Den Verschwundenen von Argentiniens Militärdiktatur auf der Spur

Das Projekt Mapa76 versucht sichtbar zu machen, was mit den Tausenden Verschwunden der argentinischen Militärdiktatur geschah.

Projekt Mapa76: Dem Schicksal Tausender verschwundener Argentinier auf der Spur

Datenjournalisten versuchen sichtbar zu machen, was mit Tausenden verschwundener Argentinier während der Militärdiktatur geschah. Zum ersten Mal können Argentinier selbst nach Zusammenhängen suchen und sich ein Bild von den Verbrechen der Diktatur machen.

Aufarbeitung der Militärdiktatur

In den sieben Jahren Militärdiktatur von 1976 bis 1983 sind in Argentinien nach offiziellen Angaben 13.000 Menschen verschwunden, Menschenrechtler gehen sogar von 30.000 aus. Viele der Verschwundenen wurden gefoltert und ermordet. Es dauerte zwei Jahrzehnte, bis Argentinien begann, diese Verbrechen aufzuarbeiten. 2003 hob der damalige Präsident Néstor Kirchner das Amnestiegesetz auf. Seitdem werden Militärs und Polizeiangehörige in Gerichtsprozessen zur Verantwortung gezogen – darunter sind auch die Ex-Diktatoren Jorge Videla und Reynaldo Bignone.

Insgesamt laufen derzeit 13 Verfahren an verschiedenen Gerichten in  Argentinien. Insgesamt soll 923 Angeklagten der Prozess gemacht werden, 300 weitere Fälle sind in Vorbereitung. Argentinien gilt als Vorzeigeland in  Lateinamerika bei der Aufarbeitung der letzten Militärdiktatur.

Gerichtsprozesse erzeugen Datenberge

Die Datenmenge, die durch die gerichtlichen Ermittlungen entstand, ist gigantisch. Unzählige neue Zeugenaussagen, Beweise und Dokumente tauchten auf. Diese können wichtige Informationen enthalten, um Zusammenhänge zu verstehen und Täter zu verurteilen. Mehr als 3.000 Dokumente sind bereits vorhanden, immer neue kommen dazu.  Bei dieser riesigen Datenmenge ist es fast unmöglich, den Überblick zu behalten und die Daten detailliert zu analysieren und relevante Aspekte nicht zu übersehen.

Wie kann mit dieser Flut an Daten umgegangen werden? Wie können sie so strukturiert und aufgearbeitet werden, dass ein Zugang leichter ist und gezielt nach Informationen gesucht werden kann?

Hackathon führt zu Datenjournalismus-Projekt

Diese Fragen haben sich auch einige Journalisten und Programmierer in Buenos Aires gestellt. Bei einem Hackathon der lokalen Hacks/Hackers-Gruppe im April 2012 schlossen sie sich zusammen, um eine Software zu entwickeln, mit der die Daten, die sich aus den Gerichtsprozessen ergeben, interpretiert werden können (Hyperland berichtete). In Anlehnung an die letzte Militärdiktatur, die 1976 begann, nannten sie das neu ins Leben gerufene Projekt Mapa76.

Die Nutzer können – und sollen – selbst ermitteln

Das Kernteam um den Journalisten Mariano Blejman besteht aktuell aus vier Personen.  Ziel ist es, die Geschichten von Verschwundenen nachzuzeichnen und den Verlauf ihrer Haft bis zu ihrem Tod oder ihrer Freilassung nachzuvollziehen. Die Software soll automatisch Namen, Orte und Daten aus den Dokumenten extrahieren. “Dem Nutzer soll es ermöglicht werden, die Fakten der verschiedenen Prozesse zu untersuchen und gegebenenfalls zu verifizieren”, erklärt Blejman. “Beispielsweise den Ort des Verschwindens oder das Gefängnis, in dem sich ein Inhaftierter befand.”

Die Daten werden in Zeitleisten und Karten visuell aufbereitet. “Dadurch können Verbindungen zwischen Personen und Orten schneller gezogen werden und das Vergleichen von Dokumenten wird erleichtert”, sagt Blejman. “Es handelt sich auch um Zusammenhänge, die zuvor nicht verstanden werden konnten oder von der riesigen Datenmenge schlicht verschluckt wurden.”

Die Software kann frei eingesetzt werden

Mapa76 will als Plattform dienen, die sowohl die Dokumente als auch die Software für deren Verarbeitung bereitstellt und öffentlich zugänglich macht, insbesondere für Journalisten.

Mapa76 ist ein Werkzeug für investigativen Journalismus und historische Nachforschungen. Die Software kann für jede Thematik angewandt werden, die große Datenmengen umfasst. Zur Zeit konzentriert sich das Team aber darauf, die Daten aus den Prozessen in Argentinien zu verarbeiten.

“Wenn das Projekt abgeschlossen ist, werden alle Dokumente online zur Verfügung stehen”, meint Blejman. “Es wird für den Nutzer möglich sein, mithilfe der Software gezielt zu einer bestimmten Zeit an einen bestimmten Ort zurückzugehen, um zu verstehen, was mit verschiedenen Personen geschah.”

Die Relevanz des Projekts und der praktische Nutzen verdeutlicht auch das Interesse von Menschenrechtsanwälten. Mithilfe der Software ist es möglich, Schuldige zu finden, die noch nicht strafverfolgt werden. Allein das ist für das Team ein Anreiz weiterzumachen.

(Text: Maria Wölfle)

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)