Deutschland 1989: Erinnerung an eine analoge Revolution

Immer wieder heimlich zum Drucken von Flugblättern in der DDR genutzt: ein Hektographiergerät (Quelle: Wikimedia-Nutzer Appaloosa, Lizenz: CC by-sa/3.0)

Immer wieder heimlich zum Drucken von Flugblättern in der DDR genutzt: ein Hektographiergerät (Quelle: Wikimedia-Nutzer Appaloosa, Lizenz: CC by-sa/3.0)

Ohne das Internet, ohne Facebook, Twitter & Co. seien die Revolutionen in Ägypten oder Tunesien nicht möglich gewesen. Nur die Sprengkraft sozialer Internet-Medien, so einer der populärsten (und nur zaghaft hinterfragten) Mythen der letzten Jahre, habe es den Völkern ermöglicht, sich gegen die restriktiven Regime zur Wehr setzen können. Zeit für eine kleine Richtigstellung.

Zum Tag der Deutschen Einheit wollen wir daran erinnern, dass es vor nicht allzu langer Zeit in Deutschland eine ebenso unerwartete Revolution gab, die ganz ohne das Internet auskam.

Um nachzuvollziehen, wie sich die DDR-Opposition trotz staatlich kontrollierter Medien verständigen konnte, hat Hyperland Wolfgang Kleinwächter befragt.

Der aus Leipzig stammende Experte für Internet Governance war schon zu DDR-Zeiten Professor für Internationale Kommunikationspolitik. Er hat die Ereignisse als Zeitzeuge und als Medienwissenschaftler mitverfolgt und gibt Einblicke in die Physiologie einer Revolution unter analogen statt digitalen Bedingungen.

Eine “revolutionäre Situation”

Den arabischen Frühling als Twitter- oder Facebook-Revolution zu bezeichnen, hält Kleinwächter schlicht für “Quatsch”. Medien könnten gesellschaftliche Prozesse verstärken und beschleunigen, sind aber nicht deren Ursache.

Hätte es das Netz in seiner heutigen Ausprägung damals schon gegeben, wäre die DDR vielleicht allenfalls etwas früher zusammengebrochen. Die eigentliche Ursache aber war, dass eine “revolutionäre Situation” vorlag, wobei sich Kleinwächter verschmitzt an eine Definition des marxistischen Theoretikers Lenin anlehnt.

“Die da oben konnten nicht mehr, das System lag am Boden – und die da unten wollten nicht mehr, das Volk hatte die Schnauze voll.” Hinzu kamen die internationalen Rahmenbedingungen, die einen Umsturz zuließen. Statt wie befürchtet mit Soldaten einzumarschieren, ließ der sowjetische Machthaber Gorbatschow den Ereignissen ihren Lauf.

Kontrolle, Kleingruppen und Kreativität

Wie hat die DDR-Opposition nun miteinander kommuniziert? Die staatlich kontrollierten Massenmedien wurden als Informationsquelle von den meisten Bürgern nicht ernst genommen. In der Nischengesellschaft, als die die DDR oft bezeichnet wird, fand Kommunikation in privaten und halböffentlichen Kontexten statt. Unter Kommilitonen, Arbeitskollegen oder Freunden und in den sich bildenden Friedens- oder Umweltgruppen wurde rege politisch diskutiert.

Auch Technik, um sich in kleineren Rahmen zu auszutauschen, war rar. Nur wenige hatten ein eigenes Telefon. Was Telekommunikation anging, befand sich die DDR laut Kleinwächter auf dem Stand der Elfenbeinküste.

Computer wurden an Privatpersonen nur ohne Drucker verkauft, aus Angst, dass sie systemgefährdende Aufrufe drucken könnten. Als technische Hilfsmittel standen einzig Hektographier-Geräte der Marke Ormig zur Verfügung. Mit diesen Apparaten ließen sich von einer Schreibmaschinenseite 40 bis 50 Kopien ziehen, viele Oppositions-Schriften wurden so erstellt. Ormig-Maschinen stand in vielen größeren und kleineren Betrieben – und die DDR-Bürger fanden immer eine Möglichkeit, sie auch für eigene Zwecke zu nutzen.

“Verbote und Kontrollen bringen Kulturen dazu, sie zu umgehen” fasst Kleinwächter zusammen, welche offiziellen und faktischen Möglichkeiten es in der DDR gab. Hier schließt sich der Kreis zum arabischen Frühling. Auch dort wurde zensiert, und die Menschen fanden kreative Wege um die Zensur herum.

Sternstunden der Menscheit

Und wie in Tunesien und Ägypten ging es plötzlich los, nachdem es lange Zeit gegärt hatte. In der DDR kulminierte alles in einem extrem kurzen Zeitraum, den Kleinwächter in einem Artikel die “Leipziger Sternstunde der Menschheit” genannt hat.

In den Herbsttagen des Jahres 1989 kamen alle Nischen und Gruppen miteinander in Kontakt, die zuvor größtenteils nur untereinander kommuniziert hatten – mit welchen analogen Medien auch immer. “Das war der Beginn dieses Flächenbrands, der die Ereignisse in Gang setzte.”

Das Resultat war eine unerwartete, friedliche Revolution, die völlig ohne Twitter und Facebook auskam.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

6 Kommentare | 03. Oktober 2012 | 10:10 Uhr | Twittern | Facebook

6 Kommentare

  1. @ Stefan Mey,

    Diesem Kommentar muss ich zustimmen. Ganz genauso ist es.

    Aber: das eingesperrte Volk im damaligen Osten (heute die neuen Bundesländer) hatten von dieser Regierung nicht nur die “Schnauze voll” sondern sie hatten vom Eingesperrtsein einfach genug. Sie wollten raus in dieselbe Freiheit, wie wir sie in der Bundesrepublik hatten und heute haben.

    Und daraus wurde schließlich in der besagten Kirche sogar unter Federführung unseres heutigen Bundespräsidenten Gauck der Slogan geboren “Wir sind dass Volk”.

    Und auch diese immer wieder wiederholten Proteste an der Berliner Mauer und durch den Mut der Berliner Bürger 1989 wurde dieser Mauerfall überhaupt erst möglich.

    Ich erinnere mich, wie ich damals am Fernseher saß und sich die Ereignisse in jener Nacht überschlugen. Erst wurde die Rede von Krenz mit dieser “Reiseerleichterung” ausgesprochen. Und alles stürzte um, als er auf die Frage “Und ab wann soll das gültig sein” zuerst in die Papiere guckt und dann sagt “meines Wissens nach…sofort”.

    Und dass hat dann dazu geführt, dass sich innerhalb von zwei Stunden immer mehr Menschen vor den Grenzübergängen sammelten, der Platz zu eng und der Druck zu groß wurde, weil einige in dieser angesammelten Menschenmenge erdrückt zu werden drohten. Und daher kamen dann auch diese Rufe “Tor auf!!”. Und daraus wurde dann der Ruf “Mauer weg!”

    Zuerst versuchten die Grenzer noch, die Menschen zurückzudrängen, waren aber gegen diese Übermacht schließlich so überfordert, dass sie einen ersten Grenzübergang öffneten und es dann die ersehnten Stempel gab. Aber: da war noch der Haken dabei, dass mit diesem Stempel eine Rückreise nicht mehr möglich wurde!

    Aber als dann die Menschen anfingen, auf die Mauer zu klettern und über diese Hinweg, kamen dann auch die Menschen auf der westlichen Seite des Brandenburger Tors dazu und sorgten dafür, dass die Grenzer überrannt und weggescheucht wurden. Und dann halfen sie den Bürgern aus den heutigen neuen Bundesländern, über die Mauer zu klettern und in die Freiheit zu gelangen.

    Das waren so beeindruckende Szene….das war einfach nur noch schön. Und es war wirklich gut, als dann diese Einheit in den Folgewochen auch auf dem Papier besiegelt wurde und die Mauer endgültig fiel.

    Nur was eben dieses Traurige dabei war, war der Punkt dass Helmut Kohl damals uns allen Bürgern im Punkt Finanzierung der Einheit so ins Gesicht gelogen hat. Er hat damals behauptet, dass das alles aus der Portokasse bezahlt worden sei. Aber wie wir heute wissen, stimmte dass alles nicht. Dafür wurde die Rentenkasse geplündert, sodass diese heute leer ist und erst wieder aufgefüllt werden muss.

    Aber nicht nur diese Ereignisse in Berlin selbst haben zum Mauerfall beigetragen. Nein, da gibt es auch noch eine sehr schöne Geschichte, die auf der ARD erzählt wird und die wirklich beeindruckend ist:

    http://www.tagesschau.de/inland/ddr114.html

    Diese Geschichte handelt von einer erfolgreichen Grenzflucht auf dem Grünstreifen. Und hier hat ein Grenzer auf der damaligen Westseite sogar eine bedeutende Rolle gespielt, damit diese Flucht gelingen konnte. Schaut euch mal diese schöne Geschichte an und es wäre schön, wenn die ARD und auch das ZDF noch mehr solcher schönen Geschichten zum heutigen Tag der Einheit bringen würden. Bitte mehr von solchen schönen Geschichten.

    Gruß
    Linuxhelfer

    Linuxhelfer | 3. Oktober 2012 | 14:06
    • @ Linuxhelfer: Der Tagesschau-Beitrag ist wirklich rührend.

      Ich hatte das Glück oder auch die Bürde der späten Geburt. Die DDR habe ich als Kind mitbekommen. Damit habe ich zumindest eine Ahnung von einem anderen Gesellschaftssystem und kenne viele alltägliche, widersprüchliche, traurige und komische Berichte von älteren Verwandten aus erster Hand. Gleichzeitig war ich zu jung, um mit dem System zu hadern und die Vorgänge von 1989 bewusst zu erleben.

      Stefan Mey | 4. Oktober 2012 | 10:43
  2. Kurzte OT-Frage … das ZDF meinte, ab Oktober Kommentarfunktionen zu den Artikeln bereitstellen zu können, wie komme ich denn dazu???

    marc | 3. Oktober 2012 | 19:24
    • @ marc: Was meinst du genau? Wenn ich mich nicht täusche, hast du gerade die Kommentarfunktion genutzt :)

      Stefan Mey | 4. Oktober 2012 | 10:45
  3. Wie dem auch sei: Ob analog oder digital ist Jacke wie Hose. Fakt ist, dass die DDR unter Ulbricht mehr schlecht als recht existierte. War sie doch ein Modell Sowjet. Stalin hatte ja die Gründung veranlasst. Nachdem Ulbricht gegenüber dem Westen zu offen war, wurde er von Breschnew geschasst und durch Honecker ersetzt. Honecker selbst hatte das Ganze in Gang gebracht, weil er aus der DDR ein Land mit Weltniveau machen wollte. Danach wirtschaftete er die DDR mit seinem Programm von Wirtschaft und Sozialem so herunter, dass die Leute schleichend und dann immer mehr offen in Opposition gingen. Honeckers neuer Mentor Gorbatschow sagte immer, dass er seine Probleme selber lösen muss und Gewalt kein Allheilmittel sei. Gorbatschow selbst hatte Afghanistan verloren gegeben und sich dort zurück gezogen. Ausserdem befürchtete er einen Dritten Weltkrieg bei der Überrüstung, die damals vorlag. Seine Umkehr, sprich Perestroika und Glasnost, war für Honecker existenzbedrohend. Doch der alte Mann begriff es immer noch nicht, als Gorbatschows berühmter Satz fiel. Er wollte die Probleme “sozialistisch” angehen, was frei übersetzt chinesisch, also gewaltsam, hiess. Damit hätte er allerdings ein Riesenproblem bekommem, unterstand die NVA in weiten Teilen dem sowjetischen Oberkommando. Das Volk hatte nun freie Bahn und rief: “Wir sind das Volk”. Dann wurde der Ruf durch “Wir sind ein Volk” ersetzt. Andere flohen und dann fiel auch noch der “Antifaschistische Schutzwall”, heisst die Mauer. Bis zur Einheit war es dann nur noch ein kurzer Weg. Gorbatschow und sein Aussenminister Eduard Schewardnadse hatten die DDR übrigens schon um 1985/86 herum abgeschrieben. Das stand in einem Artikel des Stern mal zu lesen.
    In digitaler Hinsicht wäre die Einheit wohl früher gekommem, aber darüber kann man spekulieren, was aber in meinen Augen müssig ist, denn wir zählten gestern den 22ten Jahrestag dieses Vorgangs.

    Lauck | 4. Oktober 2012 | 09:52
  4. Mein ewiger Dank an alle die zur unblutigen Wende beitrugen. Als heimatvertriebender Schlesier kannte ich Ihren gestressten Alltag in der DDR – wer war Freund – wer war Feind – Trotzdem war ich seit 1972 ziemlich regelmässig auf der Leipziger – Frühjahrsmesse Gast bei GISAG . Uebrigens Kurt Masur ist in Brieg / Schlesien geboren -ist auch mein Geburtsort.

    Hans-Georg Lorek | 4. Oktober 2012 | 10:21