Mexiko: Kritischer Journalismus via Twitter

Journalisten leben in Mexiko gefährlich (Grafik: Articulo 19, CC BY-NC-SA 2.0)

Journalisten leben in Mexiko gefährlich (Grafik: Articulo 19, CC BY-NC-SA 2.0; Quelle: Flickr)

Mexiko gehört zu den gefährlichsten Ländern für Journalisten. Drogenkartelle, korrupte Polizisten und Verlagsmanager setzen unbequeme Fragesteller zunehmend unter Druck. Kritischer Journalismus findet fast nur noch im Netz statt. Insbesondere Twitter ist zur neuen Heimat einer kritischen Öffentlichkeit geworden.

 

Mexikanische Telenovelas haben einen neuen Konkurrenten: Mexikanische Nachrichtensendungen. Die Meldungen sind jedenfalls an Absurdität kaum zu überbieten.

Ende August beispielsweise berichteten die Nachrichten von der Festnahme von 18 “Schmuggel-Journalisten”, die mit Presseausweisen und einem Dienstwagen des Medienkonzerns Televisa die nicaraguanische Grenze überqueren wollten. Im Gepäck: 9,2 Millionen Dollar in bar und Spuren von Kokain.

Noch während im Fernsehen die Staatsanwältin Marisela Morales betonte, dass Televisa nichts mit dem Vorfall zu tun habe, brach sich unter dem Hasthtag #NarcoTelevisa auf Twitter die Empörung Bahn. Denn: So wirklich glauben wollte der Staatsanwältin niemand,  Televisa werden schon lange Geschäfte mit den Kartellen nachgesagt.

Politiker und Journalisten als Erfüllungsgehilfen der Kartelle

Der Vorfall passt in ein Muster, das in Mexiko seit Jahren zur traurigen Realität gehört: Journalisten und Politiker sind in vielen Fällen zu Erfüllungsgehilfen der Drogenkartelle geworden. Der Zorn und Frust der Bevölkerung entlädt sich derweil in den sozialen Medien.

Den Journalisten kann man für ihr Schweigen keinen Vorwurf machen. Wenn sie ihr Leben und ihre Karriere nicht gefährden wollen, bleibt ihnen nichts anderes übrig. In den letzten zwölf Jahren sind laut der Nichtregierungsorganisation Articulo 19 (Artikel, der die Meinungsfreiheit garantiert), 72 Journalisten getötet und 13 entführt worden – und das sind laut Pressesprecher Antonio Martinez “sehr vorsichtige Schätzungen.” Die tatsächlichen Zahlen, so Martinez, dürften ein Vielfaches höher sein.

Gezielte Angriffe auf die Meinungsfreiheit

In dem Bericht “Angriff auf Mexikos Presse“, herausgegeben von der Weltgesellschaft der Zeitungsverleger (WAN-IFRA) fasst Larry Kilman die Lage so zusammen: “Journalisten werden gezielt attackiert, um die Berichterstattung zu kontrollieren, sowie Demokratie und Meinungsfreiheit zu untergraben.”

Auf nennenswerten Widerstand, so Martinez, stoßen die Kartelle dabei kaum: “Nicht die Drogenbarone, sondern die Journalisten werden von allen Seiten unter Druck gesetzt: Von ihren eigenen Vorgesetzten ebenso wie von korrupten Provinzpolitikern.”

Die Einschüchterungstaktik hat dramatische Auswirkungen. Eine aktuelle Studie der Universität Toronto weist nach, dass mexikanische Journalisten unter ähnlichen Traumata leiden wie Kriegsreporter.  Von einigen wenigen mutigen Ausnahmen abgesehen machen Journalisten daher einen großen Bogen um heikle Themen.

Lokalberichterstattung auf Twitter

Umso wichtiger wurden soziale Netzwerke. Insbesondere im lokalen Rahmen haben sich informelle Netzwerke aus Bürgerjournalisten gebildet, die im Schutz der Anonymität eine Gegenöffentlichkeit aufbauen konnten. In vielen Regionen zählen sie zur vertrauenswürdigsten Quelle für die Berichterstattung über die Gewalt der Drogenkartelle . Für die besonders brutalen Gemetzel zwischen konkurrierenden Kartellen in der Stadt Reynosa, hat sich beispielsweise das Hashtag #reynosafollow etabliert.

Die Studie “Hidden in Plain Sight (PDF) analysierte eines der lokalen Netzwerke und kommt zu dem Schluss: “Die einflussreichsten Personen innerhalb der Netzwerke nutzen anonyme Accounts.” Auch auf diese Personen oder Netzwerke werde zwar von außen Druck ausgeübt, aber bislang gelang es den Kartellen – von wenigen Ausnahmen abgesehen – nicht, entsprechende Profile zu enttarnen.

Die Uhr tickt – langsam

Wie lange sich die Bürgerjournalisten noch unter Pseudonymen verstecken können ist dabei fraglich. In einem Land, in dem Kriminelle sich Einfluss bis in die höchsten Ämter gesichert haben, ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Geheimdienst Wege findet, die Netzwerke aufzudecken. Ein paar Jahre, so schätzt Martinez, wird das aber noch dauern: “Unsere Sicherheitsbehörden haben zum Glück immer noch überhaupt keine Ahnung von Twitter.”

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

2 Kommentare | 28. September 2012 | 12:00 Uhr | Twittern | Facebook

2 Kommentare

  1. @Redaktion
    “Kalle” ist die Person mit den Bibelversen, die Ihr zurecht bei Hyperland gesperrt habt.

    Stefan | 29. September 2012 | 13:39
    • Ja, ein ganz hartnäckiger Typ. Am besten ignorieren.

      Seine Beiträge werden früher oder später eh gelöscht. ;-)

      Ole Joerenson | 30. September 2012 | 09:45