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Pro-Ana-Blogs: Helfer in der (Mager-)Sucht?

Erschrecken, verstörend, beunruhigend - aber auch gefährlich? Magersuchtfotos als "Thinspiration" (Quelle: Ein Pro-Ana-Blog; Screenshot: Rabea Ottenhues)
Essgestörte können im Internet unzählige Blogs finden, die Magersucht (Anorexie) verherrlichen. Diese Pro-Ana-Blogs wurden bislang fast einhellig verurteilt. Doch neuere Studien wagen die Gegenthese: Pro-Ana-Blogs können für Essgestörte auch Nutzen haben.
Pro-Ana-Blogs und -Foren sind eine eigene Subkultur im Internet. Die meisten User und Betreiber solcher Seiten sind weiblich und zwischen 15 und 25 Jahre alt. Auf den Websites findet man Fotos von sehr mageren Models und anderen Frauen, als so genannte “Thinspiration”. Dazu kommen Texte, die zum Abnehmen motivieren, Anleitungen zum Verbergen von Essstörungen, Aufzählungen von “bösen” und “guten” Lebensmitteln und Listen zur minutiösen Gewichtskontrolle.
Höchste Sterberate
Die meisten Medien, Psychologen und Studien verteufeln diese Webseiten. Das ist wenig überraschend, denn der Inhalt ist häufig erschreckend, die Bilder sind abstoßend, die Diskussionen über Methoden des schnellen Gewichtsverlustes beunruhigend.
In Deutschland leiden bis zu 600.000 Mädchen an Essstörungen. Von dem relativ kleinen Teil, der ernsthaft an Magersucht erkrankt, sterben bis zu 15 Prozent. Damit ist Magersucht die psychische Krankheit mit der höchsten Sterberate.
Der Jugendschutz in Deutschland ist mittlerweile aktiv geworden und lässt Pro-Ana-Seiten löschen. Auch viele Internetplattformen haben sich dazu entschlossen, entsprechende Seiten zu entfernen. Dazu gehören etwa Pinterest, Tumblr, Facebook und Instagram. Doch die Seiten verschwinden damit nicht aus dem Internet, sie sind mit einer einfachen Google-Suche wesentlich leichter und in größerer Anzahl zu finden als noch vor ein paar Jahren.
Der Blog als Schreibtherapie
Eine neue Studie kommt nun zu dem Ergebnis, dass Pro-Ana-Blogs nicht per se des Teufels sind. Die beiden amerikanischen Wissenschaftlerinnen Daphna Yeshua-Katz und Nicole Martins haben für ihre Studie 33 Pro-Ana-Blogerinnern interviewt und stellen die grundlegende Dämonisierung von Pro-Ana-Seiten in Frage.
Wichtigstes Ergebnis der Studie ist der soziale Aspekt der Blogs. Magersucht ist eine psychische und zudem stigmatisierte Krankheit, die Betroffenen leiden häufig unter Einsamkeit. Die Blogs machen es möglich, mit anderen Patientinnen in Kontakt zu treten, sich gegenseitig zu unterstützen und Bestätigung zu erhalten, die es im realen sozialen Umfeld nicht gibt. So sagte eine Betroffene den Wissenschaftlerinnen: “Das Blog ist für mich die einzige Brust, an der ich weinen kann – oder meine Erfolge feiern”.
Viele Essgestörte haben das Gefühl, nur vor dem anonymen Internetpublikum sie selbst sein zu können, während die Krankheit vor Familien und Freunden solange wie möglich verheimlicht wird.
Sind die Bloggerinnen stolz darauf, einen Tag lang nichts gegessen zu haben, posten sie es ebenso, wie wenn sie sich ärgern, weil sie zugenommen haben. Die Gemeinschaft liefert bedingungslose Unterstützung. Das Blog wird so zur Schreibtherapie und zur einzigen Möglichkeit, hemmungslos über sich selbst und die Krankheit zu sprechen. In vielen Fällen ist dies der erste Schritt zur Therapie.
Pro Ana – das zweischneidige Schwert
Die Studie verschweigt aber nicht die negativen Effekte der Krankheit. Die Angst, die Abhängigkeit durch das Blog noch zu verstärken, ist für viele Teilnehmerinnen präsent. Ebenso widersprechen die Ergebnisse dem Vorwurf, dass die Betreiberinnen andere von ihrer Lebensweise überzeugen wollen. Auf den meisten Blogs findet man Warnhinweise und die Einsicht, dass “Pro Ana” kein Lebensstil, sondern eine ernstzunehmende Krankheit ist. Pro Ana ist ein zweischneidiges Schwert.
Dr. Christiane Eichenberg, Diplom-Psychologin und Privatdozentin an der Universität Köln, hat bereits im letzten Jahr mit zwei Kolleginnen eine Studie veröffentlicht (PDF), die zu sehr ähnlichen Ergebnissen kommt.
Auch sie ist überzeugt, dass Pro-Ana-Blogs “nicht nur destruktive Effekte haben” und nicht so einseitig bewertet werden sollten, wie dies häufig der Fall ist. Auch, oder gerade weil die Nutzerinnen von Pro-Ana-Blogs sich sehr unterscheiden, kommt Eichenberg zu dem Ergebnis, dass ein generelles Verbot von Pro-Angeboten im Internet nicht zielführend ist.
(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)
6 Kommentare | 02. Oktober 2012 | 10:00 Uhr |
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Man sollte die Website”Pro Ana Blogs nicht löschen,sondern lieber ermitteln,wer da wohl ganz dringend Hilfe braucht,um Leben vor dem Tod durch Magersucht zu retten.
Wie soll das funktionieren? Wenn jemand etwas Verdächtiges schreibt, steht morgen der psychiatrische Dienst vor der Tür? Anschließend wird gerade von den Gefährdeten nie mehr jemand etwas schreiben!
Medizin, Psychologie im Internet ist immer grenzwertig, ich denke aber, dass es in der Regel weder schadet noch nützt, der Staat sollte sich da weitgehendst raus halten und lieber die Themen aufgreifen und in seinem Zuständigkeitsbereich (Schulen, Krankenkassen usw.) angehen.
Hier werden leider mehrere Dinge miteinander in einen Topf geworfen.
Es ist richtig, dass Blogs, in denen sich Betroffene relektierend mit ihrer Essstörung auseinandersetzen, einen förderlichen Charakter haben können. Allerdings handelt es sich bei den meisten Pro-Ana-Seiten nicht um solche Blogs: In der Regel beinhalten Pro-Ana-Seiten die immer gleichen Texte und Bilder, die unreflektiert zur Schau gestellt werden. Dies geht sogar so weit, dass ein eigentlich satirischer Text über die Pro-Ana-Szene auf solchen Seiten kursiert – und die “Blogger” davon ausgehen, es handele sich um eine ernst gemeinte Anleitung “Wie man eine richtige Ana wird”.
Pro-Ana-Anhänger(innen) schließen sich häufig zu “Twins” zusammen: Paaren, die im ständigen Konkurrenzkampf stehen, wer das niedrigste Gewicht hat. Sogenannte “Challenges” (Abnehm-Wettbewerbe) sind eine weitere Facette. Es entspricht nicht der Realität, Pro Ana auf die Darbietung von Texten und Bildern zu reduzieren. Pro-Ana-Gruppen entwickeln eine Gruppendynamik, die *vordergründig*, scheinbar sozial stützend ist – gerade hierin aber ihren Hebel findet, um ein gewisses “zerstörerisches Potential” zu entfalten.
Blogs oder Homepages, die sich auf Anleitungen, Regeln (“Anas Gesetze”), Gewichtstagebücher etc. fokussieren, sind nicht förderlich. Tagebücher (ob online oder offline), in denen sich die Betroffene mit sich selbst und ihren Problemen tatsächlich *auseinandersetzen*, können hilfreich sein.
Tatsächliche Pro-Ana-Gruppen (die an ihrem Verhalten gemessen werden, nicht daran, wie sie sich selbst bezeichnen!) stellen keine wirkliche Unterstützung dar und sind für eine Genesung kontraproduktiv. Die Perversion der sozialen Komponente bleibt leider in diesem Artikel unerwähnt.
Die oben abgebildeten Fotos sind im Übrigen noch sehr harmlos; “verstörend” ist dementsprechend leider eine unzureichende Beschreibung.
Gerade die von “Stumme-Schreie” angeführte Gruppendynamik ist das Schlimme an diesen Blogs und Foren.
In den Pro-Ana-Blogs finden die Betroffenen eher “Vorbilder” als Gleichgesinnte und eben auch viele Anleitungen, wie man den Abnehmwahn noch beschleunigen kann.
Interessantes Thema..was ich mich frage:
sprecht ihr beide aus Erfahrung?
Sind die Studien also falsch – und/oder fehlt den Forschern einfach die Medienkompetenz die Vorgänge in so einer Community richtig zu analysieren? Dass sie mit den Seitenbetreibern sprechen, ist ja nett, aber es ist doch klar, dass diese den Wert ihrer Seiten verteidigen. Interessanter wäre doch ein Selbstversuch, bei der man die Krankheit vortäuscht und dann schaut wie die Community darauf reagiert .. förderlich oder destruktiv.