Kreative Maschinen: Wie Algorithmen komponieren

Kostproben der Werke von Emmy und anderen komponierende Algorithmen gibt es bei Youtube.

Kostproben der Werke von Emmy und anderen komponierenden Algorithmen gibt es bei Youtube.

Viele Menschen machen sich Sorgen, dass Maschinen ihnen ihre Jobs streitig machen. Kreative wähnen sich dagegen vor immer intelligenteren und schnelleren Computern in Sicherheit. “Zu unrecht”, sagt der Autor eines der spannendsten Tech-Bücher des Sommers. “Algorithmen schreiben so gute Musik wie die besten Menschen.”

Annie ist eine verrückte Künstlerin, bei der man nie weiß, was einen erwartet. Dabei ist Annie kein Mensch, sondern eine Maschine. Sie ist die jüngste Schöpfung von David Cope. Der Komponist, Musikprofessor und Informatiker gilt als einer der wichtigsten Pioniere in der “algorithmischen Musik”, dem automatisierten Komponieren. Annies Geschichte steht im neuesten Buch von Christopher Steiner, “Automate This“.

Anrührende Algorithmen

In den Achtziger Jahren begann Cope sich beim Komponieren Hilfe von Algorithmen zu holen – der Legende nach wegen einer Schreibblockade. Es war die Geburtsstunde von Experiments in Musical Intelligence, oder Emmy.

Der Algorithmus schrieb zehn Jahre nach seiner Erschaffung so überzeugende Musikstücke, dass sie auch geschulte Ohren nicht von Kompositionen eines Menschen unterscheiden konnten. Cope fütterte den Algorithmus dafür mit dem Werk eines Komponisten. Anschließend brachte er ihm bei, die Muster im Werk zu erkennen, sie nach definierten Regeln neu zusammenzusetzen und ab und an die Regeln auch brechen – ganz so, wie es der Meister selbst getan hatte. Die Musik rührte Copes Publikum zu Tränen – oft jedoch nur, bis sie erfuhren, dass sie von einer Maschine geschrieben wurden.

“Für viele Musikliebhaber hat ein Stück, das von einem Computer komponiert wurde, einfach keinen Wert”, sagt Christopher Steiner. Doch er ist überzeugt, dass “Algorithmen so gut Musik schreiben können, wie einige der besten Menschen”, sagt er Hyperland.

Cope’s zweiter Star heißt Emily Howell. Sie hat acht Opern geschrieben in ihrer Karriere, und einige Klavierkonzerte. Sie ist zwar schneller und besser als ihre Vorgängerin Emmy – aber auch sie folgt den Regeln von David Cope und komponiert nach Mustern, abgeschaut bei den Meistern der Vergangenheit.

Lernende Alogrithmen

Annie – die neueste Version – jedoch ist anders. Annie folgt keinen Regeln, sondern schreibt ihre eigenen. Annie ist ein lernender Algorithmus. Sie entscheidet selbst, welchen musikalischen Mustern sie sich bedienen will und nach welchen Regeln sie diese zu eigenen Kompositionen umsetzt. So soll ein eigener Stil entstehen. “Das Interessante ist, dass ich manchmal keine Ahnung habe, was sie tut”, so Cope. Für Christopher Steiner ist es nur eine Frage der Zeit, dass ein Algorithmus wie Annie aus den Grenzen der Klassischen Musik ausbricht und in die Welt von anderen Stilen eindringt. Pop zum Beispiel.

Steiner zeigt sich im Gespräch mit Hyperland überzeugt, dass noch diese Generation Pop-Hits zu hören bekommt, die von Algorithmen geschrieben wurden. “Es gibt Menschen, die wissen, was ein Hit braucht. Es ist nur ene Frage der Zeit, bis Forscher diese Regeln einem Algorithmus beibringen können.”

Auch Algorithmen sind sterblich

Annie könnte den Weg dahin weisen. Ihre Entstehung will David Cope im Buch “The Transcendent Machine” dokumentieren. Wenn Annie perfektioniert ist, und selbständig Musik schreibt, dann könnte sie nicht nur kreativ sein wie ein Mensch, sondern sie wird nach dem Willen ihres Schöpfers auch ein menschliches Schicksal erleiden – und sterben.

So erging es schon ihren Vorläuferinnen Emily Howell und Emmy. Um deren Kompositionen Wert zu geben, obwohl sie Millionen andere hätten produzieren können, entschied Cope, sie sterben zu lassen. In der Welt der Algorithmen genügt dazu ein Tastendruck auf Copes Computertastatur: “Delete”.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

2 Kommentare | 13. Oktober 2012 | 09:30 Uhr | Twittern | Facebook

2 Kommentare

  1. Danke für den Artikel! :)

    Nur wäre es besser, in journalistischen Artikeln “Programme” zu sagen, statt “Algorithmen” oder “Apps”, sonst denken die Leute noch, das sei was anderes. ;)

    Der Algorithmus ist der theoretische Plan eines Programms. Das Programm ist dann die tatsächliche Implementation. Das Wort “App” ist eine Abkürzung von Engl. “application” = “Anwendung”.

    Z.B. in der Programmiersprache BASIC gibt es einen Befehl PRINT (“DRUCKE”) mit dem man Daten auf dem Bildschirm z.B. ausgeben kann. Ein Programm besteht aus einfachen Befehlen, die aneinander gereiht werden.

    Ein Algorithmus ist eine abstrakte Definition, also z.B. wenn man sagt “Berechne das Produkt aus a und b, und gib anschließend das Ergebnis aus”. Das Programm in BASIC z.B. wäre dann “PRINT a*b”.

    David Cope, auch wenn er nicht weiß, was seine Programme eigentlich tun, hat Programme geschrieben, die Musik erzeugen. Selbst wenn er einen theoretischen Algorithmus dafür entwickelt hat, so ist es doch die Implementation, also das Programm, das die eigentliche Arbeit ausführt.

    Programme können nicht denken. Computer sind Maschinen, und ein Programm, egal wie komplex es auch sein mag, tut nur das, was der Programmierer hingeschrieben hat. Daher hängt die Qualität von Programmen wie Emily oder Annie stark davon ab, wie gut David Cope darin ist, seine Ideen als Programme umzusetzen.

    Es gab in den 1980er Jahren schon Programme wie MUSO auf dem C-64, die Musik künstlich erzeugt haben.

    Viele kommerzielle Musiksoftware-Pakete haben Funktionen oder Plugins, die Musik algorithmisch erzeugen können. Dies hilft uninspirierten Musikern weiter, wenn sie an größeren Musikstücken arbeiten. D.h. schon heute wird ein Teil der kommerziellen Musik auf diese Art hergestellt.

    Trotzdem sind Musikstücke wie die von Emily oder Annie in Wirklichkeit Produkte von David Cope’s Geist, weil er die Programme entwickelt hat.

    Sowohl klassische Musik als auch Popmusik sind gewissen Regeln unterworfen, die sich durchaus in Programme gießen lassen. Wie gut die Musik dann wirklich ist, hängt nur von der Qualität der Programme ab.

    Solche Musik muss nicht geist- oder seelenlos wirken. In manchen Teilen der Musikbranche wäre es vielleicht sogar besser, wenn die Künstler Software zu Hilfe nehmen würden, anstatt die Musik selbst zu komponieren. Leute wie Mozart oder Beethoven gibt es ja schließlich nicht an jeder Straßenecke …

    Omnomnomnom | 14. Oktober 2012 | 11:48
  2. Schon beeindruckend. Lassen sich damit auch Hits komponieren?

    Mirko | 14. Oktober 2012 | 19:00