Die digitalen Hinterhöfe Europas

Graphische Dokumentation der Konferenz (Foto: Andi Weiler/ Berlinergazette.de)

Graphische Dokumentation der Konferenz (Foto: Andi Weiler/ Berlinergazette.de)

Google, Amazon, Facebook und Apple dominieren als Welt-Sheriffs das Internet – so ein Dauerbrenner in der Netzberichterstattung. Die Konferenz Digital Backyards hat das Thema aufgegriffen und nach europäischen Antworten gesucht.

Krystian Woznicki, einer der Organisatoren, beschreibt Hyperland das Problem: “Vor allem die zwei Webdienste Google und Facebook sind für viele Synonym für das Internet als solches geworden.” Die Praxis des “Googelns” und “Likens” habe die Wahrnehmung des Netzes geprägt. Dabei seien die beiden Anwendungen nur zwei Elemente in einer riesigen Vielfalt. Das zu belegen ist eines der Anliegen der Konferenz, die von den Machern des Online-Magazins Berliner Gazette organisiert wurde.

Am Donnerstag und Freitag hatte eine kleine Gruppe von Hackern, Gründern und Aktivisten ihre Ideen diskutiert, die Vorträge und Podiumsdiskussionen am Sonnabend waren für ein größeres Publikum geöffnet. Drei verschiedene europäische Ansätze haben sich dabei gezeigt.

Ansatz 1: Der Staat hilft mit

Das Team von Presseurop durchsucht 200 europäische Medien nach interessanten Artikeln, übersetzt sie und veröffentlicht sie in zehn Sprachen. Dafür hat Presseurop aus europäischen Fördertöpfen drei Millionen Euro erhalten, ein alternatives Geschäftsmodell existiert nach Angaben der Presseurop-Vertreterin Cristina Pombo nicht.

“Alles, was Sprachgrenzen überschreitet, ist tendenziell ökonomisch schwer umzusetzen. Wenn man dafür Steuergelder ausgibt, kann das sinnvoll sein”, erklärt sich Thorsten Schilling die Motivation der Geldgeber. Er ist Leiter des Fachbereichs Multimedia bei der Bundeszentrale für politische Bildung. Dort wird ein ähnliches Projekt betrieben: Euro|topics durchforstet 300 Offline- und Online-Medien und listet an jedem Arbeitstag 15 Artikel mit Kurzzusammenfassungen auf. Die europäische Presseschau erscheint auf deutsch, französisch und englisch.

Ansatz 2: Business as (un-)usual

Die Journalistin Géraldine Delacroix hat sich für einen marktwirtschaftlichen Ansatz entschieden. Das Online-Portal Mediapart ist werbefrei und finanziert sich über Abonnenten, die für hochwertige Inhalte zahlen. Delacroix: “Wir machen investigativen Journalismus, den französische Zeitungen nicht mehr machen.” Mediapart ist profitabel: Etwa 60.000  Nutzer zahlen monatlich neun Euro.

Ansatz 3: Hacker-Kultur und Freie Software

Der dritte Ansatz verzichtet völlig auf eine Finanzierung. “Es geht uns nicht darum, ein Geschäftsmodell zu etablieren, sondern etwas zu schaffen, dass sozial und kulturell nachhaltig ist”, sagt die Gründerin von Lorea, die sich Spideralex nennt. Lorea ist eine Software für ein freies soziales Netzwerk. Im Fokus stehen Gruppen, die über Lorea verschiedene Netwerkzeuge wie Blogs, Wikis oder Etherpads einbinden können.

Ein alter Bekannter: Flattr

Auch Linus Olsson, der Chef von Flattr, war auf der Konferenz. Der schwedische Mikro-Spendendienst vereint alle drei Ansätze – irgendwie. Der Dienst atmete bei seiner Gründung für viele den Geist der nicht-kommerziellen Hacker-Szene, da der ehemalige Pirate-Bay-Betreiber Peter Sunde involviert war. Nach Aussage von Olsson sei Flattr aber von Anfang an ein klasssisches Startup gewesen, er sagt zu Hyperland aber: “Wir haben bei unseren Investoren darauf geachtet, dass sie nicht ausschließlich in Profit-Kategorien denken.” Gleichzeitig hatte Flattr über ein schwedisches Gründerprogramm auch Unterstützung von der Europäischen Union erhalten. Flattr sorgte vor zwei Jahren für Aufsehen, seither ist es um das Projekt still geworden. Ob das Startup aus Schweden das Netz eines Tages doch so sehr prägen wird wie Google und Facebook, ist noch unklar.

Europa als digitale Werkstatt

Auch in allen anderen Ländern Europas wird viel gebastelt, programmiert und geschrieben. Das geschieht mal mit öffentlicher Förderung, mal rein marktbasiert, unter bewusstem Verzicht auf ein Geschäftsmodell oder als Mischform. Ein Blick in die digitalen Hinterhöfe Europas zeigt aber in jedem Fall, dass das Internet mehr ist als Google, Amazon, Facebook und Apple.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

1 Kommentar | 22. Oktober 2012 | 10:10 Uhr | Twittern | Facebook

Ein Kommentar

  1. Das Internet ist bestimmt eine ganz große Errungenschaft und ein Segen für die Menschheit. Man kann damit, wenn man will und weiß wie, seinen Intellekt bequem, problemlos und relativ schnell erweitern und befruchten. Mann kann aber auch bequem und schnell seine Dummheit damit füttern und befruchten, wenn man mit dem Gros seiner Zeit in den entsprechenden Ebenen und Bereichen operiert.

    Ein ganz großes Manko begegnet einem jedoch im Internet ständig, und zwar hauptsächlich beim Hantieren mit E – Mails – nämlich dass die unterschiedlichen Sprachen (Englisch, Deutsch usw. nicht übersetzt werden.

    Man hätte doch längst ein Pilotprojekt mit unserem Nachbarstaat Frankreich, mit dem wir auch seit mehr als 50 Jahren ein ganz besonderes Freundschaftsverhältnis (nicht nur politisch) pflegen, in die Wege leiten können.
    Dies wäre doch auch ein ganz wichtiger und fruchtbarer Schritt im Hinblick auf unsere europäische Staatengemeinschaft, welche wir mit aller Kraft – “und koste es was es wolle“ – anstreben. Und notabene, eine solche Maßnahme würde sich doch auch sehr schnell rechnen, wenn die ganze Korrespondenz, die von der Industrie und vom Handel ständig getätigt wird, automatisch in beiden Richtungen übersetzt würde.

    Wenn ich nur daran denke, was es immer wieder für ein “hin und her gegackere“ ist, wenn ich ein Zimmer in einem Hotel bestelle – ich frage mich immer wieder: warum funktioniert das nicht, dass ich einfach drauf los schreibe und der Franzose (oder auch Italiener usw.) erhält meinen Text automatisch in seiner Sprache und kommuniziert wiederum in seiner Sprache mit mir.

    Wenn ein solches Pilotprojekt (z. B. mit Frankreich) dann einigermaßen funktionieren würde, könnte man es doch wahrscheinlich problemlos auch auf andere Sprachen ausweiten bis hin zum Russischen und Chinesischen.

    Warum tut sich hier nichts? Warum läuft hier nichts? So etwas müsste doch mit der heutigen Technik und dem Know – how möglich sein. Und so etwas sollte uns doch auch etwas wert sein und müsste entsprechend gesponsert werden.

    Will man nicht – oder kann man nicht? Meiner Meinung nach wird hier irgendwie und irgendwo etwas ganz Wichtiges verschlafen!

    Mit den besten Grüßen

    Dieter Ackermann | 23. Oktober 2012 | 02:39