Das Netz und die Killer

Bei den Fans brutaler Mörder handelt es sich oft um junge Frauen. (Quelle: Yahoo Answers; Screenshot)
In der Realität gefürchtet, im Netz geliebt: Serienmörder und ihre digitale Romantisierung sind ein erstaunliches Phänomen. Was drückt sich in Facebook-Fanpages zu Mördern, Attentätern oder Amokläufern aus? Hyperland hat nachgefragt.
“So ein schönes Gesicht”
Was bringt junge Frauen dazu, Massenmörder wie den verurteilten Anders Breivik oder den Amokläufer James Holmes zu verehren? Facebook-Pages wurden eingerichtet, Liebesmails wurden verschickt, alles in der Hoffnung, Männern, die zahlreiche unschuldige Menschen kaltblütig hingerichtet haben, gerecht zu werden und ihnen einen Stück näher zu kommen.
“Ich liebe Dich, James Holmes”, postet ein Mädchen auf einer der zahlreichen Facebook-Pages für James Holmes, der im Juli dieses Jahres zwölf Menschen während einer Vorstellung von “The Dark Knight Rises” erschossen hat. Ihre Erklärung für diese Liebesbekundungen an einen Mörder: “Er ist soo heiß!”
Attraktivität spielt offensichtlich bei den weiblichen Fans von gestörten Persönlichkeiten, die zum Mörder werden, eine große Rolle. Luka Magnotta, der als “Porno-Killer” zu zweifelhaftem Ruhm gekommen ist, wird von seinen Facebook-Fans angehimmelt, weil er so “ein schönes Gesicht hat”. Außerdem sei sein Video, in dem er den Mord an Lin Jun festgehalten haben will und das er im Internet veröffentlichte, “so toll”, stellt eine andere Facebook-Nutzerin fest.
Fans auf Facebook und anderswo
Rechtspsychologe Dr. Steffen Dauer erklärt dieses Phänomen so: “Das Gros der Frauen sucht oft nur oberflächlich den Kontakt zu gewaltbereiten Straftätern. Sobald es darum geht, dass eine Beziehung konkret wird, machen die meisten einen Rückzieher. Allerdings gibt es Fälle, in denen sich Verehrerinnen derart zu ihrem persönlichen Idol hingezogen fühlen, dass daraus reale Beziehungen entstehen, die in der Vergangenheit sogar zu Eheschließungen geführt haben.”
Irritierend, dass jemand, der unschuldige Menschen bestialisch ermordet, solche Reize auslösen kann. Anders Breivik, der bei dem Attentat von Oslo 77 Menschen tötete, hatte kurz nach der Tat tausende Fans auf Facebook (die meisten Seiten sind inzwischen nicht mehr aufzufinden). Seine Popularität reicht, im Gegensatz zu anderen Massenmördern, auch weit über das Netz hinaus.
Terje Torrissen, einer der psychologischen Gutachter, die Breiviks geistige Verfassung während des Prozesses beurteilten, bestätige gegenüber der schwedischen Zeitung Aftonbladet, dass Breivik haufenweise Post bekäme. Die Inhalte seien durchwachsen. Von Liebesbriefen über Heiratsanträge bis hin zu kollektiv verfassten Aufmunterungsbriefen sei alles dabei. Ganze Familien hätten ihm gewünscht, dass er die Zeit während seines Prozesses heil überstehen möge.
Frauen, die Männer lieben, die töten
Die wissenschaftliche Bezeichnung für Verhaltensweisen wie diese lautet Hybristophilie. Im Jahr 2000 veröffentlichte die US-amerikanische Autorin Sheila Isenberg ein Buch zum Thema, dessen Titel das Phänomen bündig auf den Punkt bringt: “Women who loves men who kill”. Ihre etwas paradox anmutende These: Frauen, die in ihrer Kindheit Missbrauch und Gewalt erfahren haben, suchen einen Mann, der sie nicht verletzen kann – was ausgerechnet für besonders brutale Mörder gilt, da diese lebenslang hinter Gittern bleiben.
Dazu der Rechtspsychologe Steffen Dauer: “Grundsätzlich kann man sagen, dass die meisten Frauen, die sich solchen Männern hingezogen fühlen, auf eine problematische persönliche Entwicklung zurückblicken. Mit der Verehrung von Mördern wird versucht, den Wunsch nach Geborgenheit, Zuneigung oder einem anderen persönlichen Bedürfnis zu kompensieren. Ein anderer Hintergrund für ein solches Verhaltensmuster ist der Drang nach Weltverbesserung. Viele Frauen versuchen gemäß ihrer Weltanschauung, das Gute im Menschen hervorzubringen – auch wenn dieser solch schreckliche Taten wie einen Mord begangen hat.”
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1 Kommentar | 04. Oktober 2012 | 10:00 Uhr |
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Man kann das Thema nicht nur auf männliche Täter und weibliche Verehrerinnen reduzieren. Deshalb gibt es nicht nur eine Erklärung zu dem Phänomen. Da spielen viele Faktoren eine Rolle, meines Erachtens spielt eine große Rolle der Umstand, dass die Empörung über bestimmte Taten nur die Sicht der öffentlichen Meinung widerspiegelt, insgeheim denken viele Leute anders. Das war auch bei der Reaktion auf den 9.11. so, Osama bin Laden hatte nicht nur Fans, weil er so gut aussah.