Die Mediendatenbank der Bundesregierung: ein ungehobener Schatz

Für die Politik bedeutet Multimedia: es gibt viel neues zu lernen (Bild: Flickr-User Goodimages, Lizenz: CC by-nc-nd/2.0)

Für die Politik bedeutet Multimedia: es gibt viel neues zu lernen (Bild: Flickr-User Goodimages, Lizenz: CC by-nc-nd/2.0)

Versteht die Bundesregierung eigentlich, was sie macht, wenn sie Medien- und Internetpolitische Entscheidungen trifft? Die Netzgemeinde bezweifelt das gerne, zuletzt bei der Diskussion ums Leistungsschutzrecht. Auch Experten melden Bedenken an. Eine offizielle Mediendatenbank soll für Wissen und Fachkompetenz sorgen. Über die Zukunft des Projekts gibt es Streit zwischen der Regierung und der Opposition.

Nicht-Wissen statt Wissen?

In Jahr 2008 hatte der offizielle Medien- und Kommunikationsbericht der Bundesregierung beklagt, dass es zu wenig Wissen über die Medienbranche gibt. Das gelte vor allem in Bezug auf neue multimediale Verflechtungen. Als Reaktion darauf beschloss die große Koalition ein Jahr später die Errichtung einer Mediendatenbank. Sie sollte der Regierung fundierte Informationen über die Offline- und Online-Landschaft bereitstellen. Nach anfänglicher Verzögerung, die zu Protesten der Opposition führten, wurden die Dokumente auf der Website des Bundesbeauftragten für Kultur und Medien (BKM) veröffentlicht.

Multimedial statt monomedial

Zwei wissenschaftliche Institute waren beteiligt: das Dortmunder Formatt-Institut und das Hamburger Hans-Bredow-Institut. Jan-Hinrik Schmidt war einer der Autoren der Bredow-Studie. In einer repräsentativen Befragung ermittelte er, wie unterschiedliche Mediengattungen genutzt und kombiniert werden. In Bezug auf die Bedeutung des Internet sind die Ergebnisse ernüchternd. Fernsehen bleibt das mit Abstand wichtigste Medium, bei lokalen Informationen dominiert nach wie vor die Tageszeitung. Wie zu erwarten hat das Internet bei Unter-30-Jährigen eine größere Bedeutung, 90% nennen das Netz allgemein als wichtigstes Medium. Bei regionalen, Deutschland- und Welt-politischen Informationen spielen aber auch hier die klassische Medien noch eine große Rolle. Dazu der Wissenschaftler Schmidt gegenüber Hyperland: “Bei den jungen Leuten ist das Internet stärker verbreitet, aber auch bei denen ist bei bestimmten Informations-Szenarien das Fernsehen und die Tageszeitung wichtiger. Das hat uns schon etwas verwundert.”

Local Heroes

Der Zeitungsforscher Hort Röper vom Formatt-Institut hat in einer 600-seitigen Studie lokale Medien-Strukturen untersucht. Seine Erhebung zeigt: auf der Anbieterseite hat die große digitale Revolution noch nicht stattgefunden, die Strukturen sind größtenteils unverändert. Röper beklagt seit Jahren die fehlende Vielfalt im Lokalen, wo oft nur eine einzige Tageszeitung erscheint. Die dahinter stehenden Verlage sind zudem multimedial agierende “Local Heroes”: sie sind an Anzeigenblättern, Stadtzeitschriften sowie privaten Radio- und Fernseh-Sendern beteiligt, und auch die professionellen lokalen Internet-Angebote werden oft von ihnen betrieben. Wieso die Revolution noch nicht stattgefunden hat? Röper erläutert: “Es gibt natürlich Medienneugründungen, die mit der klassischen Medienindustrie nicht verknüpft sind, aber das sind noch wenige. Praktisch alle Anbieter, mit denen wir gesprochen haben, hatten große Probleme, ihre digitalen Aktivitäten über Werbung zu finanzieren. Wenn sich das verbessert, wird es auch weitere neue lokale Angebote im Netz geben.”

Noch lange nicht fertig

Nach Aussage aller Beteiligter stehen noch weitere Schritte an. Ein Antrag der Opposition hat im Oktober gefordert, dass für die Aufbereitung und Aktualisierung der Daten Geld eingeplant wird, insgesamt 120.000 Euro. Dazu erläutert Tabea Rößner, medienpolitische Sprecherin von Bündnis 90/ Die Grünen, gegenüber Hyperland: “Die Mediendatenbank ist absolut nicht fertig. Wir haben das Projekt unterstützt mit der Vorstellung. dass man eine benutzerfreundliche Webseite hat, auf der man beispielsweise sehen kann: ‘Aha, die Zeitung in meiner Stadt gehört diesem Verleger,  und dem gehört gleichzeitig noch das Anzeigenblatt, der Radiosender und diese drei Online-Portale.’ Und diese Angaben müssen regelmäßig aktualisiert werden.”

Der Antrag wurde im Haushaltsausschuss mit den Stimmen der Koalition abgelehnt. Laut der Pressestelle des BKM gebe es statt dessen Diskussionen mit den Bundesländern. Da die lokale und regionale Vielfaltssicherung eigentlich Ländersache sei, sollten die die Weiteführung des Projekts finanzieren. Bis das geklärt ist, bleibt die Mediendatenbank für das Bürger-Publikum ein ungehobener Schatz.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

Autor: Stefan Mey

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Stefan Mey, 32, kommt aus Halle (Saale) und lebt als freier Journalist in Berlin. Das ist nicht immer einfach, macht aber Spaß. Er interessiert sich besonders für Netz-Ökonomie und für die nicht-kommerziellen Player des Internet.
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2 Kommentare

  • Uwe Stephan
    18.11.2012, 13:10 Uhr.

    Es liegt auf der Hand, dass die Regierung keine Interesse daran hat, die Eigentumsverhältnisse und wirtschaftlichen Verflechtungen der privaten Medienindustrie, also vor allem der großen Verlage transparent zu machen. Eine aktuell gehaltene Mediendatenbank wird von den betroffenen Medienverlegern nicht gerne gesehen. Die intensive Lobbyarbeit der privaten Verleger wird wohl nachhaltig das Projekt der Mediendatenbank torpedieren. Die Macht der Lobby zeigt sich z. B. auch in der Praxis mit den Onlineangeboten der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Deren Onlineverbreitung wird durch den vor zwei Jahren modifizierten Rundfunkstaatvertrag massiv begrenzt, einzig motiviert vom wirtschaftlichen Interesse der privaten Medienanbieter. Seidem dürfen die Sender ihre selbst produzierten und von den Beitragszahlern finanzierten Sendungen nicht mehr dauerhaft online zum Abruf zur Verfügung stellen. Dies haben allein die Verleger mit Hilfe der Koalition gegen den Willen der Opposition durchgedrückt. Der gefundene Kompromis der zeitlich befristeten Verfügbarkeit von z.B. Nachrichtensendungen und Reportagen schadet massiv den Interessen der Mediennutzer und dies angeblich zur Förderung der privaten Angebote im Netz. Dieses Thema weist die Richtung, warum bei der Mediendatenbank ebenso wie bei den Mediatheken der Öffentlich-Rechtlichen die Interessen der Bevölkerung als Mediennutzer ignoriert werden. Es geht immer um Lobbyinteresssen, sprich Wirtschaftsinteressen weniger gegenüber dem Allegemeininteresse aller.

  • Linuxhelfer
    19.11.2012, 00:36 Uhr.

    @ Uwe Stephan,

    ganz genauso ist es. Und deswegen sibd etliche User<auch schon dabei, sich neben den Mediatheken der öffentlich-rechtlichen TV-Sender andere Wege wie etwa gerade über solche Apps wie etwa Tribler, anonyme Torrentprogramme wie zum Beispiel Anomos zu suchen oder sie nutzen Firefox-Addons wie etwa DownThemAll oder FlashGot oder Dropbox oder Wuala, um eben doch an ihre files heranzukommen.

    Oder aber es werden Hardware-Wege wie etwa per Festplatten-Videorecorder gesucht.

    Eine weitere Alternative, die es auch noch gibt, sind sogenannte Darknets (VPNs).

    Dann gibt es zum anonymen Surfen im Internet und zur Informationsbeschaffung auch noch das aktuelle Tor-Bundle (Tor-Browser + Vidalia (Anonymisierungstool).

    Die Herren Verleger sehen also, es wird allerhöchste Zeit für diese, umzudenken, und solche Auseinandersetzungen wie etwa die rund um die Tagesschau-App nicht vor Gericht auszutragen, sondern diese über eigene Zeitungs-Apps zu lösen. Die heutige Kundschaft wartet im Internet auf sie und die herkömmlichen Wege alleine funktionieren nicht mehr. Das Internet und die User lassen sich nicht mehr zensieren, auch wenn einige Politiker wie etwa gerade ein Herr Siegfried Kauder dass gerne hätten.

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