Welche Stadt ist die deutsche Internethauptstadt?

Braucht es eine Internet-Hauptstadt? (Foto: Julius Endert)

Braucht es eine Internethauptstadt? (Foto: Julius Endert)

Heute eröffnet Prof. Michael Rotert, Vorstandsvorsitzender von eco – Verband der deutschen Internetwirtschaft e.V. mit der Aktion “Wir vernetzen Köln” die Internetwoche Köln. Die Aktion soll “die Vielfalt der Akteure und das Internet-Know-how in Köln sichtbar machen.” Denn die Stadt mit dem Dom möchte gerne Internethauptstadt werden. Doch andere Städte wollen das auch oder sind es vielleicht sogar. Die deutschen Metropolen haben nämlich erkannt, wie wichtig die digitale Wirtschaft geworden ist.

Hyperland hat vier Journalisten aus vier potentiellen Internet-Haupstädten nach ihrer Meinung gefragt:

Torsten Kleinz, Journalist aus Köln, meint:

Köln ist Deutschlands Internethauptstadt – keine Frage. Denn Kölner verstehen etwas von Karneval – und seien wir ehrlich: Das Internet ist Karneval. Der Facebook-Slogan “Gefällt mir” ist nur eine Variante des Karnevals-Rufs “Alaaf”, die Google-Circles ein vager Abklatsch des Kölner “Veedels” und der Rhein fließt mächtig wie der Strom der Twitter-Nachrichten.

Aber im Ernst: In Sachen Internet hat sich die Stadt gehörig gemacht. So hat sich die Messe die Spielemesse Gamescom und die Internet-Marketing Messe Dmexco gesichert. Betahaus und Clusterhaus bieten Arbeitsplätze für digitale Freiberufler und Startups. Die Hacker vom CCC ergründen die Technik wie auch die Kulturarbeiter, die Kölner Internet-Union knüpft Verbindungen um sie zu verkaufen. Die weltweite Bewegung der Hackerspaces nahm in Köln ihren Anfang. Und bald soll es auch die .koeln-Internetdomains geben.

Und: Über Jahre wurden überall die Straßen in Köln aufgerissen, um 100-Megabit-Glasfaser-Leitungen bis zu jedem Haus zu legen. Und die Kölner fangen an sie zu nutzen. Wo die Stadtverwaltung mit der Datentransparenz schnell genug ist, stellen Aktivisten Mal eben selbst die kommunalen Akten online. Die Stadt will nun nachziehen und hat ein ganzes Konzept für die Internetstadt Köln erstellt. Und seit heute feiert die Stadt gar eine ganze Internetwoche.

 

Andreas Winterer, Journalist aus München, meint:

München hat deutlich mehr Laptops als Lederhosen! Die Stadt punktet nämlich mit hoher Lebensqualität, und die sorgt für qualifiziertes Personal in zahlreichen soliden Unternehmen. “München ist die Internet-Hauptstadt für digitale Anwendungen mit wirtschaftlicher Relevanz.”, glaubt daher Florian Semle, dessen Internet-Agentur Freelations als eine von vielen namhafte Kunden wie Siemens oder die Fraunhofer Gesellschaft berät. “Keine andere deutsche Stadt hat ein vergleichbares wirtschaftliches Umfeld aus High Tech, Versicherungen und Finanzen, Forschung und Life Science.”

Münchner Startups mag es an Zahl und stellenweise auch an Glanz fehlen, doch das macht es an Relevanz wieder wett. Eher kleine oder vergleichsweise junge Unternehmen wie Appadvisors (Apps), Experteer (Karriere), Skoobe (E-Book-Flatrates), Metaio (Augmented Reality), Secure.me (Facebook-Sicherheit) oder Westwing (Shopping) finden sich in München ebenso wie etablierte Marken wie Amazon, Microsoft oder Yahoo.

Hinzu kommt eine gewachsene Infrastruktur mit großen und kleinen Events wie Münchner Webwoche und Medientage München, E-Commerce-Messe Internet World und Digital-Konferenz DLD sowie das Bloggertreffen des Social Media Club München.

 

Michael Seemann, Blogger u. Kulturwissenschaftler Berlin, meint:

Seit ich 2008 nach Berlin gekommen bin, zieht ein nicht enden wollender Track Internetbegeisteter berlinwärts. Gerade erst im Netz kennengelernt, schon helfe ich beim Möbelschleppen. Sie kommen aus dem selben Grund wie ich damals: Es macht einfach Sinn hier zu wohnen, wo das Internet seine Schrippen kauft. Onlinekontakte werden nirgends schneller zu persönlichen Kontakten und umgekehrt.

Alle sind hier. Denn der Diskurs über das Internet, der wird hier geführt; In unzähligen Veranstaltungen, nicht nur der re:publica oder der Next-Conference. Die parteinahen Stiftungen laden zu netzpolitischen Diskussionsabenden, die Lobbyverbände veranstalten Soirees, die Startups schmeißen ausufernde Partys. Jeden Tag ist was los.

Vor kurzem hat Twitter entschieden, sein Deutschlandbüro in Berlin aufzumachen. Google und Facebook haben hier längst Büros. Die Berliner Startupszene ist so erfolgreich, dass es englischsprachige Techblogs mit Berlinfokus zu großem Publikum schaffen.

Berlin ist die Internethauptstadt, sogar ohne Applestore.

 

Daniel Bröckerhoff, Journalist aus Hamburg, meint:

Köln – Internethauptwas?!

Soso, das provienzielle Rennen um den Titel “Internethauptstadt” blockiert also wieder die Hypernet-Highways. Als ob es nichts Wichtigeres gäbe. Und: als ob das nicht reichte, will sich also ausgerechnet Köln diesen Titel an den Dom heften.

Köln?! Moment. Wenn ich an Köln denke, denke ich an das Schokoladenmuseum (sehr analog), an RTL und WDR (auch nicht gerade Internet-Vorreiter), an eine enge Einkaufsmeile (besser online shoppen) und an Karneval. Nicht an Start-Ups, nicht an Barcamps, Twittwochs oder netzpolitische Treffen. Vielleicht bin ich ahnungslos, ignorant und unwissend. Aber knappe zwei Jahre in Köln haben mich nie an Silicon Vogelsang vorbeigeführt.

Allerdings muss ich einräumen: Auch Hamburg sollte nicht versuchen, sich den Titel “Internethauptstadt” ans Rathaus zu tackern. Ja, Google hat sich ein nettes hanseatisches Büro gebaut, die Businessnetzwerker von Xing haben (noch) ihren Standort hier und auch Facebook soll sich gerüchtehalber am Rödungsmarkt rumtreiben.

Doch es gibt weder eine hochaktive Blogger-, noch Twitterszene, von netzpolitischen Abenden hab ich noch nichts gehört. Auch die Versuche von @blastactionhero den Nerd-Clubabend #tassebier nach Hamburg zu importieren waren bislang eher bescheiden besucht.

Hamburg ist keine Internet-Diaspora. Aber Internethauptstadt? Naah. Aber: Braucht es den Titel überhaupt? Wir haben doch schließlich das Internet. In dem Raum und Zeit nicht mehr so wichtig sind.

Was meinen Sie? Abstimmen unter:

http://www.facebook.com/Hyperland

 

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

 

13 Kommentare | 10. September 2012 | 13:26 Uhr | Twittern | Facebook

13 Kommentare

  1. Geht’s noch?

    Eine Internethauptstadt ? Weder die Berliner, die sich dank re:publica und anderem schon viel zu wichtig nehmen, noch die “Batzis” sollten sich das Recht herausnehmen, eine Hauptstadt im www darstellen zu wollen.

    Hauptstadt ist, wo grad was geht! Und wenn es die Facebookseite von Klein-Kleckersdorf ist oder eine Kleinstadt, die ihre Fußgängerzone mit kostenlosem WLAN ausstattet ( das dann auch funktioniert!).

    Ach, und nebenbei: falls es sowas geben muss, dann bitte NICHT Hamburg – das disqualifiziert ein gewisses Gericht mit gewissen Abmahnwellen schon grundsätzlich :-)

    Daniel Lücking | 10. September 2012 | 13:50
  2. Internethauptstadt ist und bleibt Mainz :-)

    Heiner, der Profi-Perverse | 10. September 2012 | 14:42
  3. Keine Stadt, die fairen Wettbewerb im Internet durch einseitige PPP-Projekte bei ihren kommunalen Internetauftritten behindert – etwa beim Betrieb von Stadt-Domains wie in Berlin, Köln, Hamburg oder München und entsprechende Exklusivverträge mit einzelnen Anbietern abschließt – hat die Bezeichnung “Internethauptstadt” verdient.

    Vgl. Berlin:
    http://www.kek-online.de/db/index.php?c=3695&mt=2&s=&f=1

    Köln: Exklusivvertrag mit Netcologne
    München: Sparkasse und Stadtwerke
    Vgl. http://www.ris-muenchen.de/RII2/RII/DOK/SITZUNGSVORLAGE/538747.pdf

    Vgl. Hamburg:
    http://www.kek-online.de/db/index.php?c=3588&mt=-1&s=hamburg.de&f=0

    Frankfurt, Düsseldorf und Hannover (und weitere) produzieren z.B. ihre Auftritte nach ersten Recherchen ohne einseitige Verträge.

    Anonym | 10. September 2012 | 15:55
  4. Andreas Winterer hat absolut Recht, wenn er München als Hauptstadt des Internets bezeichnet. Viele IT-Firmen, auch Google, haben in München Standorte und entwickeln da neue Produkte.

    Stefan | 10. September 2012 | 18:02
  5. Ich denke, die Frage erübrigt sich seit mindestens 5 Jahren. Berlin hast sich vom Rest abgekoppelt. In Berlin gibt es mehr Internetstartups als im Rest der Republik.

    Wir betreiben ein Social Network für Schwangere und Mütter, und haben auch überlegt nach Berlin zu wechseln, um von der Infrastruktur zu profitieren.

    Valery | 10. September 2012 | 20:03
  6. München als Internethauptstadt liegt eigentlich auf der Hand.

    Erster Apple Store Deutschlands.

    Deutschland Head Offices von:
    Microsoft, Google, Oracle, Siemens, eBay, Amazon, Telefonica, Tomorrow Focus AG, Scout24 Holding und viele mehr…

    Kein Wunder. Welcher Vorstand möchte schon mit seiner Familie im versifften Berlin oder so leben.

    my two cents

    canmc | 10. September 2012 | 22:45
  7. Köln? Ich biete Düsseldorf, weil es nicht Köln ist und eine lebhafte Tweetup Szene hat. Und besseres Bier. Meine zweite Wahl und mein Votum geht nach Berlin. Aus genannten Gründen.

    Carmen | 11. September 2012 | 07:49
  8. 2009 gab es in Köln mal einen Vorstoss der SPD, der aber leider im Sande verlief weil, mit dem Internet haben es die Politiker in Köln nicht so, ist auch viel zu transparent, man wartet hier lieber ab und guckt was die anderen so machen…..

    macbroadcast | 11. September 2012 | 14:18
  9. Bielefeld. Alles andere ist too real.

    Jens Best | 11. September 2012 | 14:28
  10. Alles Quatsch: Wenn überhaupt, dann ist die Kleinstadt Norden in Ostfriesland die Internethauptstadt Deutschlands. Dort ist nämlich die dt. Seekabelendstelle, folglich hat Norden den größten Datendurchsatz und den Anschluss mit der größten Bandbreite :-) .

    Link:
    http://www.zeit.de/2001/27/Neue_Kabel_und_viel_Meer

    Thorsten | 11. September 2012 | 14:52
  11. Die Information des ZDF scheint etwas veraltet zu sein. Die Initiative zur “Internethauptstadt” Köln datiert aus dem Jahr 2010 und geht auf ein Konzept des SPD Fraktionschefs im Rat, Martin Börschel, zurück. Mittlerweile ist auch am Rhein wieder Ruhe eingekehrt und die Stadt hat das Projekt “Internetstadt Köln” in ihr Programm aufgenommen. Damit ist das wohl geklärt. Ob die schiere Anzahl großer Internet- oder IT-Unternehmen eine Stadt für den Titel “Internethauptstadt” qualifiziert, ist sicher auch zu hinterfragen. Die “Magie” des Internet steckt doch nicht in Google und auch nicht Oracle der Microsoft. Da finde ich das Startup-Argument für Berlin grundsätzlich überzeugender, insbesondere, da es in Köln ebenfalls eine sehr lebendige und kreative, leider nicht so bekannte, Startup Szene gibt. Daran arbeiten wir aber gemeinsam mit Veranstaltungen wie der Internetwoche Köln, die jetzt in die dritte Auflage geht.

    Thomas Lenz | 11. September 2012 | 16:42
  12. O Gott, soviel Gülle habe ich schon lange nicht mehr gelesen.

    Paul Fehsbook | 11. September 2012 | 16:46
  13. korrekt! nur patienten hier.
    PS: Internethauptstadt ist und bleibt Frankfurt-Höchst: “Ischweisswodeinehauswohnt”

    scheisse | 11. September 2012 | 20:42