierte Investitionen ermöglichte, war für De Mesquita nur ein weiterer Coup. Seit gut dreißig Jahren berechnet der preisgekrönte Politwissenschafter und Buchautor die Zukunft mit einer Spieltheorie-Software.

In neun von zehn Fällen richtig

De Mesquitas Software macht genauere Voraussagen als menschliche Analysten es können. Die CIA sagt, dass er mit seinen Voraussagen zu 90 Prozent richtig liegt. De Mesquita hatte seinen Algorithmus für ein jahrelanges Experiment mit Informationen des US-Geheimdienstes gefüttert. Ergebnis: Er lag doppelt so oft richtig wie die menschlichen Agenten mit ihrer Einschätzung.

Heute sagt die Software für Firmen und Regierungen den Verlauf von Verhandlungen voraus. De Mesquita Beraterfirma Mesquitas & Roundell ist damit auch nicht mehr allein. Ähnliche Algorithmen setzt beispielsweise die niederländische Firma Decide ein.

Wir sind alle nur Spieler

Die Software sagt das Verhalten einzelner Akteure einer Verhandlung oder eines Konfliktes voraus. Jeder Akteur ist ein Knoten, der mit Eigenschaften wie Einfluss, Wichtigkeit und anderen Bewertungen versehen wird. So errechnet die Software, welche Akteure man beeinflussen muss, um ein bestimmtes Ergebnis zu bekommen, welche Akteure den Verhandlungsverlauf blockieren und wie einzelne Akteure auf eine bestimmte Aktion reagieren werden.

Es sind Voraussagen, die auch Menschen berechnen könnten – sie brauchen bloß länger und sind weniger zuverlässig. “Ich kann mit viel mehr Akteuren umgehen, als Experten es im Kopf können”, so de Mesquita: “Ich muss keine Information unbeachtet lassen, nur weil ich sie mir nicht merken kann.”

Schnellere Computer erlauben komplexere Berechnungen. Was heute in Sekunden oder Minuten passiert, dauerte zu Beginn von De Mesquitas Karriere Tage oder Wochen. “Für einen Schnappschuss davon, was vierzig Akteure tun würden, brauchte ich damals noch fast eine Woche an Rechenzeit.”

Diese Fortschritte der Technologie machen die Software in immer mehr Verhandlungen zu einem der wichtigsten Player. Anwälte, Regierungen und Berater setzen sie ein. Angeblich soll ähnliche Software auch beim Vorhersagen von Terroristenverstecken, auch dem von Osama Bin Laden in Pakistan, eine immer größere Rolle spielen.

Der menschliche Faktor

Doch der Erfolg der Spieltheorie bei der Vorhersage geostrategischer Szenarien sollte nicht  zu einem blinden Vertrauen in die Berechenbarkeit der Zukunft führen. Wer wie De Mesquitas in neun von zehn Fällen richtig liegt, liegt beim zehnten Mal daneben: den Bürgerkrieg in Libyen hielt er etwa für sehr unwahrscheinlich.

Kritische Beobachter wie der US-Autor Christopher Steiner weisen darauf hin, dass ohne menschliche Einschätzungen einer Situation auch der ausgefeilteste Algorithmus chancenlos ist – irgendjemand muss schließlich einem Knotenpunkt im Algorithmus seine Eigenschaften zuweisen. “Man kann die Aufgabe nicht komplett automatisieren”, sagt Steiner. “Die Daten müssen ja zuerst gesammelt werden – und das müssen Menschen tun.”

Das ist ein Unterschied zu den Algorithmen, die voraussagen, welche Suchergebnisse wir am spannendsten finden, wie sie Google einsetzt, oder welche Menschen wir kennen könnten, wie wir sie von Facebook kennen. Diese Algorithmen werden von Klicks informiert, vollautomatisiert.

Bei den Spieltheorie-Algorithmen sind es dagegen Menschen, die die Daten sammeln und bewerten, mit denen die Algorithmen arbeiten. Wenn ein Experte die Lage falsch einschätzt oder die Bedeutung eines Akteurs im Gesamtgefüge falsch bewertet, dann hilft auch der stärkste Computer und der smarteste Algorithmus nicht.

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Autor: Michaël Jarjour

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Michaël Jarjour ist freier Journalist in Brooklyn, New York. Er berichtet über Technologie, Start-ups, Medien und darüber, wenn sie auf Politik treffen. Folgen Sie ihm auf Facebook und Twitter. michaeljarjour.com.
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Ein Kommentar

  • Erbloggtes
    27.11.2012, 13:42 Uhr.

    Mich würde interessieren, welche Eigenschaften dem Knoten DeMesquita-Software zugewiesen wurden. Diese Software wird zu einem der wichtigsten Player – eine wichtige Erkenntnis! Aber wie spielt die Software? Falsch? Fair?

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