Der Gaza-Konflikt eskaliert auch im Netz

Wortgefecht auf Twitter. (Bild: Monatage; Quelle: Screenshots)

Wortgefecht auf Twitter. (Bild: Monatage; Quelle: Screenshots)

Seit die israelische Armee ihren Angriff auf Gaza via Twitter verkündete, rotiert die Propagandamaschine unaufhörlich auf beiden Seiten. Die Accounts @idfspokesperson und @alqassambrigade bombardieren sich gegenseitig mit Propaganda-Tweets und ihren jeweiligen Versionen der Wahrheit.

Mehr und mehr wird das Netz zu einem weiteren Schlachtfeld, auf dem beide Parteien aufeinander losgehen. Besonders heftig: Der Schlagabtausch zwischen “IDF’ Spokesman” und “Hamas’ Al Qassam Brigades” auf Twitter.

Sowohl die Hamas als auch die israelische Armee führen im Netz eine Art öffentliches Kriegstagebuch, indem sie quasi in Echtzeit über eigene Aktionen, Opfer und Verletzte berichten. Aber auch andere Nutzer aus beiden Lagern (Israel, Hamas) stellen beispielsweise (zum Teil unverpixelte) Fotos von Kindern mit schweren Verletzungen in Netz.

Auseinandersetzung wird ins Netz getragen

Die kriegerische Auseinandersetzung wird von den verfeindeten Parteien bewusst ins Netz getragen und entwickelt sich damit zu einer brutalen Medienschlacht unter der Teilnahmen von Millionen Menschen in aller Welt.

Die Reaktionen im Netz auf diese Art der “modernen” Kriegsberichterstattung fallen unterschiedlich aus – unter dem Eindruck der Ereignisse reagieren die Nutzer ähnlich aggressiv wie die Konfliktparteien.

Auf den IDF-Tweet: “So sieht die Hamas Israel”

Propaganda im Netz. (Quelle: Screenshot)

Propaganda im Netz. (Quelle: Screenshot)

gab es promt eine wütende Reaktion: “Wisst ihr, was die israelische Kriegspropaganda zeigt? Israel ist das Problem, nicht diese Art der PR.” “Und nur Israel schafft es, ein Massaker zu verkaufen wie einen Film. Sie machen aus Kriegsverbrechen eine Kunstform,” schreibt Joseph auf Twitter.

Nutzer auf Seiten Israels reagieren entsprechend und schildern ihre Sichtweise und bezichtigen die Hamas der Kriegsverbrechen. Allen voran Benjamin Netanjahu. Der israelische Ministerpräsident schreibt auf Twitter: “Die Terroristen in Gaza verüben ein doppeltes Kriegsverbrechen. Sie feuern auf israelische Zivilisten und verstecken sich hinter der eigenen Bevölkerung.”

Kaum neutrale Stimmen

Die Timelines der betroffenen Menschen füllen sich mit Augenzeugenberichten und Fotos. Und wer Angst um sein Leben oder das seiner Angehörigen hat, der reflektiert auch im Netz nicht über die politisch verfahrene Situation, sondern macht seiner Wut oder seiner Angst Luft.

Neutrale oder mäßigende Stimmen gibt es daher nur wenige im Netz. Viele Nutzer klagen den jeweiligen Gegner an und tragen so dazu bei, dass der Konflikt auch online weiter angeheizt wird.

Einzig internationale Journalisten wie Harry Fear versuchen unterdessen eine neutrale Position einzunehmen. Der britische Journalist und Dokumentarfilmer bietet einen Livestream via YoutubeRichard Engel, Auslandskorrespondent des Senders NBC, versucht sich auf Twitter an einer Einordnung der Ereignisse. Und verzweifelt: “Auf Twitter und Social Media tobt der Mob. Manchmal radikaler noch als die Menschen in den Straßen. Es ist eben einfacher online zu schreien als in einem Krieg zu leben.”

Palästinenser brauchen das Netz

Die Palästinenser aber sehen das Netz derzeit als eine der wenigen Möglichkeiten, sich überhaupt noch Gehör zu verschaffen. Und es wächst die Angst, was passiert, wenn Israel Ernst macht und Gaza vom Netz nimmt. In dem Fall, befürchten viele Palästinenser, würde es nur noch eine Schilderung der Wahrheit geben – die israelische.

Zumindest Anonymous dürfte sich dann, wie gewohnt, auch weiterhin zu Wort melden. Auch gestern haben sie erneut eine Pressemeldung veröffentlicht, in der sie Angriffe auf israelische Webseiten ankündigten und Palästinenser darüber informierten, wie sie Internetsperren umgehen können.

Acht Stunden Strom am Tag

Aber vor allem palästinensische Online-Aktivisten haben längst gelernt, auf unkonventionelle Methoden zurückzugreifen, wie Ali Abunima, der Vorstand von Electronic Intifada, im Gespräch mit Hyperland erklärt: “Auch in Friedenszeiten haben wir nur für acht Stunden täglich Strom. Für uns ist es normal zwei Drittel des Tages keinen Zugang zum Internet zu haben.”

Und während Palästinenser warten, bis der Strom zurückkommt, verschickt @idfspokesperson den Überlebenstipp für den nächsten Tag – diesmal sogar per SMS an palästinensische Handys: “Die nächste Phase steht bevor. Haltet Euch von Hamas-Elementen fern.”

Eine Nachricht – wie ein Cliffhanger formuliert. Die nächste Folge des Dramas werden auch morgen wieder Millionen von Menschen auf Twitter, Facebook und YouTube verfolgen.

Text: Urszula Papajak

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