“Nicht-Sozial” per Mausklick

Apps versprechen Rettung vor den Gefahren des Internets (Foto: Julius Endert)

Apps versprechen Rettung vor den Gefahren des Internets (Foto: Julius Endert)

Verdummung, kognitive Störungen, Suchtgefahr – Experten wie Hirnforscher Manfred Spitzer sind sich sicher: Das Internet ist gefährlich. Was sie nicht wissen: Für all das gibt es eine Lösung. Und sie kommt sogar aus dem Internet und verspricht uns Süchtigen Besserung.


“Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift. Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist”, soll der Arzt Paracelsus gesagt haben. Gut, er kannte das Internet noch nicht. Das Internet ist böse, kennt keine Dosis. Es ist pures Gift. Das Internet hat schon 250.000 von uns süchtig gemacht, heißt es in den Medien und bedroht uns mit digitaler Demenz. Es gibt zwei Lösungen: Entweder man beschäftigt sich seriös mit dem Internet oder man braucht Unterstützung: Apps wie “Anti-Social”, “Freedom” oder “SelfControl” wollen uns helfen.

“Diese Apps eignen sich wunderbar für Studenten und für alle, die den ganzen Tag am Computer arbeiten müssen”, sagt Fred Stutzman gegenüber Hyperland. Er hat “Anti-Social“ und “Freedom” entwickelt. Einmal installiert und eingestellt sorgen die Apps dafür, dass wir keinen oder nur beschränkten Zugang zum Internet haben.

Zwanzig Minuten “asozial”

Ich starte einen Selbstversuch. Ich lade die Testversion von Anti-Social herunter. Sie verspricht, mich von den “sozialen Teilen” des Internets wegzusperren. Damit sind Dienste wie Facebook, Twitter, LinkedIn und viele andere “Social Networks” gemeint, ich kann aber auch selbst Webseiten hinzufügen, von denen ich fernbleiben möchte. Nachdem Start fragt mich die App: “Wie viele Minuten würden Sie gerne asozial sein?” 20 Minuten gebe ich ein. Die App hält, was sie verspricht: Versuche ich, mit dem Browser auf Twitter oder Facebook zu gelangen, so kommt eine Fehlermeldung. Die einzige Möglichkeit, die Sperre zu umgehen, wäre ein Neustart des Computers. Anti-Social kostet in der Vollversion 15 Dollar.

“Ich empfehle den Nutzern langsam zu beginnen, am besten mit einer kleinen Session. Es ist ein radikales Gefühl vom Internet weggesperrt zu sein”, sagt Stutzman. Wir seien im Grunde soziale Lebewesen, deswegen würde es uns so schwer fallen, andere Menschen im Internet abzuschalten. “Deswegen sind Facebook und Twitter so fesselnd.”

Die Psychologin Petra Schuhler bestätigt diese Vermutung: “Das Verführungspotenzial des Internets ist hoch. Man kann zum Beispiel in Spielen oder Chats eine Menge tun für seinen Selbstwert und die Anerkennung durch andere. Das sind mächtige Motivationsquellen. Und wenn jemand da Bedarf hat, dann hat das Internet eine große Anziehungskraft.”

Nicht nur für Künstler

Während “Anti-Social” nur für Applecomputer angeboten wird, ist “Freedom” auch mit Windows kompatibel. Kann man mit “Anti-Social” sich von einzelnen Webseiten wegsperren lassen, blockt Freedom den kompletten Internetzugang nach dem gleichen Prinzip. Die Vollversion von Freedom kostet zehn Dollar.

Steve Lambert bietet mit “SelfControl” eine ähnliche, aber radikalere App an: “Man kann zum Beispiel den Zugang zu seinem E-Mail-Postfach, zu Facebook oder Twitter für 90 Minuten sperren, aber immer noch im Internet surfen”, schreibt Lambert auf seiner Homepage. Hat man allerdings einmal die App gestartet, lässt sie sich auch nicht mit einem Neustart des Computers umgehen. “Du musst warten, bis die Zeit abläuft.” Die App “SelfControl” ist kostenlos und paradox: Sie verspricht mehr Selbstkontrolle durch den Entzug von Kontrolle über den eigenen Rechner. Lambert hat den Quellcode veröffentlicht und Internetnutzer haben auch bereits eine Linuxversion programmiert. “Ich bin Künstler, und als jemand, der Dinge herstellt, weiß ich, dass die Zeit für meine Arbeit von unschätzbarem Wert ist”, meint Steve Lambert.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

5 Kommentare | 17. September 2012 | 14:09 Uhr | Twittern | Facebook

5 Kommentare

  1. die sonst bei den Privatsendern zum Standardrepertoire in Sachen Wissensvermittlung gehören. Oder sollte es ein Werbefilmchen für betreffende Firmen sein?

    Shanita Fadden | 18. September 2012 | 11:15
    • @Shanita Fadden
      Schön können Sie die Texte kopieren, wie bei Log in.

      Stefan | 18. September 2012 | 12:15
  2. Meine Version ist ganz einfach. Neben dem Fernseher und neben dem Computer liegt eine Stoppuhr. Sie läuft, wenn einfach so herumgeguckt oder herumgesurft wird. Gezieltes Suchen z.B. nach bestimmten Produkten oder Wikipedia-Infos zählt nicht. Es gibt diese Mehrfach-Timer, da kann man mehrere Sorten von Surfen unterscheiden, z.B. “nur schmökern”, “Kommentare schreiben”. Die Sache muss einfach bleiben, soll keine zusätzliche Zeit fressen.

    Hat man nur einen rückwärts laufenden Timer, ist das kein Problem. Man setzt ihn z.B. auf 10 Stunden. Dann sind z.B. 8:45 in Wirklichkeit 1 Stunde plus 15 Minuten. Ab und zu wird der Zwischenstand abgeschrieben. So zerstört ein Fehler (z.B. vergessener Stopp) nicht den ganzen Tageswert.

    Weitere Maßnahme: Diese scheinbar lustigen kleinen Spielchen wie Solitär, Minesweeper, Tetris habe ich deinstalliert. Eine Art Tetris ist nur auf Diskette im Nebenzimmer. Warum frisst so etwas so viel Zeit? Da macht man einen kleinen Fehler, und den will man im nächsten Durchgang nicht mehr machen. Man kennt das ja ;-)

    Die Bilanz ist erst mal ein heilsamer Schock. Ein bisschen online geblättert, waren das insgesamt wirklich 2 Stunden? Ein bisschen ferngesehen, keine Shows, keine Spielfilme, waren das wirklich noch mal zwei Stunden?
    Wem das zu aufwändig ist, muss nicht jeden Tag kontrollieren. Man kann ab und zu einen kontrollierten Tag einschieben. Wer eine spezielle Vorliebe hat, z.B. Facebook, kann speziell die Facebookzeit kontrollieren. Ich hasse externe Überwachung. Aber ein bisschen “Nachhilfe” für die Selbstdisziplin schadet nicht. Für mich ist es ein Zeitgewinn.

    Bertram in Mainz | 19. September 2012 | 00:45
    • Das Wichtigste ist tatsächlich die Erkenntnis, dass in den Medien, egal ob TV oder Web, neben Nutzen auch wahnsinnig viel Verschwendung guter Lebenszeit lauert.

      Und wie sagt man so schön: Einsicht ist der erste Weg zur Besserung. Und wenn eine Stoppuhr hilft, warum nicht? :-)

      Reime Freund | 19. September 2012 | 08:41
  3. Hier kann man vortrefflcih streiten, wie sinnvoll oder -los solche Apps und kleinen Kontroll-Programme wirklich sind. Ganz ehrlich geagt hätte ich es vor ein paar Jahren selbst noch nicht für möglich gehalten, dass man tatsächlich süchtig nach Internet und vor allem der sozialen Komponente des Netzes werden kann. Aus diesem grund werde ich mir so ein Porgramm wohl mal für den Selbstversuch zulegen.
    Wenn man sporadisch mal von “Online-Süchtigen” liest, dann klingt es immer, als sei nur ein Bruchteil der Menschen betroffen. Wenn ich mich aber bei der Arbeit, im ÖPNV oder allgemein auf der Straße, in Cafés und Läden umschaue, dann hab ich das Gefühl, so gut wie keiner kommt mehr ohne das angeblich “soziale” Internet klar.

    Nick S. | 20. September 2012 | 15:13