Was Facebook aushackt

Entwickler auf der Suche nach neuen Facebook-Funktionen. (Foto: David Pachali)

Entwickler auf der Suche nach neuen Facebook-Funktionen. (Foto: David Pachali)

Der “Facebook World Hack” macht Station in Berlin. Freie Entwickler treffen dabei auf Facebook-Ingenieure. An einem Tag sollen neue Anwendungen für das soziale Netzwerk entstehen.

 

Eine App für den Barbesuch wollen Miguel Beltram und Javi Dolcet entwickeln. Die beiden spanischstämmigen Entwickler nennen das Projekt “Beer Gusta”. Wer ein Getränk in der Hand hält, das ihm gefällt, kann das Etikett scannen, mehr darüber erfahren und seine Entdeckung mit den Facebook-Freunden teilen. Die Idee dazu hatten sie in der Früh, am Abend sollen zumindest die Grundfunktionen stehen.

Sie sitzen im Berliner Café Moskau, zusammen mit etwa 200 weiteren Besuchern, die meisten von ihnen Entwickler, die zum Facebook “World Hack” gekommen sind. In kleinen Gruppen von zwei bis drei Menschen haben sie sich mit Rechnern auf Kissen und Sofas versammelt. Facebook hat zum “Hackathon” geladen – einen Tag lang sollen neue Ideen und Produkte entstehen, die das soziale Netzwerk erweitern und seine Funktionen nutzen.

Andere Teilnehmer feilen an bestehenden Produkten weiter: Eine Smartphone-Anwendung fürs Jogging haben René Giretzlehner und Matthias Leitner von “Runtastic” entwickelt, beim Hackathon wollen sie weitere Funktionen in Gang bringen.

Facebook pflegt seine Hacker-Kultur

Auf seine “Hacker-Kultur” legt das Unternehmen großen Wert. Zum Börsengang im Mai meldete sich Mark Zuckerberg mit einem Brief zu Wort. “Unsere Unternehmenskultur und unser Managementansatz ist einzigartig. Wir nennen es die Hacker-Methode”, schrieb er darin. Während der Begriff in den Medien oft negativ konnotiert sei, bedeute Hacken in Wahrheit, schnell Neues zu entwickeln und die Grenzen des Machbaren auszutesten.

Um das zu demonstrieren, veranstaltete man noch in der Nacht zum Börsengang einen solchen Hackathon. Hier entstehen nicht nur abseitige Ideen wie etwa ein 13 Meter großer QR-Code auf dem Dach des Firmensitzes – viele Funktionen wie etwa die Facebook-Chronik oder der Like-Button haben in den hauseigenen Hackathons ihren Ursprung. Für Facebook dienen die Programmierertreffen nicht nur dazu, neues Personal zu gewinnen, Lücken im System zu finden und Fehler auszubessern – diese “Coding-Sessions” sind auch eine Art ausgelagerte Entwicklungsabteilung, die Innovationen ins Haus liefert.

Facebook in allen Lebenslagen

Die Entwicklungsperspektive beschreibt Facebook-Ingenieur Simon Cross so: “Wir wollen der ‚Social Layer’ für Anwendungen auf allen Plattformen sein.” Das heißt: Was man als Nutzer auch macht, es lässt sich bei Facebook abbilden: Wer wo einen Song hört, wer wo einen Kaffee mit wem trinkt – über das “Open-Graph-Protokoll” als Schnittstelle lassen sich alle möglichen Aktionen in kleine Mitteilungen übersetzen. Statt Statusupdates noch selbst zu verfassen, übernehmen immer mehr kleine Anwendungen das Befüllen des News-Streams.

Für Facebook als Werbetreibenden ist das Ziel dabei klar: Noch mehr Menschen auf die Plattform bringen – beim Hackathon könnte das nächste Feature entstehen, dem das gelingt. Facebook setzt schon lange auf die in der Start-Up- und Entwicklerszene üblichen Coding-Marathons – der World Hack, der im Moment auf allen Kontinenten stattfindet, erweitert das Konzept um eine Welttournee. Neben Berlin gibt es gleichartige Veranstaltung etwa in Austin, Jakarta, Bangalore und Moskau.

Heute wird in Berlin im Café Moskau noch weiter gecodet – am Abend werden die Ergebnisse präsentiert. Als Gewinn winkt ein Flug zum neuen Firmensitz in Menlo Park – für ein Team pro Kontinent.

Dass die demonstrativ zur Schau gestellte anarchische Hacker-Kultur des börsennotierten Unternehmens Grenzen kennt, haben die letzten Wochen jedoch ebenfalls gezeigt. Der Entwickler Dalton Caldwell sorgt mit einem offenem Brief an Mark Zuckerberg für Aufmerksamkeit. Seine Anwendung app.net kam dem Geschäftsmodell des App Centers in die Quere. Nach seiner Schilderung wurde er von Facebook dazu gedrängt, sein Unternehmen zu verkaufen oder hinzuschmeißen. Per Crowdfunding sammelte er in nur zwei Wochen eine halbe Million Dollar, um sein Projekt doch noch ans Laufen zu bringen. Facebook muss aufpassen – es braucht Innovationen für seine Plattform, doch womöglich entsteht sie dann außerhalb des eigenen Ökosystems.

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Kommentieren | 11. September 2012 | 20:20 Uhr | Twittern | Facebook